Jochen Schweizer : Ein Leben voller Extreme

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Wochenend-Interview: Jochen Schweizer liebt die Gefahr.

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10. September 2017, 09:00 Uhr

Jochen Schweizer ist vielen aus der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ bekannt, bei der er bis zum letzten Jahr als Investor aktiv war. Der 60-Jährige ist leidenschaftlicher Extremsportler. Im Interview hat er verraten, welches Ereignis dazu geführt hat, dass er seine Karriere als Stuntman beendet hat, und warum er aus der TV-Show „Höhle der Löwen“ ausgestiegen ist.

Herr Schweizer, Ihr Leben steckt voller Rekorde: Wollten Sie auch schon im Kindergarten den höchsten Bauklötze-Turm bauen?
Ja, absolut. Ich wollte auch schon als kleiner Junge auf der höchsten Stelle auf dem Baum sitzen.

Warum war es 1997 an der Zeit, Ihre Karriere als Stuntman zu beenden?
Ich war damals im Auftrag für Fisherman’s Friend dabei, den Weltrekord für den tiefsten Bungee-Sprung aller Zeiten aufzustellen. 1000 Meter in die Tiefe aus einem Helikopter in 2500 Meter Höhe. Das wurde von sechs Helikoptern, 25 Kamera-Teams, dem Guinnessbuch der Rekorde und einem Notar begleitet. Das war für mich damals die höchste Gage, die ich je für einen Stunt bekommen hatte. In der Regel bin ich vor solchen Aktionen immer ganz früh morgens wach und sehr konzentriert gewesen. Morgens um 7.30 Uhr rief mich dann mein damals achtjähriger Sohn an und sagte: „Papa, ich will nicht, dass du diesen Sprung machst.“ Das hat mich so berührt, dass ich ihm versprochen habe, dass ich diesen Sprung jetzt noch mache. Den musste ich machen, denn ich will meinen Söhnen ja auch ein Vorbild sein und zeigen, dass man etwas zu Ende bringt, wenn man es zugesagt hat. Aber ich habe gesagt, dass ich danach keinen Stunt für Geld mehr mache, am Abend pünktlich zu Hause bin und ihn ins Bett bringe. Und daran habe ich mich auch gehalten.

Hatten Sie vorher noch nie den Gedanken, dass es für Ihre Familie belastend ist, wenn Sie sich immer wieder in Lebensgefahr bringen?
Das war der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass es wirklich nicht mehr nur um mein Leben geht und nicht nur um die Dimension meines persönlichen Erlebens, sondern dass es auch meine Familie betrifft. Und dass ich eigentlich dabei war, früher oder später den Zustand der Vaterlosigkeit für meine Kinder zu erzeugen. Diese Erkenntnis habe ich durch den Anruf meines Sohnes erlangt.

Sie sind 60 geworden – ist es Zeit, ruhiger zu werden?
Die Ruhe ist etwas für die Pyramiden. Ich habe gerade erst eine neue Sportart erlernt: Wellenreiten. Das ist keine Frage des Alters, sondern eine der Einstellung und der Lebenshaltung. Im Übrigen sagen ja die Mädels in meiner Firma, wenn sie meinen, dass ich nicht zuhöre: „Vom Hals abwärts sieht er ja ganz gut aus.“ (lacht) Ich lebe ein leidenschaftliches und erfülltes Leben.

2003 gab es an Ihrer Anlage am Florianturm in Dortmund einen tödlichen Bungee-Unfall. Das Seil des 31-jährigen Springers war gerissen. Was hat dieser Unfall mit Ihnen gemacht?
Das war die schwerste und schlimmste Zäsur in meinem Leben. Mein Leben wurde in eine Zeit vor diesem tragischen Unfall und in eine Zeit danach geteilt. Das ist etwas, was nie wieder gut wird. Es kann nie wieder gut werden. Eine Familie hat einen Sohn verloren. Meine Schmerzen und mein Leid sind nichts gegen die Dimension des Leides der Hinterbliebenen. Insofern ist meine Geschichte da überhaupt nicht relevant. Relevant sind alleine die Konsequenzen für die Familie.

Welche unternehmerischen Entscheidungen haben Sie durch diese Erfahrung getroffen?
Mein Sicherheitsbewusstsein konnte dadurch nicht größer werden, das war vorher auch schon bei 100 Prozent. Ich habe aus dem Unglück jedoch die Lehre gezogen, dass meine unternehmerische Verantwortung nie endet, sondern immer weiter wachsen muss.

Wie sind Sie dann auf die Idee gekommen, Erlebnisgutscheine zu verkaufen?
Ich habe verstanden, dass Erlebnisse der Kitt jeder sozialen Beziehung sind. Insbesondere für Firmen und Gruppen sind Erlebnisse ein unglaublich zusammenschweißender Faktor. Daraus habe ich für Firmen Konzepte entwickelt. Das können Incentive-Reisen sein, das kann ein Verkaufsförderungswettbewerb sein oder ein Kundenevent. Damals gründete ich das erste Unternehmen, das sich in dieser Klarheit mit der Nutzung von Erlebnissen für Firmenkunden beschäftigt hat, die Jochen Schweizer Corporate Solutions GmbH.

Wie kamen Sie auf die Erkenntnis, dass Erlebnisse der Schlüssel für gute Beziehungen sind?
Aus eigener Lebenserfahrung. Jeder Mensch macht die Erfahrung, dass er zu den Menschen, mit denen er eine Erfahrung teilt, eine besondere Verbindung hat. Das kann auch eine ganz banale Erfahrung sein: Man will zum Beispiel nur eine Fahrradtour unternehmen und wird von einem schweren Gewitter überrascht. Keiner will das, aber es ist ein Erlebnis. Und die Menschen, die in dieser Gruppe waren, bleiben sich in der Erinnerung daran für immer verbunden. Jetzt kann ich natürlich keine Gewitter- oder Hagelstürme erzeugen – das kann nur Zeus, und ich bin ja nur der Jochen. (lacht) Aber ich kann Situationen erzeugen, die ein Team nur gemeinsam bewältigen kann. Und in der gemeinsamen Bewältigung erwächst ein Zusammenhalt, der nachhaltig erhalten bleibt. Und genau diese Funktionen erfüllt die neu gebaute Jochen Schweizer Arena.

Wie kamen Sie zum Entschluss, das Portal für die Erlebnisgutscheine an ProSiebenSat.1 zu verkaufen?
Ich hatte alle meine Ziele erreicht: ein hochprofitables, gut aufgestelltes Unternehmen. Ich hätte natürlich einfach weitermachen können, aber das hätte für mich nichts Neues mehr beinhaltet.

Warum haben Sie bei der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ mitgemacht?
Diese Entscheidung ist mir sehr leichtgefallen, weil ich vorher auch schon junge Gründer mit einem eigenen Investmentfonds unterstützt hatte. Dieses Fernsehformat ist wichtig für die Gründerkultur in Deutschland und erreicht mit dem Unterhaltungsfaktor Millionen Menschen. Vielen davon kann dadurch Mut gemacht werden, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Deutschland kann gar nicht genug Menschen haben, die den Mut aufbringen, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

Und warum sind Sie 2016 ausgestiegen?
Weil ich nach drei Jahren erreicht hatte, was ich anfangs erreichen wollte: Ich wollte dazu beitragen, dass dieses Format ein Erfolg wird. Wir haben den Deutschen Fernsehpreis gewonnen, ich konnte ein gutes Dutzend interessanter Investments tätigen, und ich durfte lernen und verstehen, wie man als Mensch in einer TV-Show funktionieren muss. Es gab für mich nach drei Jahren also nichts Neues mehr zu lernen, zudem war ich laut mafo.de der beliebteste Löwe. Das hat mich sehr gefreut, denn eigentlich dachte ich immer, ich sei ein viel zu harter Knochen, als dass die Leute mich mögen. Ich war immer geradeheraus zu den Kandidaten. Das kann manchmal wehtun, aber es ist eine andere Härte, als die Leute runterzuputzen. Und das tue ich nicht, denn ich finde, jeder Mensch hat das Recht, mit Respekt behandelt zu werden.

Weshalb finden Sie es wichtig, Jungunternehmer zu unterstützen?
Wir haben in Deutschland eine Kultur, die das Gründen nicht einfach macht. Wenn ein kleines Kind laufen lernt und auf die Nase fällt, sagen wir „ist nicht so schlimm, steh wieder auf, versuch es noch mal“. Und das machen wir immer wieder, bis es laufen kann. Ein Gründer fällt in vielen Fällen mal auf die Nase. Dann muss man ihm helfen aufzustehen und sagen „jetzt hast du etwas gelernt, versuch es noch mal“. Denn Erfolg resultiert oft aus Scheitern. Aus dem Scheitern lernt man, und das führt zu erfolgreichen Gründern.

Wie motivieren Sie Menschen?
Indem ich selbst Erlebtes und manchmal auch selbst Erlittenes auf eine authentische Art vermittle. Und dabei auch die Lehre, die ich daraus gezogen habe. Die meisten Menschen wollen ja wissen, wie sie erfolgreich sein können – was auch immer das für sie bedeutet. Und darauf habe ich eine ganz klare Antwort: Erfolg basiert auf Kreativität in Verbindung mit dem starken Willen, sich anzustrengen. Der Wille ist die alles entscheidende Kraft. Die Bereitschaft, früher aufzustehen, härter zu arbeiten. Nicht planlos, sondern kreativ.

Und wie sich selbst?
Auch ich habe manchmal Tage, an denen ich mich kraftlos fühle. Dann versuche ich, mir ein, zwei Tage freizuschaufeln und gebe mir auch zwei Tage Ruhe, manchmal auch eine Woche. Ich gehe dann Kajakfahren oder ziehe mich zurück in mein Haus nach Norwegen.

Wenn Ihre Kinder eine Karriere als Stuntman ergreifen wollen, was sagen Sie?
Super Idee. Meine Kinder haben ein gesundes Verhältnis zum Risiko.

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