Elisabeth Mann Borgese : Ein Leben für die Meere

Elisabeth Mann Borgese und ihr Wegbegleiter Nikolaus Gelpke, Chefredaktuer der Zeitschrift mare, an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen, 1997.

Elisabeth Mann Borgese und ihr Wegbegleiter Nikolaus Gelpke, Chefredaktuer der Zeitschrift mare, an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen, 1997.

Sie war Wissenschaftlerin und Professorin, Seerechtsexpertin und Meeresschützerin, Autorin und Verlegerin. Vor allem war Elisabeth Mann Borgese aber eins: Weltbürgerin. Am 24. April wäre die „Lady oft the Oceans“ 100 Jahre alt geworden.

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21. April 2018, 16:00 Uhr

Um von der Initialzündung ihrer Liebe zum Meer zu berichten, hat Elisabeth Mann Borgese wiederholt eine Begebenheit aus ihrer Kindheit erzählt: „Ich sehe mich noch, gegen Abend, es war kühl, und ich zitterte ein wenig; teils weil es kühl war, teils aus Erregung. Wir standen am Strand. Ich, etwa fünf Jahre, an der Hand meines Vaters, und mein kleiner Bruder Michael. Wir schauten aufs Meer hinaus – das erste Mal in unserem Leben. ‚Das ist der Horizont‘, erklärte mein Vater. – ‚Und was ist hinter dem Horizont?‘, fragte ich.“

 Gut 70 Jahre später schien es ihr undenkbar, nicht am Meer zu leben und nicht vom Schreibtisch im oberen Stockwerk ihres Holzhauses in Kanada, wie vom Ausguck eines Schiffs, auf den Atlantik hinaus sehen zu können. „Wenn man über die Meere arbeitet, dann ist das hier der richtige Platz“, sagte sie. „Man hört das Meer. Nachts, tags. Das Licht wechselt alle zehn Minuten. Es ist so schön. Die Seevögel, die sich hier bei uns niederlassen. Es könnte nicht schöner sein.“

Zwischen diesen beiden Geschichten liegt das Leben einer Meeresschützerin und Wissenschaftlerin, wie es ungewöhnlicher nicht sein könnte. Elisabeth Mann Borgese hat sich niemals in wackligen Schlauchbooten vor die schussbereiten Harpunen von Waljägern manövriert, nie hat sie Strände bewacht, an denen Meeresschildkröten ihre Eier ablegen. Ihr Umweltschutz war globaler und politischer, aber auch schwerer zu fassen. Dabei widmete sie trotz der frühen Verbundenheit zum Meer die erste Hälfte ihres Daseins anderen Themen, auch gezwungenermaßen. Elisabeth wurde am 24. April 1918 als fünftes von sechs Kindern ihrer Eltern Katia und Thomas Mann, des aus Lübeck stammenden Literaturnobelpreisträgers, geboren. Sie wuchs in München in einem humanistisch geprägten, großbürgerlichen Umfeld auf. Als Elisabeth fünfzehn Jahre alt war, ergriffen die Nationalsozialisten in Berlin die Macht, und ihr Vater musste als prominenter Faschismusgegner samt seiner Familie in die Schweiz flüchten. Dort absolvierte Elisabeth die einzige Ausbildung in ihrem Leben, sie wurde Konzertpianistin. Nachdem den Manns die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, emigrierte Elisabeth mit ihren Eltern 1938 in die Vereinigten Staaten. Die Zeit im amerikanischen Exil empfand sie zunächst als „sehr hässlich“.

Im Jahr, als die Nazis in Europa den Zweiten Weltkrieg anzettelten, heiratete sie mit 21 Jahren den aus Italien emigrierten, fast 36 Jahre älteren Schriftsteller, Politologen und Antifaschisten Giuseppe Antonio Borgese. Während des Krieges wurde der Mann von Elisabeths Schwester Monika bei einem deutschen U-Boot-Angriff auf ihr Passagierschiff getötet. In der folgenden antikommunistischen McCarthy-Ära wurden Giuseppe Borgese und seine Ehefrau aus den USA verjagt. Sie remigrierten 1952 nach Europa, wo Borgese noch im selben Jahr in Italien starb.

Unter dem Eindruck der Kriegsgräuel und ihrer eigenen Betroffenheit arbeiteten die Borgeses von 1946 bis 1952 als Teil eines Komitees an der Utopie einer Weltverfassung. „Sie war eine Kämpferin für eine politische Idee, die auf einer gerechteren Welt fußte“, so Nikolaus Gelpke, Chefredakteur der Zeitschrift mare, der mit Elisabeth Mann Borgese über Jahrzehnte eng befreundet war. „So etwas, wie in diesem Krieg, sollte nie wieder passieren.“ Nach dem Tod ihres Mannes, ihre Töchter waren acht und zwölf Jahre alt, versackte ihr Engagement allerdings zunächst – wohl auch, weil ihre politische Arbeit für eine friedlichere Welt auf wenig konkrete Resonanz stieß. Dies änderte sich, als Elisabeth Mann Borgese in den Meeren das „Hauptthema meines Lebens“ wiederfand.

Es war 1967, als der Botschafter der  Mittelmeerinsel Malta, Arvid Pardo, vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine vielbeachtete Rede hielt, in der er die Bedeutung der Weltmeere für die Menschheit mit ihrem Reichtum an geologischen, energetischen und biologischen Ressourcen hervorhob. Elisabeth Mann Borgese fing Feuer. „Sie hatte in der bis dahin kaum berührten Hochsee die Plattform für ihre Lebensaufgabe gefunden“, so Gelpke. „Der Ozean“, schrieb Mann Borgese, „ist das Eigentliche; die Kontinente sind Inseln, die auf dem Weltmeer treiben; der Ozean trennt und isoliert sie nicht, sondern er verbindet und vereinigt sie. Wenn wir 72 Prozent unserer Erde nicht als Gemeinerbe behandeln und verwalten, dann verliert die Menschheit ihren letzten noch nicht erschöpften Reichtum.“ So prägte sie ein Bewusstsein von Nachhaltigkeit und globaler Verantwortung zu einer Zeit, als dies in weiten Teilen der Wissenschaft und des Naturschutzes noch kaum Beachtung fand. Ihr ökologisches Denken erstreckte sich über naturwissenschaftliche Dimensionen hinaus auch auf gesellschafts- und geisteswissenschaftliche Ebenen. Die gerechte Beteiligung der Entwicklungsländer an der Erschließung der Ozeane stand auf ihrer Agenda.

In den folgenden Jahren reihten sich die beruflichen Erfolge der als klug und bescheiden geltenden Elisabeth Mann Borgese eng aneinander. Als einzige Frau gehörte sie 1968 dem Gründungsgremium des Club of Rome an, vier Jahre später schuf sie das International Ocean Institute (IOI) mit Sitz in Malta und wurde dessen Präsidentin. Nach ihrem Tod trat Nikolaus Gelpke ihr Erbe auf dieser Position an. „Die Hauptaufgabe des Instituts besteht darin“, so sagt er, „junge Leute aus der ganzen Welt als Multiplikatoren für Seerecht und den nachhaltigen Umgang mit den Meeren auszubilden.“ Das IOI ist Herausgeber verschiedener Publikationen, unter anderem des Ocean Yearbook und des World Ocean Review, an dem auch das Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ beteiligt ist. Herausragende Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen tragen darin die neuesten Kenntnisse über die Meeresumwelt zusammen (worldoceanreview.com). Finanziell getragen wird das IOI unter anderem durch die ebenfalls von Mann Borgese ins Leben gerufene und von Gelpke übernommene Ocean Science and Research Foundation.

Mitte der siebziger Jahre schrieb Elisabeth Mann Borgese, die nie in die Fußstapfen ihres Vaters treten wollte, mit dem „Drama der Meere“ ihr wichtigstes Buch, das in dreizehn Sprachen übersetzt wurde. Am Ende der Dekade wurde die vielbegabte Frau Professorin für Politikwissenschaft und Internationales Seerecht an der kanadischen Dalhousie University in Halifax.

Der Höhepunkt ihres Engagements für die Meere folgte 1982, als die Vereinten Nationen das noch heute gültige UN-Seerechtsübereinkommen verabschiedeten, das den Tiefseeboden zum „Gemeinsamen Erbe der Menschheit“ erklärt, die Nutzung der verschiedenen Meereszonen durch Bergbau, Fischerei und Schifffahrt reguliert sowie die gesamte Meeresumwelt schützt. Der Text des völkerrechtlichen Vertragswerks stammte aus der Feder Mann Borgeses. Eine unmittelbare Konsequenz des Seerechtsübereinkommens war die Gründung des Internationalen Seegerichtshofs 1996 in Hamburg.

2002 starb Elisabeth Mann Borgese im Alter von 84 Jahren völlig unerwartet infolge einer Lungenentzündung im Ski-Urlaub in Sankt Moritz. Ihr zu Ehren wurde 2011 ein Forschungsschiff des Leibniz-Institutes für Ostseeforschung Warnemünde auf den Namen „Elisabeth Mann Borgese“ getauft. Anlässlich des bevorstehenden 100. Geburtstag der Namensgeberin sagte IOW-Direktor Ulrich Bathmann: „Wir fühlen uns, quasi als ihre Enkel, mit unserer Arbeit ihrem Vermächtnis verpflichtet.

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