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Janusz Korczak : Ein Leben für die Kinder

vom
Aus der Onlineredaktion

Er stand für eine liebevolle Erziehung, gab alles für seine Waisen – und konnte sie doch nicht retten. Vor 75 Jahren starb der Pädagoge Janusz Korczak im Vernichtungs- lager Treblinka.

In den ersten Augusttagen 1942, heute vor 75 Jahren, setzte sich ein langer Zug ausgemergelter, hungriger und kranker Kinder vom Kinderheim in der Ulica Sienna quer durch das Warschauer Ghetto in Richtung der Verladerampen der NS-Schergen in Bewegung. An ihrer Spitze ging, zwei Kinder an der Hand, ein hagerer, alter Mann mit einem ergrauten Bart. Begleitet wurde er von seiner engsten Mitarbeiterin Stefania Wilczynska. Viel ist über den Mann geschrieben worden, der sein eigenes Leben für seine Kinder opferte. Oft wurde er als „Anwalt der Kinder“, „genialer Erzieher“ oder „Menschenfreund“ tituliert, und doch tritt sein Name heute unverdient hinter andere, prominentere Helden des schweigenden Widerstands gegen die NS-Herrschaft zurück: Janusz Korczak.

Wer war jener Pädagoge, der freiwillig mit seinen Schützlingen in den Tod ging? Geboren 1878 oder 1879 (der Vater nahm es mit der Geburtsurkunde nicht sehr genau), wuchs er in einer gut situierten, nach dem Tode des Vaters aber verarmenden Familie in Warschau auf, das damals zum russischen Zarenreich gehörte. Die Eltern verstanden sich eher als nationale Polen denn als Juden, und erst später fand Janusz zu den Wurzeln des Glaubens seiner Vorfahren zurück. Der Name Janusz Korczak, unter dem er bekannt wurde, war ein Pseudonym, verwendet erstmals in einer kleinen Preisschrift, mit der er während seines Studiums an einem Autorenwettbewerb teilnahm. Geboren wurde er unter dem Namen Henryk Goldszmit.

Korczak studierte Medizin, um anschließend in einem Warschauer Krankenhaus als Kinderarzt zu praktizieren. Wegen seiner Kompetenz geschätzt, ging er schon bald in den wohlhabenden Bürgerhäusern der polnischen Hauptstadt ein und aus. Er war wissbegierig und wollte Neues ausprobieren. Auf Auslandsreisen lernte er die modernsten Heilmethoden kennen und sog ebenso die Ideale der Reformpädagogen über eine zeitgemäße Kindererziehung auf. Schon als junger Mediziner erkannte er, dass die damals übliche Zucht und Disziplin daheim und in der Schule pädagogischer Irrsinn waren. Jedes Kind besaß in seinen Augen eine eigene Individualität, Ansprüche und eigene Rechte. Die Aufgabe des Erwachsenen sei es, diese zu erkennen und entsprechend auch zu unterstützen – Gedanken, die damals bei weitem noch nicht selbstverständlich waren und die schließlich in seinem Buch „Wie man ein Kind lieben soll“ ihren Ausdruck fanden. Aus dem vielversprechenden Arzt wurde allmählich ein Pädagoge.

Im Russisch-Japanischen Krieg 1904-05 wirkte Korczak als Lazarettarzt und lernte erstmals die Grauen des Krieges am eigenen Leibe kennen – eine Erfahrung, die sich im Ersten Weltkrieg wiederholte. Neben der bürgerlichen Fassade pflegte Janusz schon früh ein zweites Leben – das des sozial engagierten Kämpfers gegen Kinderarmut und für Bildung.

Im Jahre 1911 erhielt Korczak das Angebot, das von ihm selbst mitbegründete jüdische Kinderheim „Dom Sirot“ (deutsch „Das Waisenheim“) in der Warschauer Ulica Krochmalna zu übernehmen. Er gab sich mit ganzer Kraft und Seele diesem neuen Vorhaben hin, das zum Projekt seines Lebens werden sollte. Es folgten die Gründung einer eigenen Ferienkolonie und die Mitarbeit in weiteren Kinderheimen. Die mehr als 30-jährige praktische Erfahrung verhinderte, dass er bloßer Theoretiker blieb. Jegliches pädagogische Modell musste sich bei ihm im Alltag bewähren. Er lernte mit Enttäuschungen über verfehlte Erziehungsversuche umzugehen und schöpfte daraus produktive Kraft. So blieb Korczak Zeit seines Lebens der Experimentierende, aber auch der Zweifelnde. Auf diese Weise wurde er ein Meister gelebter Humanität. Aber Janusz Korczak war nicht nur Erzieher und Pädagoge, sondern auch begabter Schriftsteller. Neben rein pädagogischen Fachbeiträgen entstanden Romane, Kinderbücher, Gedichte, Gebete, Rundfunkbeiträge und ein Theaterstück. Auch seine Kinder hielt er an, kleine und große Gedanken in Tagebuchform festzuhalten.

Antisemitische Agitation war auch im Polen der 1930er Jahre spürbar. Jetzt erst begann Korczak sich seiner eigenen Glaubenswurzeln verstärkt bewusst zu werden. Auch wenn er die Auswanderung nach Palästina nie ernsthaft in Erwägung zog, eignete er sich doch die Gedanken des Zionismus an.

Am 1. September 1939 brach mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg aus. Innerhalb weniger Tage waren weite Teile des Landes besetzt und die Hauptstadt Warschau eingenommen. Für die polnische jüdische Bevölkerung begann eine Zeit unbeschreiblichen Leids und Grauens, an deren Ende die Vernichtungslager standen. Auch in Warschau wurde die Bewegungsfreiheit der Juden früh eingeschränkt, gefolgt von der Pflicht, den Judenstern zu tragen. Auf kleinste Vergehen stand die Todesstrafe. Schließlich wurde die gesamte jüdische Bevölkerung im Ghetto zusammengepfercht. Die Ernährungssituation war dramatisch schlecht, die hygienischen Zustände erbärmlich, und Krankheiten, wie vor allem das Fleckfieber, forderten unzählige Opfer.

In diese Hölle war auch Janusz Korczak mit seinen jüdischen Kindern umzuziehen gezwungen. Die 200 Waisenhauskinder marschierten Ende Oktober 1940 in ein viel zu kleines Haus im Ghetto. Der Pädagoge versuchte auch hier, das Beste aus der Lage zu machen. Die wenigen vorhandenen Räume wurden sinnvoll geteilt. Die Schlafsäle wandelten sich morgens in Aufenthaltsräume; hier wurde Unterricht erteilt. Doch die Ernährung war völlig unzureichend, und Krankheit und Tod griffen um sich. Später übernahm der Pädagoge zusätzlich die Leitung eines wesentlich größeren Kinderheims im Ghetto – auch dieses eine erbärmliche Aufbewahrungsstätte und Todesfalle. Korczak wollte helfen, war aber doch selbst hilflos.

Seit Juli 1942 wurde das Ghetto geräumt. Korczak hoffte bis zuletzt, dass seine Kinder verschont blieben, dass sich zumindest die Deportation noch etwas hinziehen würde. Der Tag der Auflösung seines Heimes ist bis heute nicht ermittelt; wahrscheinlich war es der 5. August. Aus der Feder Jehoszua Perles erfahren wir: „Diese 200 Kinder schrien nicht, 200 unschuldige Wesen weinten nicht, keines von ihnen lief davon, keines verbarg sich, sie schmiegten sich nur wie kranke Schwalben an ihren Lehrer und Erzieher, ihren Vater und Bruder, an Janusz Korczak, damit er sie behüte und schütze.“ Die Kinder wussten nicht, wohin die Gleise führten.

In letzter Minute wurde Korczak eine Nachricht überbracht. Durch Vermittlung des Judenrates sei er frei, er brauche nicht in den Zug zu steigen. Korczak lehnte ab. Ihm gelang es stattdessen noch, gefüllte Wasserbehälter für die Waggons zu organisieren, in die seine Schützlinge gepfercht wurden. Dann wurde er von den Kindern getrennt. Die Gleise führten nach Treblinka.

Kein Zeugnis existiert über das weitere Schicksal Janusz Korczacks, seiner engsten Mitarbeiterin und seiner 200 Kinder. Der Name Janusz Korczak steht stellvertretend für viele jüdische Erzieher in Polen und den anderen von den Deutschen eroberten Ländern. Die jüdischen Kinderheime gehörten oft zu den ersten Opfern der NS-Verbrecher. Viele Betreuer folgten freiwillig ihren Kindern, von wenigen ist ihr Schicksal bekannt. Die meisten opferten im Dienste am Kind ihr Leben.

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