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Fürstentum Seborga : Ein Frauenarzt als Konsul eines Zwergenlandes

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bernd Lesoine vertritt das selbst ernannte Fürstentum Seborga

An der Wand hängt ein Foto von Fürst Marcello I. Davor kramt auf einem Holztisch Bernd Lesoine nach Briefmarken, Pässen und Führerscheinen des selbst ernannten Fürstentums Seborga. Der 55-jährige Frauenarzt vertritt den kleinen Flecken Erde in Italien seit knapp fünf Jahren. Das einzige seborgische Konsulat in Deutschland hat er in seinem Keller in München eingerichtet.

Doch Deutschland hat – wie die meisten Länder – Seborga nicht anerkannt. Der Vatikan hingegen schon, sagt Lesoine. „Und einige afrikanische Länder, vermutlich aus Versehen.“ Im Moment kämen sie vor allem mit korrupten Staaten ins Gespräch. „Die sind da offener.“

Lesoine wirbt mal auf Messen für seborgisches Olivenöl, mal trifft er den aserbaidschanischen Premierminister beim Essen. Und er verwaltet die Facebook-Seite des Konsulats. Das kostet Zeit und Geld. Messestände und den Druck von Aufklebern zahlt er selbst. „Es ist ein Hobby. Und Hobbys kosten immer Geld.“ Seine Motivation? „Ich finde es witzig, dass es so ein Unikum gibt“, sagt Lesoine, der vor Medizin Volkskunde studiert hat. „Es ist eine Art Anachronismus in Europa mit der charmanten Idee eines autarken Kleinlandes.“

320 Einwohner zählt die Kommune, etwa 2000 das Land. Viele seien Selbstversorger, lebten von Wein, Olivenöl und Blumen und bräuchten deshalb auch keine EU-Unterstützung.

Im Jahr 954 sei Seborga erstmals urkundlich erwähnt worden, 1079 als Fürstentum. „Seborga ist also älter als Italien“, sagt Lesoine und grinst verschmitzt. 1993 folgte die Proklamation des Fürstentums Seborga.

Inzwischen gibt es eigene Grenzposten. Das Fürstentum verteilt eigene Autokennzeichen, Briefmarken und Pässe. „Wenn ich den am Flughafen raushole, kriegt meine Frau immer eine Krise“, sagt Lesoine. Auch wenn die meisten Geschäfte den Euro annehmen, hat Seborga eine eigene Währung, den Luigino.

Der amtierende, gewählte Fürst sei Multimillionär. Er habe den Palast saniert und sei bei einem internationalen Fußballturnier für die seborgische Mannschaft angetreten – weil nicht genügend Spieler zur Verfügung standen. „Und weil keiner Kondition für zweimal 45 Minuten hatte.“

Der Fürst wolle vor allem das touristische Potenzial erschließen; Seborga liegt nahe der Grenze zu Frankreich. Lesoine gefällt der Vergleich mit dem rebellischen gallischen Dorf aus den Asterix-Comics. Ein Unterschied: Rom unternehme nichts gegen Seborga.

Lesoine verbringt regelmäßig seine Wochenenden in Seborga. Dass er noch in München lebt, begründet er mit Verantwortung für die Praxis. „Ohne Arbeit könnte ich mir Seborga nicht leisten.“

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erstellt am 29.Jul.2016 | 08:00 Uhr

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