Oscar Pistorius : Ein Absturz von enormem Ausmaß

<p>Oscar Pistorius gestern im Gerichtssaal in Pretoria</p>
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Oscar Pistorius gestern im Gerichtssaal in Pretoria

Für den ehemaligen Paralympics-Star Oscar Pistorius geht es in dieser Woche um seine Zukunft. Ihm drohen 15 Jahre Haft wegen der Tötung seiner Freundin. Oder ist er selbst ein Opfer?

svz.de von
13. Juni 2016, 21:00 Uhr

Der frühere Spitzensportler Oscar Pistorius ist depressiv, paranoid und leidet an einem post-traumatischen Stresssyndrom. Das sagt zumindest der von seinen Verteidigern beauftragte psychologische Gutachter. Er zeichnet das Bild eines Mannes, der in Folge der tödlichen Schüsse auf seine damalige Freundin psychisch am Ende ist. „Sein Zustand ist gravierend“, sagte Psychologe Jonathan Scholtz gestern vor Gericht in Pretoria. Er sei ein gläubiger Christ, der Reue zeige und eine Chance zur Resozialisierung verdient habe, sagte Scholtz. „Er betet immer noch jeden Tag“, erklärte der Psychologe. Pistorius hat getötet, doch er ist auch ein Opfer – diese Botschaft will seine Verteidigung zu Beginn des Verfahrens zur Festlegung eines neuen Strafmaßes verbreiten. Ihm drohen mindestens 15 Jahre Haft.

Der Krimi um den wohl berühmtesten Behinderten-Sportler der Welt zieht sich schon mehr als drei Jahre. Der unterhalb der Knie amputierte Pistorius erschoss am Valentinstag 2013 seine damalige Freundin Reeva Steenkamp, ein aufstrebendes Model. Pistorius hatte ausgesagt, er habe mehrfach durch die Toilettentür seines Hauses gefeuert, weil er dahinter einen Einbrecher befürchtet habe.

Pistorius vergrub bei der Gerichtsanhörung in Pretoria sein Gesicht immer wieder in seinen Händen, als der Gutachter ihn praktisch als ein psychisches Wrack darstellte. Reeva Steenkamps Eltern verfolgten die Ausführungen nahezu regungslos, auch die Bemerkung des Gutachters, dass Pistorius mit dem Tod seiner Freundin „nichts gewonnen hat“. Der 29-Jährige sei psychisch „am Ende“, sagte Scholz. Der Gutachter forderte, Pistorius sollte in einem Krankenhaus behandelt und nicht zurück ins Gefängnis geschickt werden. Weil er so krank sei, könne er auch nicht vor Gericht aussagen. Darauf reagierte Staatsanwalt Gerrie Nel schon fast spöttisch. Wie könne es sein, dass Pistorius in einem Fernsehinterview über den Fall reden könne, nicht aber vor Gericht? 

Die Anhörung zur Festlegung des Strafmaßes soll noch bis Freitag dauern. Pistorius war 2014 in erster Instanz wegen fahrlässiger Tötung zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Die Strafe wurde nach einem Jahr in Hausarrest umgewandelt. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein und erzielte Ende 2015 in zweiter Instanz eine Verurteilung wegen „Mordes“, was im deutschen Rechtssystem dem Totschlag entspricht. Darauf stehen in Südafrika bei nicht einschlägig vorbestraften Tätern mindestens 15 Jahre Haft, maximal 20.

„Früher zählte er Präsidenten und königliche Hoheiten zu seinen Bekanntschaften“, sagte Scholtz. Doch die Schüsse vom 14. Februar 2013 hätten seiner Karriere ein jähes Ende bereitet und ihn zu einer Hassfigur gemacht. „Ich kann mit Sicherheit sagen, dass sein Absturz von enormem Ausmaß war.“

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