Deutsche segelt über den Atlantik : Drei Wochen lang allein auf dem Meer

Seglerin Anna-Maria Renken
Seglerin Anna-Maria Renken

Die deutsche Seglerin Anna-Maria Renken hat erfolgreich eine Regatta über den Atlantik absolviert.

svz.de von
03. Juni 2016, 08:00 Uhr

Wer Anna-Maria Renken zum ersten Mal trifft, der ist überrascht, dass sie nicht einsam wirkt. Der Händedruck der 35-Jährigen ist fest, im Gespräch mischt sich in ihre Erzählungen immer wieder ein lautes Lachen – und beim Blick über den New Yorker Hafen liegt ein melancholisches Grinsen auf ihrem Gesicht. Gut ein Dutzend Segelboote liegen dort, die an einem der außergewöhnlichsten Rennen des Segelsports teilgenommen haben: dem „Transat bakerly“. Das ist die älteste Einhandregatta der Welt, ein Rennen, bei dem die Teilnehmer alleine auf ihrem Boot mehr als 3500 Seemeilen zurücklegen. Renken hat teilgenommen und ist seit ein paar Tagen die einzige Deutsche, die dieses Rennen bisher beendet hat. 21 Tage, 13 Stunden und 19 Minuten hat Renken dafür gebraucht. Leicht ist der Alltag an Bord nicht: Keine anderen Gesichter zum Austausch, Temperaturen ständig unter 10 Grad und als Toilette dient ein Eimer.

Trotzdem muss der Kopf rund um die Uhr konzentriert sein. „Ich habe versucht, nicht abzuschalten, nicht an Freunde zu denken“, erzählt Renken. Schlaf ist nur begrenzt möglich. Erst nach ein paar Tagen traute sie sich, eine halbe oder vereinzelt eine Stunde am Stück die Augen zu schließen. Dazwischen: navigieren mit Software, sich für eine Route entscheiden, Segel setzen und immer wieder den Kurs justieren. Das ging mehr als zwei Wochen gut. „Bis zwei Nächte vor der Ankunft dachte ich, dass alles sehr viel besser lief als gedacht – aber dann hatte ich das Glück eines Tiefdruckgebiets“, sagt Renken.

Es hat sie ziemlich erwischt. Die Wellen schlugen hoch, ihre Windinstrumente waren kaputt, das Großsegel beschädigt. Sie selbst konnte nicht viel an ihrer Lage ändern.„Ich lag unter Deck auf nassem Segeltuch und hab laut Musik gesungen. Das war der schlimmste Moment.“

In diesen Momenten zeigte sich das Durchsetzungsvermögen der gebürtigen Bremerin. Ursprünglich hatte die große blonde Frau einen anderen Berufsweg eingeschlagen, Jura sollte es sein. Erst im Alter von 30 Jahren entschied sie sich, das Hobby Windsurfen zum Beruf Seglerin zu verwandeln. Während einer Auslandsstation ihres Jura-Referendariats im spanischen Bilbao hatte ihr Mitbewohner sie zum Segeln mitgenommen. „Ich kannte das nicht und wusste nicht, wie toll das ist. Aber da dachte ich: Das will ich machen.“

Zurück in Deutschland tritt Renken nach dem Studium zwar noch ihren ersten Job an, entscheidet sich dann aber, nach Frankreich zu ziehen und den Segel-Traum zu verfolgen. „In Deutschland ist der Sport ja eher elitär, in Frankreich ist es ein Volkssport.“ Sie ging in die Bretagne, nach Lorient, in einen 60 000-Einwohner-Ort im Nordwesten.

Schließlich kam die Anfrage zum Transat-Rennen. Der Inhaber des Bootes, mit dem Renken später segeln sollte, suchte jemanden, der es über den Atlantik setzt. Sie meldete sich. „Ich hab einfach ’Ja!’ gebrüllt, ohne groß nachzudenken.“ Als sechste von zehn Teilnehmern, die in ihrer Klasse starteten, erreichte sie um 5.49 Uhr New York. Die Freude dort sei überwältigend gewesen, sagt Renken, und ist spürbar dankbar für das Abenteuer. Das nächste Rennen ist bereits geplant: Am 10. Juli soll es über den Atlantik von Québec zurück nach Frankreich gehen.

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