Interview : Doris Dörrie: „Grüße aus Fukushima“

Schriftstellerin und Filmemacherin Doris Dörrie
Schriftstellerin und Filmemacherin Doris Dörrie

Die deutsche Schriftstellerin und Regisseurin Doris Dörrie über ihren neuen Film und japanische Mentalitäten

svz.de von
08. März 2016, 08:00 Uhr

Dass die erfolgreiche deutsche Schriftstellerin und Filmemacherin Doris Dörrie ein Faible für Japan hat, ist nach Filmen wie „Erleuchtung garantiert“ oder „Kirschblüten – Hanami“ kein Geheimnis mehr. Auch mit ihrem neuen Werk kehrt die 60-Jährige ins Inselreich zurück. „Grüße aus Fukushima“ begleitet die junge Deutsche Marie auf ihrer Reise in die japanische Katastrophenregion, wo sie die Bewohner der Notunterkünfte aufheitern will. André Wesche sprach mit der Regisseurin über ihren jüngsten Film, der am Donnerstag Kinopremiere hat.

„Grüße aus Fukushima“ ist Ihr vierter Film mit Japan-Bezug. Was fasziniert Sie so an diesem Land?
Wenn ich darauf so eine einfache Antwort hätte! Es ist immer etwas Anderes, diese Gleichzeitigkeit von Dingen. Japan ist so wahnsinnig detailverliebt und so genau, so poetisch. Und dann gibt es wieder diese irrsinnige Trash-Kultur, Beton und Naturverwüstung. Andererseits hat man diesen kleinen Garten im Teller und betet die Natur an. Und alles immer gleichzeitig. Diese komplette Ambivalenz der Dinge finde ich sehr faszinierend.

Ist die Figur der Marie ein Alter Ego der jungen Doris Dörrie?
Es ist eine offensichtliche Überschneidung, dass es auch immer meine Rolle in Japan war und ist, dass ich als große Frau aus dem Westen als „Elefant“ wahrgenommen werde. Auch nach 25 Japan-Besuchen kann ich noch immer nicht alles richtig machen. Das ist die traditionelle Rolle des Westlers, der „Langnase“. Auf Japanisch heißt es immer „Die draußen sind“ und „Die drinnen sind“. Der Fremde ist draußen und er wird auch nie nach innen kommen. Es wird von japanischer Seite auch sehr darauf geachtet, dass man draußen bleibt.

Japaner haben durchaus die Vorstellung, sehr anders und sehr besonders zu sein. Und niemand ist so wie sie. An dem Punkt wird es schwierig und es kracht sehr schnell. Auch in politischer Beziehung.

Wie sieht die Rolle der Frau im Japan von heute aus?
Wenn ich in Japan in Begleitung von Männern, die mit dem Dreh zu tun haben, einen Raum betrete, werde ich nicht begrüßt. Man nimmt an, dass ich die Assistentin bin und keine Funktion habe. Wenn herauskommt, dass ich die Chefin bin, ist das allen so peinlich, dass gar nichts mehr geht. Dann verlassen alle den Raum. Japan ist noch eine irrsinnige Macho-Kultur.

Wie sehen Sie die Zukunft Japans?
Das weiß ich nicht. Ich glaube schon, dass sie sehr bemüht sind, ihr Image blank zu putzen. Das funktioniert ja auch schon. Die Tourismuszahlen steigen wieder und es wird poliert für die Olympischen Spiele 2020. Sie werden versuchen, die ganze Katastrophe so weit wie möglich zu negieren.

Am Anfang des Filmes steht die Frage: „Mache ich genug aus meinem Leben?“ Zu welchem Zeitpunkt haben Sie sich diese Frage selbst gestellt?
Diese Fragen am Anfang, das merke ich auch am Feedback, bewegen besonders junge Frauen sehr stark. Wie soll ich mich entscheiden? Wie lebe ich mein Leben richtig? Das ist primär eine Frauenfrage, weil es historisch noch etwas sehr Neues ist, dass Frauen überhaupt darüber entscheiden, wie sie leben. Kriege ich Kinder und wenn ja, wie viele? Habe ich einen Mann dazu? Gehe ich arbeiten? Wie soll mein Lebensentwurf aussehen? Das zu entscheiden ist sehr schwierig, überwältigend. Ich habe mir diese Fragen zwar auch schon gestellt, aber nicht so vehement, wie man es anscheinend gerade tut. Bei mir ist alles eher passiert, der Zeit geschuldet, in der ich aufgewachsen bin. Da gab es eine große Lässigkeit. Heute ist der Druck so groß geworden. Du musst dich schnell entscheiden und das muss dann richtig und für immer sein.

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