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Wochenend-Interview : Die Wehrhafte

vom
Aus der Onlineredaktion

Sängerin Joy Denalane wusste sich schon in der Schule Respekt zu verschaffen

svz.de von
erstellt am 04.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Als Kind schoss Joy Denalane mit dem Ball gegen die Berliner Mauer und spielte mit ihren Freunden zwischen Parks und alten Eisenbahngleisen. „Gleisdreieck“ nennt sich das neue Album der Sängerin, das auch von ihrer Kindheit in Westberlin erzählt. Im Gespräch verrät die 43-Jährige, warum Jungs in der Jugend zunächst wenig von ihr wissen wollten und weshalb ihr Musiker-Gatte Max Herre und sie lernen mussten, wie sie als Paar gut zusammenarbeiten können.

Frau Denalane, wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?
Wollen Sie das wirklich wissen? (lacht)


Jetzt umso mehr . . .
Ich kann es Ihnen genau sagen, weil ich entsetzt war, als ich auf die Uhr gesehen habe. Ich bin um 4.44 Uhr aufgewacht, und das passiert relativ selten. Danach bin ich auch nicht mehr richtig zur Ruhe gekommen. Für kurze Zeit bin ich noch einmal eingenickt, aber dann klingelte schon der Wecker, und ich musste meinen Sohn wecken, weil er zur Schule musste. Daher war das nicht der optimale Morgen. Normalerweise stehe ich immer zwischen halb sieben und sieben Uhr auf – das ist mein innerer Wecker.


Sie stehen also tatsächlich gerne früh auf. Warum ist der Morgen die beste Zeit?
Das ist natürlich immer abhängig vom Biorhythmus einer Person. Aber für mich funktioniert der Morgen total gut. Zu dieser Zeit bin ich in Schwung, mein Energiehaushalt ist sehr weit oben, und ich bin bereit zu allen Schandtaten. Ich hatte schon immer morgens sehr viel Energie. Auch als Kind war ich eine schlechte Schläferin. So war mir der tägliche Mittagsschlaf im Kindergarten total verhasst. Ich hatte um die Mittagszeit viel zu viel Energie und wurde dann tatsächlich auch vom Mittagsschlaf befreit, weil ich immer Unruhe in die Gruppe gebracht habe. Der Tag ist für mich sehr energiegeladen, dafür werde ich dann abends sehr schnell müde.


Auf Ihrem neuen Album „Gleisdreieck“ erzählen Sie, wie Sie als Kind auf einem stillgelegten Gleis in Westberlin gespielt haben. Wie war Ihre Kindheit in den 70er- und 80er Jahren?
Meine Geschwister und ich waren mit Freunden viel draußen unterwegs. Natürlich haben wir nicht auf dem Land gelebt, sondern spielten in der Stadt zwischen Parks und Beton. An dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, lag auch vieles brach. Zudem grenzte er direkt an die Mauer und erinnerte mit dem Anhalter Bahnhof immer noch an den Krieg. Es war sicherlich keine infrastrukturelle Idylle, aber es war für uns gut genug. Auf diesem weiten Feld konnten wir uns austoben.

Wie haben Sie die geteilte Stadt erlebt?
Ich habe verstanden, dass die Mauer – gegen die wir Ball gespielt haben – eine Abgrenzung zwischen zwei Ländern ist, die eigentlich zusammengehören. Ich spürte auch, dass wir die Freiheit hatten, an jeden Ort zu gehen, und dies den Menschen hinter der Mauer versagt blieb. Für mich war diese Mauer ein Störfaktor. Mit meinen Eltern haben wir immer mal wieder über Checkpoint Charlie Ausflüge nach Ostberlin gemacht. Ich empfand Ostberlin immer als sehr grau, was mich wunderte, denn es grenzte doch direkt an unser Zuhause.


Wie haben Sie als Jugendliche die Wende erlebt?
Für mich war das sehr abstrakt. An diesem Tag habe ich die Folgen der Wende direkt gespürt. Denn ich war am Kurfürstendamm und sah viele, viele Menschen, die einfach glücklich waren und mit großen Augen durch die Stadt liefen. Als Berlin offen war, hat es mich sehr schnell in den Ostteil gezogen, und ich bin lange Zeit nur noch dort ausgegangen, weil hier die interessanten Clubs waren.


Sie sind als mittleres Kind mit fünf Geschwistern aufgewachsen. In der Wohnung muss immer viel los gewesen sein.

Absolut. Ein gewisser Geräuschpegel gehörte für mich zur Normalität. Meine Eltern waren sehr gastfreundlich und beliebt, sodass neben den sechs Kindern immer viele Leute bei uns waren. Jede Altersklasse war mit jedem Kind und dessen Freunden in unserer Wohnung vertreten. Das war schön, laut, warm, liebevoll und offen. Ich habe eine schöne Erinnerung an diese Zeit. Wir waren als Kinder sehr frei. Unsere Eltern wunderten sich nicht, wenn wir draußen alleine spielten. Heute hat sich das umgedreht: Das Leben vieler Kinder ist komplett durchgeplant, und Eltern wissen jederzeit, wo ihr Kind sich aufhält, wenn es nicht die Beine unter dem Tisch hat.

Sie haben relativ früh das warme, laute Nest verlassen. Warum war es für Sie mit 16 Jahren an der Zeit?
Rückblickend muss ich sagen, dass es nicht an der Zeit war. Aus der Sicht einer Mutter, die einen 13- und einen 16-jährigen Sohn hat, empfinde ich meinen Auszug heute als zu früh. Aber ich war eben schon sehr frühreif. Meine großen Brüder, die sechs und acht Jahre älter sind als ich, haben mich sehr geprägt. Wir sind zwar sechs Kinder, aber ich habe mich immer zu der Gruppe meine Brüder zugehörig gefühlt, auch weil meine Eltern voll berufstätig waren und sie mich in den ersten Jahren betreut haben. So habe ich mich auch in meiner Jugend an ihnen orientiert und wollte sehr früh ausziehen. Zu dieser Zeit war ich einfach nicht zu bändigen, was meine Eltern sehr überraschte. Denn als kleines Kind war ich zwar vorlaut und voller Energie, aber eine sehr gute Schülerin. Für sie hat sich nicht abgezeichnet, dass ich so gegen den Strom schwimmen und ihnen so oft widersprechen würde. Ich habe damals für viel Aufregung gesorgt.


Aber Ihre Eltern haben Sie trotzdem ausziehen lassen...
Am Anfang haben sie mir natürlich den Vogel gezeigt (lacht) und mich gefragt, wie ich das denn finanzieren möchte. Ich habe mich dann auf die Suche gemacht und eine Wohngemeinschaft für betreutes Wohnen gefunden. Aus heutiger Sicht ist es ein Wunder, dass ich dort aufgenommen wurde. Denn damals waren die Plätze in diesen WGs Menschen vorbehalten, die aus schwierigen Verhältnissen kamen. An dem Vorstellungsabend habe ich dann die Wahrheit gesagt und von meinem stabilen Elternhaus erzählt. Meine Eltern waren toll, aber ich hatte das Gefühl, dass ich meinen Weg alleine gehen muss. Zum Glück hat sich eine WG meiner erbarmt und mich aufgenommen (lacht).

Würden Sie Ihre Jungs so früh ausziehen lassen?
Nein. Aber letztlich machen die Menschen doch das, was sie tun möchten. Ich kann meine Kinder nicht einsperren, wenn sie laufen können, ein funktionierendes Gehirn und ihre eigenen Vorstellungen vom Leben haben. Aber ich möchte trotzdem auf gar keinen Fall, dass sie zu früh ausziehen.


Wie sehr waren Sie als Tochter einer Deutschen und eines Südafrikaners in Ihrer Jugend zwischen den Kulturen zerrissen?

Diese Auseinandersetzung mit meiner Hautfarbe hat mich subtil immer begleitet. Ich habe gespürt, was es bedeutet, in dieser weißen Mehrheitsgesellschaft meine eigene Rolle zu finden. Zum einen gab es immer wieder Situationen, in der mir bewusst gemacht wurde, dass ich eine andere Hautfarbe habe. Zum anderen haben mein Vater und seine Freunde uns Geschichten aus Südafrika erzählt. Dabei war die Apartheid immer ein Thema, und ich bekam einen Einblick in diese unterdrückende Ungerechtigkeit, die mich emotional gepackt hat. Ich habe schon als Kind Empathie für Menschen empfunden, die ungerecht behandelt werden, weil sie nicht in ein System passen.


Kinder können sehr gemein sein. Wie sind Sie mit Hänseleien umgegangen?
Ich war frech und kein Kind von Traurigkeit. So habe ich mich immer gewehrt und es das ein oder andere Mal bestimmt auch übertrieben. Meine Mitschüler hatten schon Respekt vor mir. Aber ich war keine blonde, süße, kleine Maus, die die Jungs toll fanden. Ganz im Gegenteil: Sie fanden meine Haare komisch und zu viel. Ich war zwar als Mensch, aber nicht als Mädchen beliebt. Als es ab einem gewissen Alter mit Jungs losging, stand ich überhaupt nicht auf deren Liste. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich meinen Weg gefunden habe.


Das Feuilleton lobt Sie als eine der besten deutschen Sängerinnen. Vor sechs Jahren ist Ihr letztes Album erschienen. Wie hoch ist der Druck, der auf Ihnen lastet?

Der Druck ist immer groß. Aber den Hauptdruck mache ich mir ehrlich gesagt sogar selbst. Ich möchte immer im Reinen mit mir sein und überprüfe daher genau, was ich herausgebe und was nicht. Deswegen habe ich für die Platte auch so lange gebraucht. Ich hatte das Gefühl, dass der Sound, den ich mache, so in Stein gemeißelt war, dass er für mich redundant wirkte. So habe ich mich gefragt, wie ich weitergehen und erzählen kann, dass mich die letzten sechs Jahre verändert haben. Dieses Album war eine sehr lange Reise für mich. Ich habe sehr viel ausprobiert, was ich am Ende wieder verworfen habe. Ich liebe es, Sängerin zu sein. Aber ich würde nicht sagen, dass ich, wenn meine Karriere zu Ende wäre, menschlich zu einem Ende käme. Ich möchte weiter Musik machen, aber nicht zu jedem Preis.


Auf „Gleisdreieck“ singen Sie: „Jeder Tag wird Dir neu zu Füßen gelegt“. Sind Sie ein Mensch, der konsequent nach vorne schaut?
Meine Tendenz geht immer nach vorne und nach oben. Außerdem ist mein Glas immer halb voll, da ich einfach sehr lebensbejahend bin. Natürlich habe ich auch Momente des Selbstzweifelns, des Zweifels überhaupt. Aber für mich bietet jeder Tag auch die Chance, es anders und besser zu machen.


Nachdem Sie anfangs auf Englisch getextet haben, schreiben Sie wieder auf Deutsch. Was fällt Ihnen leichter?
Früher konnte ich mir nie vorstellen, in meiner Muttersprache zu singen. Aber nach dem „Mit dir“-Song und dem ersten Album funktionierte es. Vor dem Texten muss man sich einfach nur für eine Sprache entscheiden, dann klappt es auch. So passt es für mich in beiden Sprachen, weil ich sowohl zu Englisch als auch Deutsch einen sehr starken Zugang habe.


Mit Ihrem Mann Max Herre und dem Song „Mit dir“ hatten Sie 1999 Ihren Durchbruch. Seitdem arbeiten Sie auch zusammen. Warum sind Sie so ein gutes Team?
Max und ich arbeiten nicht immer, aber auf verschiedenen Wegen zusammen. In den vergangenen Jahren mussten wir lernen, wo wir zusammenpassen und die Expertise des anderen gut nutzen können. Wir arbeiten sehr harmonisch miteinander. Aber in die Entstehung des neuen Albums war Max wenig involviert. Bei der Produktion habe ich ihn dann mit seinem Team KAHEDI ins Boot geholt. Natürlich hilft er mir auch manchmal bei Texten, die ich noch nicht zu Ende gedacht habe. Aber der ganze Weg des neuen Albums lief zunächst ohne ihn.


Als Sie Ende der 90er bekannter wurden, konnten sich Künstler noch nicht über Socialmedia-Kanäle vermarkten. Wie empfinden Sie die heutige Entwicklung?

Ich schwimme in dieser neuen Zeit mit, weil ich es faszinierend finde und nicht verteufle. Jeder muss sein Tempo finden, dann kann man aus Instagram und Facebook Inspirationen ziehen. So habe ich schon Bücher, Ausstellungen oder spannende Regisseure über Instagram gefunden. Trotzdem muss jeder aufpassen, dass er in dieser Welt nicht verloren geht – sonst sitzt man stundenlang vor dem Handy. Und mit all dem, was wir wissen, was passiert und was uns zur Verfügung steht, vergessen wir manchmal, was wir tun sollen oder wollen. Hier muss jeder sein Gleichgewicht finden, zur Ruhe und zu sich kommen.


Und wie bleiben Sie bei sich?
Ich bin Mutter. Jeder Tag beginnt bei mir um 6.30 Uhr, und dass man sich nicht die ganze Zeit mit sich beschäftigt, erdet einen. Zudem mache ich Sport, lese und unterhalte mich gerne. Tatsächlich genieße ich es auch, alleine zu sein.

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