Maria Sybilla Merian : Die Schmetterlingsfrau

Blume, Raupe, Schmetterling – Merian arrangierte ihre Bilder mit großer Eleganz.
Foto:
1 von 2
Blume, Raupe, Schmetterling – Merian arrangierte ihre Bilder mit großer Eleganz.

Vor 370 Jahren wurde die Naturkundlerin, Forschungsreisende und Künstlerin Maria Sybilla Merian geboren.

svz.de von
01. April 2017, 16:00 Uhr

Merian – das ist eine Reisezeitschrift über Ziele in aller Welt. Wer aber weiß noch etwas über den Namensgeber? Es war der Kupferstecher Matthäus Merian, der im 17. Jahrhundert mit seinen Städte-Stichen berühmt wurde. Seine Söhne hatten sein Talent geerbt – aber auch seine Tochter. Maria Sibylla Merian war eine ungewöhnliche, tatkräftige Persönlichkeit mit Erfolgen als Naturforscherin, Künstlerin, Autorin und Geschäftsfrau. Vor 370 Jahren – am 2. April 1647 – wurde sie geboren, vor 300 Jahren – am 13. Januar 1717 – starb sie.

Ehrgeizig, zielstrebig, ungewöhnlich

Maria Sibylla Merians farbenprächtige und detailgenaue Blumen- und Schmetterlingszeichnungen zieren noch heute Postkarten, Stoffe und Geschenkpapier. Nach 300 Jahren haben sie nichts von ihrer Faszination verloren. Das Mädchen ist wohl acht Jahre alt, als ihr Stiefvater Jacob Marrel (oder Morell, die Schreibweisen variieren) beginnt, sie im Zeichnen und Kupferstechen zu unterrichten. Ungewöhnlich oder nicht? Die Biografin Barbara Beuys stellt fest, dass zu jener Zeit kein generelles Frauenverbot in den Frankfurter Zünften bestand. Meisterinnen führten Handwerksbetriebe. Wohl aber ungewöhnlich war Merians naturwissenschaftliches Interesse, das sie bis an ihr Lebensende mit Eifer und Ehrgeiz verfolgte. „Ich habe mich von Jugend an mit der Erforschung der Insekten beschäftigt. Zunächst begann ich mit Seidenraupen in meiner Geburtsstadt Franckfurt am Main“, schreibt sie in ihrem 1705 erschienen Buch „Verwandlung der surinamischen Insekten“.

Maria Sibylla Merian um 1700. Kupferstich von Jakob Houbraken nach einem Porträt von Georg Gsell.
Foto: Insel Verlag
Maria Sibylla Merian um 1700. Kupferstich von Jakob Houbraken nach einem Porträt von Georg Gsell.
 

In einem ihrer „Studienbücher – in denen sie präzise die Verwandlung von der Raupe zum Falter festhält – gibt sie an, 1660 mit der Erforschung der „Sommervögel“ begonnen zu haben. Die Falter hatten zu jener Zeit keinen guten Ruf. Der Begriff Schmetterling setzt sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch. Zuvor werden die Tiere Tag- beziehungsweise Nacht-Vögel genannt. In der Schweiz, aus der Maria Sibyllas Vorfahren stammen, ist der Ausdruck „Sommervögel“ gebräuchlich.

„Danach stellte ich fest, dass sich aus anderen Raupen viel schönere Tag- und Eulenfalter entwickelten als aus Seidenraupen. Das veranlasste mich, alle Raupen zu sammeln, die ich finden konnte, um ihre Verwandlung zu beobachten“, erklärt die Forscherin in ihrem Surinam-Buch. Ihre Beobachtungen hält sie auf losen Zetteln fest, ab 1686 in einem „Studienbuch“. Es sind allein hierbei entstandene Randbemerkungen, die Aufschluss über ihre Lebensumstände geben. Denn aus der Zeit vor 1680 ist kein Brief, kein persönliches Wort dieser ungewöhnlichen Frau überliefert. Auch danach sind es nur wenige Zeilen, die Einblicke in Gefühlsleben und Ansichten ermöglichen. Merian spricht überwiegend durch ihr Werk.

Künstlerin und Geschäftsfrau

1679 erscheint das Buch „Der Raupen wunderbare Verwandlung, und sonderbare Blumen Nahrung“. Das Besondere: Darin wird zum ersten Mal die jeweilige Raupenart in ihrem ökologischen Lebensraum dargestellt. Fritz Geller-Grimm, Kurator der Merian-Ausstellung, in Wiesbaden erklärt: „Sie hat erste Aspekte geliefert für die Ökologie, die Lehre von den Beziehungen der Organismen. Wenn man ihre Tafeln heute ansieht ... dann bemerkt man, dass ihr auch das Künstlerische hoch und heilig war. Die Eleganz, mit der sie die Dinge arrangiert, ist unübertroffen bis heute.“ Auch die Detailtreue ist ihr absolut wichtig.

Forscherin, Kupferstecherin, Malerin. Und Autorin. „Sie zeigt sich in ihrem Text als kommunikative, selbstbewusste Persönlichkeit, die am Schreiben ebenso Vergnügen hat wie am Zeichnen“, so Barbara Beuys. Maria Sibylla Merian ist zudem eine clevere Geschäftsfrau. 1665 heiratet sie Johann Andreas Graff, einen Schüler ihres Stiefvaters. 1670 zieht die Familie nach Nürnberg, die Geburtsstadt von Graff. Maria Sibylla, inzwischen Mutter einer Tochter, gründet eine private „Compagnie“ für junge Frauen, unterrichtet sie im Malen, Zeichnen und Sticken und verkauft die Materialien hierfür. All diese Aktivitäten sind kein Grund für sie, ihre zeitaufwändigen Raupenforschungen zu vernachlässigen.

Leben in der Kommune

Führte die Forscherin eine glückliche Ehe? Auch das ist nicht bekannt – nur das für damalige Zeiten außergewöhnliche Ende. 1668 siedelt „die Gräffin“ mit inzwischen zwei Töchtern in die Labadisten-Kommune Wieuwerd im westholländischen Friesland. Eine Glaubensgemeinschaft mit ganz eigenen Regeln, in der der Mann von Maria Sibylla nicht erwünscht ist. 1690 gibt sie ihr Frankfurter Bürgerrecht auf und verzichtet auf alle Ansprüche Graff gegenüber. 1692 beantragte dieser „von seinem nun über 7 Jahre von ihme zu den Labadisten entwichenen Weib“ geschieden zu werden. Am 12. August 1692 wird die Scheidung offiziell.

Zu diesem Zeitpunkt lebt Maria Sibylla bereits mit beiden Töchtern in der Weltmetropole Amsterdam und nennt sich wieder Merian. Sie pflegt Kontakte zu Forschern, sieht Zeichnungen der Schmetterlinge aus Surinam – und vermisst die dazugehörigen Pflanzen. Am 2. Februar 1699 erscheint eine Anzeige in der Zeitung „Amsterdamsche Courant“. Darin bietet „die Merianin“ den größten Teil ihrer Sammlung zum Verkauf an. Mit dem Geld finanziert sie eine Reise nach Surinam, der holländischen Kolonie in Südamerika. Als sie mit ihrer Tochter Dorothea Maria aufbricht, ist sie 52 Jahre alt.

Ohne männliche Begleitung

Zwei Frauen allein auf einer selbstfinanzierten Forschungsreise – das hat es zuvor noch nicht gegeben. Eine Krankheit, vielleicht Malaria, zwingt sie früher als beabsichtigt zur Rückkehr. Doch im Gepäck hat sie eine reiche Ausbeute. Auf feinstem Papier und durch die besten Kupferstecher lässt die Forscherin die tropischen Insekten darstellen: 1705 erscheint im Selbstverlag ihr Buch „Die Verwandlung der surinamischen Insekten“, das auch in England und Russland für Aufsehen sorgt.

Ende 1714 oder 1715 erleidet sie einen Schlaganfall, bleibt teilweise gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Ihre Exkursionen in der Natur, bei denen sie Raupen sammelt, sind nun nicht mehr möglich. Doch sie arbeitet unermüdlich an einem dritten Raupenbuch. Am 13. Januar 1717 stirbt Maria Sibylla Merian in Amsterdam – und hinterlässt ein einmaliges Werk.

Literatur zur Person

Biografie

Barbara Beuys, „Maria Sibylla Merian“: Eine fundierte und lesenswerte Biografie, die viel Raum darauf verwendet, Rahmenbedingungen und Zeitumstände zu verdeutlichen. 285 Seiten, 18,95 Euro, Insel Verlag.

Bilder

„Maria Sibylla Merians Schmetterlinge“: Bildtafeln mit Faltern und Blumen aus Surinam befinden sich in der Königlichen Sammlung in England, eine Auswahl der Bilder und Vergrößerungen machen dieses Buch zu einem Augenschmaus. 192 Seiten, 28 Euro, Gerstenberg Verlag.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen