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Wochenend-Interview Jasmin Gerat : Die Mutige

vom
Aus der Onlineredaktion

Warum Schauspielerin Jasmin Gerat aus dem Bauch heraus handelt und vom Erfolg überrascht wurde.

Eigentlich wollte Jasmin Gerat Tierärztin werden. Doch Freunde schickten 1994 ihr Foto an das Magazin „Bravo“. Eine folgenschwere Einsendung: Als Schülerin gewann sie den Modelwettbewerb „BRAVO Girl“ und ist seitdem in der TV-Branche beruflich zu Hause. Zunächst als Moderatorin, später als Schauspielerin. Im Interview erzählt Jasmin Gerat, warum Til Schweiger für ihren Kurzhaarschnitt verantwortlich ist und wann sie ihren Mann bittet, das Handy zu verstecken.

Frau Gerat, zu welchen Hits der 90er können Sie nicht sitzen bleiben?
Ich muss gestehen, dass ich den Dance Sound aus den 90ern total mag. Selbst bei Dr. Alban reißt es mich vom Stuhl, und gestern habe ich erst „No Limit“ von Two Unlimited gesungen. Aus der Zeit kamen viele zeitlose Hits, die jetzt mit dem 90er-Revival wieder angesagt sind.


Sie wurden zu dieser Zeit als „Bravo Girl“ entdeckt. Wie haben Sie das erlebt?
Es war wie im Rausch. Ich hatte mich nicht selbst bei dieser Wahl beworben, weil es nie meine Intention war, Bravo Girl zu werden – im Gegenteil: Ich wollte Tierärztin werden. Meine Freundinnen hatten ein Foto von mir eingeschickt; eines Tages kam ich nichts ahnend auf den Schulhof, und alle tuschelten, weil mein Foto in der „Bravo“ abgedruckt war. Da ich damals schon neugierig war und gerne Sachen ausprobiert habe, habe ich den Spaß mitgemacht und bin dann tatsächlich mit meinem Babyspeckgesicht in die Endauswahl gekommen und gewann das Ding am Ende auch noch. Ich habe erst sehr viel später realisieren können, was zu dieser Zeit passiert ist.

Sie haben danach drei Sendungen gleichzeitig moderiert. Wie stressig war diese Zeit?
Ich habe es geliebt, weil ich immer unabhängig sein wollte. Aber klar, ich habe mit 16 Jahren gearbeitet wie eine Große, es war eine Menge Verantwortung und viel Arbeit für so ein junges Mädchen.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?
Meine Eltern waren heilfroh, dass ich etwas gefunden hatte, wofür ich brenne, was mir Freude macht – im Gegensatz zu meinen Ambitionen, was die Schule betraf. Natürlich waren sie auch kritisch, weil ich dafür sehr früh von zu Hause ausgezogen bin. Der Deal war deshalb: Bis zu meinem 18. Lebensjahr musste ich jedes zweite Wochenende nach Hause kommen – ohne Ausreden.

Wie war es, mit 16 Jahren die erste eigene Wohnung in Dortmund zu beziehen?
Gruselig und schön zugleich. Es kam meinem Freiheitsdrang sehr entgegen, dass ich schon sehr früh so selbstständig und eigenverantwortlich leben durfte. Auch wenn es manchmal wirklich einsam war in einer fremden Stadt ohne Familie und Freunde.

War der Wunsch, Tierärztin zu werden, mit Ihrem Einstieg in die Branche passé?
Nachdem ich die Moderation aufgegeben hatte, dachte ich kurz über diesen Berufswunsch nach, nur war ich mir nicht sicher, ob ich wirklich den Biss und die Disziplin hätte, sechs Jahre zu studieren. In dieser Phase kam dann überraschend ein Drehbuch. Ich bin zum Casting nach München geflogen, habe vorgesprochen, die Rolle bekommen, und seitdem drehe ich.

Wie schwer war der Wechsel von der Moderation zur Schauspielerei?
Zu dieser Zeit habe ich nur aus dem Bauch heraus gehandelt, ohne zu überlegen, was richtig oder falsch ist. Irgendwann bin ich auch an meine Grenzen gestoßen, aber das tue ich als Erwachsene heute auch regelmäßig. Den Anspruch, mich permanent weiterzuentwickeln, hatte ich schon immer. Es gibt Phasen, in denen kann ich mich Schauspielerin nennen, und dann gibt es Phasen, in denen ich sehr unsicher bin und denke, dass ich nicht das Recht habe, mich so zu nennen, weil ich nicht im Entferntesten so gut bin wie die Schauspieler, die ich bewundere. Das nennt man überhöhten Anspruch, und wahrscheinlich würde es mir als Floristin ganz genauso gehen (lacht).

Seit Ihrer Rolle in „Kokowääh“ kennt Sie jeder. Wie dankbar sind Sie Herrn Schweiger?
Es war eine mutige Entscheidung von ihm, und das rechne ich ihm hoch an. Ich werde nie vergessen, wie er mich anrief und sagte: „Jasmin, du warst echt die Beste im Casting, aber du bist auch die Unbekannteste, was mache ich denn jetzt?“ Er hätte einen viel populäreren Namen besetzen können. Interessanterweise war mir die Bedeutung dessen zu dieser Zeit gar nicht bewusst, es war für mich einfach ein ganz normaler, nächster Schritt. Erst als ich an dem Wochenende nach Filmstart bei Ikea war und mich jeder Zweite dort angesprochen hat, habe ich geschnallt, was es bedeutet, in einem Til-Schweiger-Film die weibliche Hauptrolle zu spielen.

Auch die kurzen Haare haben Ihnen den Erfolg gebracht. Wie sehr haben Sie gehadert?
Ach, ich liebe Veränderungen und hänge an anderen Sachen, aber nicht an meinen Haaren. Ich werde nie vergessen, wie Til sagte: „Jasmin, deine Frisur ist für dich total unvorteilhaft.“ Und er hatte recht – dieser Typ ist echt unglaublich und hat so viele Talente (lacht).

Warum hat er so eine gute Intuition?
In erster Linie liebt und lebt er Filme und hat einen wahnsinnig großen Wissensschatz zu jedem Filmgenre. Til ist ein großer Bauch- und Herzmensch, und am Ende des Tages wird das immer belohnt.

Sie haben nicht nur für deutsche Produktionen vor der Kamera gestanden. Für die Serie „The Team“ arbeiteten Sie mit Dänen. Was machen die Skandinavier besser als die Deutschen?
Ich finde es schwierig, darüber zu philosophieren, warum wir Deutschen sind, wie wir sind. Es ist unsere Kultur. Unsere Geschichte. Punkt. Ich empfinde es als Reichtum unserer Welt, dass unsere Nationen so verschieden sind, und jeder andere Dinge mit in ein Team einbringt. In dieser Zusammenarbeit habe ich es genossen, dass die Dänen sehr entspannt sind und uns Schauspieler aus dem Bauch heraus haben inszenieren lassen.

Was wünschen Sie sich vom deutschen Film?
Mehr Vertrauen zu großen Gefühlen, das denke ich so oft, wenn ich zum Beispiel amerikanische Serien sehe. Und generell: Die Regie, die man engagiert hat, seine Arbeit machen lassen, nicht kontrollieren und ständig reinreden, mehr Mut zum Mut.

Schauspielerei ist mit vielen Reisen verbunden – wie entschleunigen Sie im Alltag?
Ganz simpel: Ich atme bewusst, schließe die Augen, gehe mit meiner Aufmerksamkeit nach innen. Und ich bitte regelmäßig meinen Mann, das Handy zu verstecken. Diese Kur kann ich nur empfehlen (lacht).

Eine Ihrer Reisen führte Sie im vergangenen Sommer als Botschafterin von Unicef und Pampers im Kampf gegen Tetanus nach Äthiopien. Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?
Es war eine berührende und intensive Zeit. Ich war nur vier Tage dort, aber es kam mir vor wie vier Monate. Gemeinsam mit Unicef und Pampers habe ich Orte besucht, die ich als Tourist sonst nie sehen würde. In Krankenhäusern und Impfstationen bin ich der Bevölkerung sehr nah gekommen. So war ich auch in Dörfern unterwegs, in denen die Menschen noch nie eine weiße Frau gesehen haben. Menschen laufen dort mit bloßen Füßen in dreckigem Matsch, und ich habe gesehen, warum es so viel Sinn macht, dass Menschen dort gegen Tetanus geimpft werden müssen. Die Sterblichkeitsrate von Neugeborenen ist dort nach wie vor sehr hoch. Es ist schon viel erreicht worden, aber es gibt trotzdem noch sehr viel zu tun.

Werden Sie in diesen Momenten dankbarer?
Reisen macht mich generell dankbar und wach dafür, wie privilegiert mein Leben in Deutschland ist. Mir ist durchaus bewusst, dass alltägliche Dinge, wie ständig laufendes Wasser, meine gesunden Kinder oder nie Hunger leiden zu müssen, nichts Selbstverständliches sind.

Nach der Geburt Ihrer zweiten Tochter sind Sie schnell in den Beruf zurückgekehrt – wie schwer ist Ihnen das gefallen?
Grundsätzlich finde ich die Kombination von Arbeit und Familie immer herausfordernd. Auch das Umswitchen ist schwierig: Wir Mütter kommen nach Hause und müssen sofort wieder funktionieren. Es bedarf einer guten Organisation und eines guten Umfelds. Aber es wird immer ein Balanceakt sein, an dem ich unaufhörlich feilen und wachsen werde.

Wie veränderte die Mutterrolle den Beruf?
Eltern sein ist ein Vollzeitjob. Daher genieße ich das Drehen umso mehr. Das ist meine ICH-Zeit. Und jede Wartezeit – und am Set muss man viel warten – ist ein Geschenk und wie Urlaub (lacht).

Zu guter Letzt: Ich habe gelesen, dass Sie früher in den Sänger Rick Astley verliebt waren...
Jaaa (lacht). Er hatte doch im vergangenen Jahr ein Comeback, und ich habe mich für meinen guten Riecher gelobt. Er hat sich kaum verändert. Frechheit (lacht)!

Rick Astley hat sich eine Auszeit genommen, als er genug Geld verdient hatte. Wäre das auch für Sie eine Option?
Wenn ich so viel Geld verdient hätte, würde ich mir wahrscheinlich eine Insel kaufen und den ganzen Tag Kokosnüsse knacken. Aber wie ich mich kenne, müsste ich die Insel schon sehr bald wieder verlassen, weil ich Hummeln im Hintern bekommen und nach einer Aufgabe suchen würde.

Das Interview führte Sarah Engel

 

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