Magier in Deutschland : Die Magie eines Lächelns

Talent und viel, viel Training: In seinem urigen Wohnzimmer übt Fred van Thom regelmäßig seine Tricks.
Talent und viel, viel Training: In seinem urigen Wohnzimmer übt Fred van Thom regelmäßig seine Tricks.

Fred van Thom ist einer der erfolgreichsten Magier Deutschlands. Im Wochenend-Magazin erzählt das Nordlicht, wie er schon Siegfried und Roy in den Schatten stellte.

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05. September 2015, 08:00 Uhr

Mit 14 Jahren hatte Fred Thomsen schon eine genaue Vorstellung davon, was er vom Leben wollte. Zusammen mit seinem Freund Heinz stand er am Bahnhof, im Gepäck eine Tasche voller Zauberutensilien und einen Traum – berühmt zu werden. Der Plan: Mit dem Zug von Kappeln nach Hannover fahren und dort beim Zirkus anheuern. Zauberer braucht schließlich jede gute Show. Doch der Traum zerplatzte. Zwar schafften es die beiden Ausreißer bis nach Hannover, doch der Zirkusdirektor schickte sie nach Hause. „Kommt wieder, wenn ihr alt genug seid“, sagt er damals.

Gut 20 Jahre später steht Fred auf der Bühne des Pariser „Olympia“. Der Bühne, auf der schon Edith Piaf oder die Beatles auftraten. Fred van Thom hieß er inzwischen, seinen bürgerlichen Namen Thomsen hatte er längst abgelegt. Er zeigte den Zuschauern seine selbst erfundene Goldblatt-Show, die Menge tobte. Es war einer der Höhepunkte seiner Karriere.

Fred van Thom hat sich bis in die Elite der Magier hochgearbeitet. Auf der ganzen Welt ist er aufgetreten, in Singapur, Mumbai, Tel Aviv, Madrid oder Wien. Schon als kleiner Junge war van Thom besessen davon, andere mit seinen Tricks zu beeindrucken. Auch der gescheiterte Versuch beim Zirkus konnte ihn nicht aufhalten. Vieles lernte er von seinem Großvater, der seine kleinen Patienten mit Zaubertricks dazu brachte, sich bei ihm auf den Zahnarztstuhl zu legen. Zusammen mit seinem besten Freund Heinz Traulsen, der später als Magier „Karany“ berühmt wurde, feilte er immer weiter an seinen Tricks und stellte im Schulzirkus eine eigene Show auf die Beine. Außer Mädchen hatten die beiden nur eines im Kopf: Zaubern, zaubern, zaubern. „Das war wie ein Infekt, der einen nicht mehr loslässt“, erinnert er sich.

Im Unterricht war er der Klassenclown. Der, der lieber herumalberte und anderen Streiche spielte, als in Mathe aufzupassen. „Meine Mitschüler erinnern sich noch heute an so manchen Streich, den ich schon längst vergessen habe.“ Er war ein guter Sportler, besonders im Turnen. Das war wichtig, um die Mädchen zu beeindrucken. „Und darauf kam es ja an.“ Zauberei und Artistik – eigentlich beste Voraussetzungen für eine Karriere als Künstler. Trotzdem entschied er sich nach dem Fachabitur am Kappelner Gymnasium für einen anständigen Beruf: Er wurde Beamter. Zuerst bei der Polizei, später bei der Landesverwaltung in Kiel. „Ich wollte Sicherheit haben, damit ich nicht vom Zaubern leben muss.“

Inzwischen ist der 80-Jährige pensioniert. Endlich bleibt genug Zeit für die Zauberei. Der Job im Büro war für ihn immer Mittel zum Zweck. Sein „Brotberuf“, wie er sagt. Von neun bis fünf saß er am Schreibtisch des Sozialministeriums, nach Feierabend zauberte er in Frack und Fliege Blumensträuße und Kartenspiele aus dem Hut. Auf Familienfeiern, großen Galas und internationalen Events.

Fred van Thom lebt für die Magie. „Ich bin von der Zauberei besessen“, sagt er. In der Hosentasche hat er immer eine Scheibe Salami aus Plastik. Die fischt er älteren Damen gern aus dem Dekolleté oder brummigen Ehemännern aus dem Ohr. „Spätestens dann ist das Eis gebrochen.“ Nötig hätte er das nicht. Es ist schwer, dem kindlichen Charme des braungebrannten Seniors mit dem weißen Schnauzer zu widerstehen. Er ist einer dieser Menschen, die dem Leben die Schwere nehmen. Einer, bei dem die Wörter „schlechte Laune“ im Wortschatz nicht vorkommen. Immer einen Spruch auf den Lippen und den Schalk im Nacken. Vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung, wenn man Leuten für Geld Streiche spielt. Sein Erfolg spricht dafür. 1986 wird er vom Magischen Zirkel von Deutschland mit dem Kalanag-Ring ausgezeichnet, dem Oscar unter den Zauberern. Dass der Preis erst einige Jahre nach ihm auch an Siegfried und Roy verliehen wird, macht ihn stolz. Genau wie die israelische Staatsmedaille, die ihm während einer Tournee in Haifa spontan überreicht wurde. Alle Zeitungsartikel, die in den letzten Jahren über ihn erschienen sind, hat er sorgfältig ausgeschnitten, besonders euphorische Passagen hat er farbig markiert.

Dass Siegfried und Roy in Las Vegas mit ihren Tigern zu den populärsten Magiern aller Zeiten wurden, schert ihn wenig. Viel zu amerikanisch, viel zu viel Show. „Bei den ganzen Scheinwerfern auf der Bühne kann man die Menschen im Publikum ja gar nicht sehen“, findet er. Denn das ist ihm das Allerwichtigste am Zaubern, der Kontakt zu seinen Zuschauern, das Lachen in ihren Augen, das Staunen, wenn sie hinterher zu ihm kommen und fragen: „Wie haben Sie das gemacht?“

„Verraten Sie denn auch einige ihrer Tricks?“

„Niemals.“

„Aber sie haben doch gerade gezeigt, dass ihre Spielkarten an einem Band hängen.“

„Naja, es gibt schon ein paar Tricks, die man verraten kann. Die sind dann aber eher zu Demonstrationszwecken für potentielle Zauberlehrlinge.“

Van Thom ist ein Meister der Manipulation. Bei dieser Unterart der Zauberei kommt es vor allem auf das Geschick der Hände an. Anders als bei der Großillusion, wie sie bei David Copperfield oder Siegfried und Roy zu sehen ist, arbeitet er mit kleinen, handlichen Gegenständen. Angeblich die schwierigste Art der Zauberei. Die 245 Griffe, die er für seine Zauberringe braucht, müssen in exakter Reihenfolge ausgeführt werden. Dafür trainiert er mindestens zweimal die Woche, vor großen Auftritten auch öfter. „Die müssen perfekt sitzen. Wenn man erst anfängt, nachzudenken, klappt das nicht.“

Die Geschwindigkeit, mit der seine Hände die Metallringe auseinander und wieder zusammen haken, lassen daran keinen Zweifel. Dabei redet er in einer Tour, oft auch auf Platt. Das kommt bei seinem norddeutschen Publikum besonders gut an, hat er festgestellt. Bei einem Auftritt konterte er vor etlichen Jahren einen Zuruf auf Platt – für den gebürtigen Kappelner ein Kinderspiel. Die Zuschauer feierten ihn damals wie den niederdeutschen Messias. Er blieb dabei.

Auch seine Bauchrednerpuppe „Kuno“, die er für seine Zaubershow oft mit auf die Bühne nimmt, machte er zum echten Nordlicht. Stilecht im Fischerhemd sabbelte er die Puppe und sich damit bis zum Bundespräsidenten. Johannes Rau verlieh ihm 2002 für sein künstlerisches Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz am Bande. Überhaupt scheint Fred van Thom in seinem Leben alles richtig gemacht zu haben. Nach seinem großen Auftritt in Paris 1980 wurde der Magier mit internationalen Angeboten überhäuft. Er überlegte, ob er ins Profi-Geschäft wechseln sollte. Doch die Angst vor zu viel Stress und zu viel Routine ließ ihn zweifeln. Er blieb bei seinem alten Job.

Zurückstecken musste er deshalb nie, bei Auftritten auf dem Schiff nahm er oft seine Frau mit. Bezahlter Jahresurlaub sozusagen. Für soziale Projekte stellte ihn sein Arbeitgeber frei, zum Beispiel für Auftritte in einer Krebsklinik. Eine Woche lang brachte er Patientinnen seine Tricks bei. Eine prägende Erfahrung für ihn. „Die waren hinterher so begeistert, weil sie ihren Kindern und Enkeln zu Hause etwas vorzaubern wollten. Am Ende haben wir im Krankenhaus sogar eine kleine Show gemacht.“

Ein anderes Mal, nach einem Auftritt, kam eine Frau zu ihm. „Ich mag eigentlich gar keine Zauberer“, sagte sie, „aber ihre Show hat mich einfach begeistert.“ Van Thom war gerührt. „Ich will die Menschen mit meinen Tricks begeistern. Wenn ich sehe, wie sie mit einem Lächeln aus meiner Show gehen – das ist das Allerschönste für mich.“

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