Hypnose in MV : Die Macht des Unterbewussten

Der Magier und Hypnotiseur Thimon von Berlepsch erklärt im Interview, wie Hypnose funktioniert und wie nützlich Trance sein kann

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10. März 2016, 12:00 Uhr

Seitdem er im Alter von 13 Jahren beim Spielen auf dem Dachboden einen alten Reisekoffer fand, der alte Zauberkünstler-Requisiten und das Buch „Moderne Salonmagie“ von 1891 enthielt, fing Thimon von Berlepsch an, sich für die Zauberkunst der Gegenwart zu interessieren. Von dieser war es nur ein kleiner Sprung hin zur Hypnose, die inzwischen auch Teil seiner Bühnenshows ist. Im Interview mit Viviane Offenwanger versucht er, die Macht des Unterbewusstseins zu erklären.

Waren Sie schon immer Hypnotiseur?

Nein, mit 13 Jahren habe ich beim Spielen auf dem Dachboden einen altes Zauberbuch gefunden „Moderne Salonmagie“ von 1891. Das weckte meine Begeisterung für diese Kunst. Später hat mich mein Mentor in die Grundlagen der Zauberei eingeführt. Seitdem trete ich als Magier auf. Vor 10 Jahren bin ich mit der Showhypnose in Berührung gekommen. Für mich war es unverständlich, wie dieses Phänomen zustande kommt. Ich wollte wissen, ob das Ganze gespielt oder abgesprochen war und machte deswegen die Hypnoseausbildung.

Steckt hinter der Hypnose ein Trick wie bei der Magie?

Wenn Sie einmal in die Augen eines Hypnotisierten geschaut haben, wissen Sie, dass es dabei keinen Trick gibt. Die Person erlebt wirklich die Welt, die man ihr suggeriert. Es ist wie Träumen mit offenen Augen. Ich weiß, das Ganze ist schwer vorstellbar, doch bei mir hat noch nie einer die Trance vorgetäuscht.

Wie wird Hypnose eingeleitet?

Eigentlich ganz einfach: mit Worten. Worte lösen Bilder und Emotionen in den Menschen aus, wecken Erinnerungen. Wird diesen dann eine Bedeutung beigemessen, verändert sich der Bewusstseinszustand. Die Hypnose lebt von der Kreativität des Menschen – davon, das analytische Denken zu umgehen, um dann das Unterbewusstsein direkt ansprechen zu können.

Gibt es Menschen, die generell zugänglicher für Hypnose sind als andere?

Je dünner der analytische Verstand ist und je größer Fantasie und Offenheit einer Person sind, desto einfacher ist sie zu hypnotisieren. Das hat nichts mit Willensschwäche zu tun, sondern mit Neugier und Vorstellungskraft. Es ein Kompliment, wenn jemand schnell den Zugang zur inneren Kreativität findet. Unter Hypnose ist man probierfreudig wie ein Kind. Die Menschen haben Angst vor der Hypnose, weil sie die einseitigen Darstellungen in Shows und Filmen kennen. Dort werden Menschen zu gackernden Hühnern gemacht oder überredet, Straftaten auszuführen. Die Hypnose ist aber viel mehr als das. Es ist pure Magie, die leider noch viel zu unbekannt ist.

Können auch negative Suggestionen gegeben werden?

Natürlich sind auch negative Suggestionen möglich, doch die Angst davor ist viel zu groß. Wir nehmen doch auch die vom Arzt verschriebenen Medikamente, ohne zu wissen, wie sie zusammengesetzt sind. Warum sollte ein zertifizierter Hypnosetherapeut in Deutschland andere Ziele verfolgen, als ein Arzt? Die Grundlage ist immer das Vertrauen zur Autorität. Auf der Straße in Indien würde ich mich deshalb auch nicht hypnotisieren lassen…

 

Wie stark ist das menschliche Unterbewusstsein? Zu was ist es fähig?

Zu großen Veränderungen, positiven wie auch negativen. Denn worauf wir unsere Aufmerksamkeit und Energie richtigen, dass wird zu unserer Realität. Wir können Ängste und Gewohnheiten auflösen, mit denen wir seit Jahren leben und die uns blockieren. Emotionale Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren, können durch die Arbeit mit dem Unterbewusstsein wieder geheilt werden. Auf der anderen Seite können unsere Gedanken, Stress und Ängste uns aber auch krank machen. Denn sie beeinflussen unser Unterbewusstsein und damit auch unsere körperlichen Reaktionen darauf.

Was sind die häufigsten Gründe für Hypnose?

Hypnose kann in fast allen Lebenslagen Anwendung finden, in psychischen wie auch in physischen. Sei es bei Schlafstörungen, Flugangst, Rauchentwöhnung, Traumabewältigung oder sexuellen Problemen. Theoretisch kann mit Hypnose alles behandelt werden, was uns daran hindert, selbstbestimmt zu leben.

Wie fühlt sich Hypnose an?

Jeder beschreibt das Gefühl unterschiedlich. Von „totaler Entspannung“ über „vibrierend“ hin zu „bildgewaltiger Traumreise“ ist alles dabei. In jedem Falle ist es ein Erlebnis. Man wird zum Beobachter unbewusster Prozesse. Dabei wird die innere Welt realer, als die äußere. Und wir wissen ja, wer innerlich stark ist, reagiert gelassener im Außen. Wer also regelmäßig Selbsthypnose praktiziert oder meditiert, ist wissenschaftlich nachgewiesen auch glücklicher.

Funktioniert Hypnose auch über Radio oder CD?

Das kommt auf den Kontext an, aber da Hypnose über Sprache eingeleitet wird, funktioniert sie auch über CDs oder das Radio. Skypesessions per WebCam sind z.B. sehr beliebt. Der Trancetiefe tut das keinen Abbruch. Für therapeutische Zwecke sollte man aber ganz klar direkt mit einem Hypnotiseur arbeiten. Nur so kann er individuell auf die Person eingehen und entsprechend reagieren.

Funktioniert Hypnose ohne dass der Hypnotisierte daran glaubt?

Es hilft natürlich enorm, wenn Sie daran glauben bzw. erwarten, in Trance zu fallen. Doch die Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen, reicht allein schon aus. Tatsächlich sagen mir 90 Prozent der Leute: „Das funktioniert bei mir nicht.“ Doch nach einem Fingerschnipsen fallen die meisten davon um wie Dominosteine (lacht). Wenn Sie aber nicht hypnotisiert werden wollen oder eine innere Blockade gegen den Hypnotiseur aufbauen, funktioniert die Hypnose natürlich nicht.

Woran erkennt man, ob die Hypnose wirkt oder nicht?

Das erkennt man an vielen kleinen Anzeichen der Körpersprache wie zuckenden Muskeln, flackernden Augenlidern, der Atmung oder leicht geröteten Wangen. Man kann aber auch verschiedene Tests machen, um die Trancetiefe festzustellen. Der schwebende Arm oder die zugeklebten Augen beispielsweise sind Standard.

Wie lange kann eine Trance aufrecht gehalten werden?

Solange wie der Hypnotiseur spricht oder konkrete Anweisung zur Dauer gibt. Wenn der Hypnotiseur aber plötzlich tot umfällt, kommt jeder wieder von alleine zurück. Denn Hypnose ist ja nur die Bereitschaft, Ideen und Angebote vom Hypnotiseur anzunehmen und umzusetzen. Wenn also nicht mehr gesprochen wird, entstehen wieder die eigenen Ideen und Gedanken, die einen zum „aufwachen“ bringen. Bei mir auf der Bühne dauert die Showhypnose in der Regel 20 bis 30 Minuten.

Kann man im Unterbewusstsein schon nach einem Mal Dinge „umformen“?

Manchmal reicht tatsächlich eine Sitzung aus, um eine dauerhafte Veränderung herbeizuführen. Vor allem Phobien sind relativ einfach aufzulösen. Eine Spinnenphobie konnte ich einmal in 20 Minuten kurieren. Bei heftigen Traumata braucht man natürlich mehr Zeit.

Was haben Sie als Hypnotiseur persönlich von ihren Fähigkeiten?

Durch meine Arbeit habe ich erfahren, wie sehr sich Gedanken, innere Bilder und unbewusste Emotionen auf unsere Wahrnehmung und damit unser Wohlbefinden auswirken. Ich versuche deshalb, mich in emotionalen Momenten zu beobachten. Wenn ich mich beispielsweise über eine Sache besonders ärgere, mir aber währenddessen bewusst machen kann „Du hypnotisierst dich gerade selbst. Hör auf, dich weiter reinzusteigern!“, dann ist das der erste Schritt zur Heilung. Denn wie sehr uns bestimmte Lebensumstände berühren, hängt immer davon ab, wie viel Bedeutung wir ihnen beimessen. Es liegt in unserer Hand, ob wir die Trauer über ein Beziehungsende lange Zeit aufrecht erhalten, oder die Vergangenheit loslassen und uns auf die Zukunft konzentrieren.

Hatten Sie selbst schon ein besonderes Erlebnis im Zusammenhang mit der Hypnose?

Da gibt es viele. Nach einer Show kam mal eine ältere Frau zu mir und sagte, sie sei Kettenraucherin und wolle unbedingt aufhören. Ich hatte nicht viel Zeit und wollte nur einen kleine Übung mit ihr machen – per Suggestion ihre Finger zusammenkleben lassen. Das funktionierte leider nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte. Drei Tage später schrieb sie mir jedoch, sie wisse nicht, wie sie mir danken solle. Was war passiert? Sie hatte das Rauchen auf ein paar Zigaretten reduziert, einfach so – obwohl ich nichts in dieser Hinsicht angesprochen habe. Sie hatte der Übung eine größere Bedeutung beigemessen und sich damit das Rauchen selbst abgewöhnt.

Ein anderes Erlebnis: Auf einer Messe habe ich eine Dame mal anderthalb Minuten zur Entspannung hypnotisiert. Als sie aufstand, bedankte sie sich, dass ihre Rückenschmerzen weg seien. Dabei wusste ich gar nicht, dass sie welche hatte. Wir sind oft nur einen Katzensprung von großen Veränderungen entfernt, wenn wir es zulassen können.

Kann jeder Hypnose lernen oder bedarf es besonderer Voraussetzungen?

Jeder mit Empathie, Beobachtungsgabe und ein Gefühl für Menschen kann Hypnose lernen und anwenden. Aber Menschen mit besonderer Ausstrahlung und Überzeugungskraft erzielen natürlich größere Erfolge.

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