Kreativdirektorin : Die Königin der Weihnachts-Deko

Weltweit unterwegs: Deko-Königin Jule Beck.
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Weltweit unterwegs: Deko-Königin Jule Beck.

Am ersten Advent ist die Arbeit für Jule Beck schon vorbei: Die Kreativdirektorin entwirft gigantische Dekorationen für Einkaufsmeilen und Flughäfen.

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27. November 2015, 10:38 Uhr

Advent. Ein Funkel- und Farbenmeer hat die Innenstädte erobert. Die Konsumtempel haben sich in glitzernde Traumlandschaften verwandelt. Mit Tüten unterm Arm schieben sich die Massen durch die hektische Weihnachtswelt. Erst jetzt kann Jule Beck durchatmen. „Für uns beginnt die ruhigste Zeit des Jahres.“ Elf Monate Weihnachten liegen hinter ihr. Weihnachten extrem: 44 Wochen Stress, Reisen um die halbe Welt, Jetlags. Dennoch liebt sie das Fest: „Die Weihnachtszeit kann für mich gar nicht lang genug sein!“

Jule Beck, zierlich, blaue Augen, glatte blonde Haare, ist Kreativ-Direktorin bei „First Christmas“. Der kleine Hamburger Global-Player im Nobel-Viertel Blankenese ist die einzige deutsche Firma, die auf diesem Gebiet weltweit agiert, und eine von dreien der Branche in Europa. Ob Einkaufstempel wie das „Gum“ in Moskau, das „Westfield“ in London, Mega-Malls in Warschau und Lissabon, Einkaufszentren in Stuttgart, Leipzig, Düsseldorf und Hamburg oder Flughäfen in München und Frankfurt/Main – Jule Beck hat sie alle dekoriert.

Vor wenigen Stunden ist die Weihnachtsfee aus der Hitze Dubais ins spätherbstliche Hamburg zurückgekehrt. Sie ist froh, die Elbe wiederzusehen. Neun Tage Wüstenklima bei fast 40 Grad Hitze. „Das schlaucht!“ Die 45 Meter hohe „Mall Of The Emirates“ soll geschmückt werden. „Aufbau nachts, unter unserer Anleitung!“ Das Mega-Shoppingcenter, ein Riesenklotz von 223  000 Quadratmetern Luxus, gehört dem Öl-Scheich Majid al-Futtaim. Der milliardenschwere Moslem wollte auf ein bisschen Weihnachten dann doch nicht verzichten. „Wegen der vielen ausländischen Touristen“, erklärt Beck. So musste ein Kompromiss her: „Wir haben auf biblische Motive verzichtet.“ Statt Engel und Krippen baumeln von den Decken rote und goldene Riesenkugeln, in denen sich Figuren bewegen. Für den Chief Creative Officer (CCO) Jule Beck nichts Ungewöhnliches: Um die 40 Traumwelten entwirft ihr zehnköpfiges Team pro Jahr. Etwa 50 Prozent der Aufträge kommen aus dem Ausland.

„Wir verkaufen Illusionen!“ Für jeden Kunden ein individuelles Weihnachtswunderland, das in keinem Katalog zu finden ist. „Jeder will seinen Laden zu Weihnachten mal so richtig herausputzen!“ Der Londoner Konsumtempel „Westfield“ ebenso wie Europas größte Einkaufsmeile, das „CentrO Oberhausen“, oder die 250  000 Quadratmeter großen Mega-Malls in Russland. Auch kleinere Galerien und Passagen, zum Beispiel der „Hamburger Hof“ an der Alster bemühen sich um ein festliches Outfit. Zur umsatzstärksten Zeit des Jahres versuchen die Center mit stimmungsvollen Dekorationen dem nüchternen Handelsklima im boomenden Netz Paroli zu bieten. „Echte Weihnachtsstimmung“, so Klaus Striebich, Vorstandsvorsitzender des German Council of Shopping Centers, „erleben Menschen erst beim Besuch einer festlich geschmückten Stadt.“ Die gigantischen Weihnachtsoasen sollen die Kundschaft zum Verweilen, Relaxen und Kaufen einladen. Das öffnet die Portemonnaies. Ein Glücksfall für Jule Becks Chef Kersten Rosenau, Gründer der seit 1999 weltweit operierenden Design-Firma „First Christmas“: „Echte Weihnachtsstimmung gibt es online nicht!“ Die Ansprüche sind gestiegen. Ein paar Lichterketten, Sternchen und Tannenbäume – das reicht längst nicht mehr aus, weiß Jule Beck. „Jeder will ein Highlight!“ Und jede Kreation soll, bitte schön, wenigstens fünf bis zehn Jahre wiederverwendet werden.

Die Auftraggeber ziehen alle Register. Etwa 24 Millionen Euro investieren die deutschen Shopping-Center pro Jahr in die Weihnachtsdekoration. Flächendeckende, spektakuläre Dekorationen stehen in den Weihnachts-Welten hoch im Kurs. Nicht kleckern, klotzen: „Allein unsere Londoner Dekoration kostete mehr als eine Million Euro.“

Mit weihnachtlichen Rekordzahlen kann Jule Beck nur so wuchern: Von 120 Kilo wiegenden Tannenzapfen im Leipziger Center „Höfe am Brühl“ bis zum sechs Metern hohen Lichter-Engel im portugiesischen Almada-Forum und dem zwölf Meter hohen Geschenkpaket in den Münchener Riem-Arcaden. Der weltweit höchste Kugel-Lichterbaum funkelt in Lissabon: 25 Meter Höhe, 6 Tonnen Gewicht, 150  000 LED-Lichter. Das Füllhorn in der Hamburger Europa-Passage, acht Meter groß und eine Tonne schwer, schaffte es ins Guinness-Buch der Rekorde.

Es geht auch bescheidener: Jule Becks Firma plaudert, ganz branchenunüblich, aus dem Nähkästchen und legt eine detaillierte Kalkulation am Beispiel einer kleineren, aber feinen Top-Adresse am Hamburger Jungfernstieg offen. Kosten der Deko von außen und innen: 72  422,80 Euro. Zahl der Besucher pro Tag zu Weihnachten: 100  000. Macht an 42 Tagen 4,2 Millionen Kontakte. Somit belaufe sich der „Preis pro Kontakt“ auf „nur 0,004 Euro“.

Der Weihnachts-Tick scheint Jule Beck in die Wiege gelegt worden zu sein. „Ich bin im Dezember geboren. Weihnachten hat mich schon in der Kindheit gefangengenommen.“ Als Zwölfjährige zieht die gebürtige Schwäbin mit ihren Eltern an die Elbe. Sie studiert am Liverpool Institute for Performing Arts von Paul McCartney Bühnenbild, merkt aber bald, dass das Theater „nicht so meins“ ist. Mit Jobs beim TV-Sender Pro 7 und im Hamburger Spielcasino hält sie sich über Wasser. 2006 ruft die Glitzerwelt: Jule Beck heuert als Kreativ-Direktorin bei den Design-Spezialisten an der Elbe an. Inzwischen kennt sie „80 Prozent aller Einkaufszentren“ Europas.

Wenn die meisten von uns froh sind, die letzten Kugeln verpackt und den Christbaum endlich geplündert zu haben, beginnt für Jule Beck bereits das nächste Weihnachten: Anfang Januar. „Da öffnen die ersten Fach-Messen.“ Ein bis zwei Jahre Planungszeit für eine Center-Dekoration sind nicht selten. Die ersten Entwürfe entstehen am Computer. „Wir bieten alles aus einer Hand.“ Das beginnt zunächst mit der Idee und der Planung, geht weiter über die Herstellung und Lieferung der Dekoration, die Installation und endet mit Abbau, Einlagerung und Instandhaltung. In der Hochphase, der Woche nach Totensonntag, haben 500 Fachleute die Weihnachtswelten in Szene gesetzt: Lichtdesigner und Dekorateure, Theaterdramaturgen und Event-Techniker, Logistiker, Innenarchitekten und Bühnenbildner.

Die Chef-Designerin und ihre Mitarbeiter sind Trendscouts. Sie sind in Sydney und Manhattan ebenso zuhause wie in London und Paris und lassen sich von den neuesten Mode-Strömungen inspirieren. Motorgesteuerte Wichtel spielen Alltagsszenen nach, schlafen in Betten oder lesen Zeitung. Treppenaufgänge verwandeln sich in Skipisten. Bisweilen inszeniert die Kreativdirektorin auch Schneefälle und riesige Waldlandschaften. Immer wichtiger wird die Verbindung von Licht, Farbe und Musik.

Dieses Jahr hat Jule Beck eine Vorliebe für Crème-Farben ausgemacht. „Weg von der Lack-Schleife, hin zu schlichten Farbtönen, dezentem Braun und Grasgrün.“ Privat mag sie es ebenfalls dezenter: Mal kreiert sie kleine Mooslandschaften, mal Lichterketten mit Geweihen und Vogelhäuschen. „Wir haben den ganzen Keller voll Zeugs.“ Vielleicht funkelt dieses Jahr „alles in Türkis“.

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