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STREITBAR : Die Kirche und ihr Markenkern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Bremen wird ein Pastor als Hassprediger verschrien. Dabei hat er nur mal klar gesagt, wofür seine Kirche steht, findet Jan-Philipp Hein.

Wenn ein Theater seine Besucher nicht mehr verzaubert, aufrüttelt oder wenigstens einfach nur gut unterhält, sollte es dicht machen. Ein Restaurant, dessen Gäste nicht glücklich und zufrieden sind, würde ja auch vom Markt verschwinden. Und eine Werbeagentur, die den Ruf und die Bekanntheit ihrer Kunden nicht steigern kann, hätte keine Chance zu überleben. Logisch also, dass eine Kirche, die keine klaren Antworten und keine spirituellen Erlebnisse liefern kann, sich den Gesetzen und Mechanismen des Marktes auch nicht entziehen kann.

Doch genau das ist in Deutschland leider nicht ganz richtig. Der Staat unterstützt die beiden großen Kirchen mit zweistelligen Milliardensummen. Derart subventioniert lässt sich das natürliche Ableben bis zum Sankt Nimmerleinstag verschieben.

Wie heruntergekommen das Produktmanagement der protestantischen Kirche ist, zeigte jüngst ein mehraktiges Drama, das sich im Bundesland gewordenen Dorf Bremen abspielte und deutschlandweit Aufsehen erregte. Vor seiner Gemeinde predigte Pastor Olaf Latzel sich ein wenig in Rage. Ganz offenkundig hatte der Oberhirte der Martinikirche – malerisch gelegen am innerstädtischen Weserufer – so was wie eine Positionsbestimmung seines Ladens vor. Die Predigt drehte sich ums erste Gebot des Christentums: „Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“

In modern geführten Unternehmen ist so etwas üblich. Leitbilder, Imagefilme und Motivationsseminare sollen eine gemeinsame Identität und klare Abgrenzungen zu Wettbewerbern schaffen. Die evangelische Kirche ist auf einem anderen Kurs. Sie pocht auf Gemeinsamkeiten. In der Ökumene biedert sie sich an die katholische Konkurrenz an, gemeinsam mit den Katholiken sucht man unter dem Label „House of One“ Übereinstimmungen mit dem Islam.

Dass Fusionen grausam scheitern können, belegen unvollendete und vollendete Versuche: Brandenburg und Berlin, Daimler und Chrysler oder WASG und PDS.

Von „Gemeinsam sind wir stark!“ hält Latzel genau nichts. „House of One“? Aus seiner Sicht das „Allerletzte“. Katholische Reliquien: „Dreck,“ Islamisches Zuckerfest: „Blödsinn.“ Buddha: „ein dicker fetter Herr“. Natürlich hat ein bibelfester Prediger auch noch einen alttestamentarischen Gottesrat auf Lager: „Hacken, umhauen, verbrennen“, das fordere der oberste Chef von allen und im Umgang mit allen Götzen.

Konservative Imame wird Latzels Predigt kaum umhauen. So apodiktisch wie er sind sie beim Verkünden des Islam auch drauf. Islamischen Hasspredigern wäre Latzel hingegen deutlich zu weich. Denn der Gottesmann sagte auch diese Sätze: „Wir haben den Menschen muslimischen Glaubens in Liebe und Barmherzigkeit zu begegnen. Und wenn die verfolgt werden, haben wir uns vor die zu stellen. Das ist unsere Aufgabe als Christ.“

Im Zuge der Skandalisierung ging diese Predigt-Passage einfach unter oder wurde in der Auftaktberichterstattung gleich ganz unterschlagen. Dabei macht sie den Unterschied zwischen einer aggressiven, verachtenden und Hass schürenden Predigt und einer selbstbewussten, stramm konservativen und etwas aus der Zeit gefallenen Predigt aus.

Latzel machte das, was gutes Marketing ist: Das eigene Produkt Jesus Christus pries er an, die Wettbewerber auf dem Religionsmarkt attackierte er. Deren Kundschaft umgarnte er hingegen.

Aus dieser an sich einfach verständlichen Produktpolitik machte die Führung der Evangelischen Kirche in Bremen eine Hasspredigt. Der Chef dieser Kirche heißt Renke Brahms. Er verstieg sich zu folgender Bewertung: Latzels Formulierungen seien „unerträglich“, ja sogar „dazu geeignet, Gewalt gegen Fremde, Andersgläubige oder Asylbewerbern Vorschub zu leisten“.

Ich finde, dass Brahms’ Äußerungen geeignet sind, ihm vorzuwerfen, sich in Fremden, Andersgläubigen und Asylbewerbern Mündel gesucht zu haben, die er mit großen Worten und darüber hinaus kosten- und engagementfrei beschützen kann.

Hinter seiner Empörung versteckt der Bremer Oberprotestant die Leere seines eigenen Ladens. Nicht erst in der Ära der gescheiterten Ex-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann mutierte die Evangelische Kirche zu einem mentalen Wellness-Institut. Man ist für Mülltrennung, gegen Atomkraft und den Klimawandel, Freifahrtscheine für Sozialhilfeempfänger, gegen Hartz IV und ganz einfach für eine bessere und gerechtere Welt. Bei Kernthemen des Christentums ist man mittlerweile ähnlich unscharf. Die Jungfrauengeburt Marias oder die Wiederauferstehung Jesu solle man nicht wörtlich nehmen, sagen Pastoren, die das für zeitgemäß halten.

Bremens Landeskirchenchef hatte im Gespräch mit mir eine ähnliche Idee. Er warf seinem Glaubensbruder Laatzel vor, einen alttestamentarischen Text als Predigtgrundlage unverändert gelassen zu haben. Im Buch Richter erscheint Gideon ein Engel, der ihn auffordert den Altar der Gottheit Baal niederzureißen und einen Altar für den einen Gott zu bauen. „Er kann doch heutzutage nicht mit Baal“ kommen, so Brahms. „Womit denn?“ fragte ich. Brahms: „Konsum.“

Die Kirche steckt in einem Dilemma. In einer aufgeklärten modernen Welt müssen ihre Thesen, ihre Inhalte, ihre Figuren, ihre Geschichten, ihre Verkündigungen ewig-gestrig und hoffnungslos veraltet wirken. In ihren Versuchen, diesem Dilemma zu entkommen, versuchen die Protestanten erfolgreiche moderne Institutionen zu kopieren. Dabei verraten sie ihren Markenkern. Etwas Amnesty International mit Bach-Chor ist nicht besonders attraktiv. Wer gegen den Kapitalismus oder Gentechnik kämpfen will, tritt gleich bei Attac oder Greenpeace ein.

Jeder Unternehmer weiß, dass er die Alleinstellungsmerkmale seines Produkts herausstellen muss, wenn er am Markt erfolgreich sein will. Latzel ist offenbar zu dem Schluss gekommen, dass das Alleinstellungsmerkmal seines Vereins die Bibel ist. Vielleicht stehen der Kirche in Zukunft immer häufiger interne Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Zeitgeistern bevor. Und gut möglich ist, dass sich die Latzels gegen die Brahms’ durchsetzen werden, auch wenn es noch nicht so aussieht.

Die postmoderne Wohlfühlkirche hat noch genug Bindungskraft, um die zu halten, die aus familiärer Gewohnheit und Faulheit Mitglied sind. Überzeugte Christen auf der Suche nach Spiritualität und Transzendenz könnten aber mit dem Light-Christentum ihre Probleme bekommen.

Ausgerechnet die Bremische Evangelische Kirche hat als einzige Landeskirche die besten Strukturen, um solche Strömungskonflikte aushalten zu können. Die Gemeinden genießen in der BEK völlige Autonomie. Die Kirchenführung hat keine Chancen, gegen Pfarrer vorzugehen, die in einer Predigt auch mal über die Stränge schlagen. Nun diskutieren wegen des Falls Latzel einige, ob diese radikal-freiheitliche Kirchenverfassung noch zeitgemäß ist. Umgedreht wäre es wahrscheinlich schlauer. Alle evangelischen Gliedkirchen sollten sich überlegen, ihren Gemeinden diese Autonomie zu geben. Dann können sich wenigstens an den Rändern noch ein paar Hardcore-Christen um die Markenpflege kümmern. Irgendwann wird die staatliche Finanzierung weitgehend entfallen. Das ahnen die schon.


 

* Der Autor glaubt nicht an Gott.

 

 

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