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Die Geschichte der Tamara Bunke : Die Guerillera aus dem Osten

vom
Aus der Onlineredaktion

Heute vor 50 Jahren wurde Tamara Bunke in Bolivien erschossen. Die Kampfgefährtin von Che Guevara war zu DDR-Zeiten eine Berühmtheit – und ist nun fast vergessen.

Das Ende am Rio Grande ist grausam und banal. Geplant war, die Revolution nach Bolivien zu tragen. Doch das Projekt des legendären Ernesto Che Guevara ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Indios und Bauern, die befreit werden sollen, schließen sich dem Kampf nicht an. Bolivien ist nicht Kuba.

Nahe der Kreidefurt (Vado del Yeso) gerät die kleine Gruppe in einen Hinterhalt. Es ist der 31. August 1967. Seit April ist Tamara Bunke von der Hauptgruppe um Che Guevara getrennt. Ziellos irrt sie mit anderen Kämpfern in den bolivianischen Anden umher. Aus 15 angeschlagenen Idealisten bestand die abgespaltene Einheit. Jetzt erreichen noch acht den Fluss. Ein Bauer verrät sie, das bolivianische Militär schießt sofort.

Tania, wie alle Tamara Bunke nennen, hat keine Chance. Die Leiche der 29-Jährigen wird kilometerweit abgetrieben. Eine Woche später findet der bolivianische Soldat Salazar Villarroel die Tote und ihren Rucksack. Unter anderem stößt er auf eine blutige Monatsbinde. Das hindert die CIA später nicht daran, zu verbreiten, Tania la Guerillera habe ein Kind von Che Guevara erwartet.

In dem Rucksack liegt ein nicht abgeschickter Brief. „Ich habe Angst“, schreibt Tania an ihre Mutter. „Ich weiß nicht, was aus mir und all den anderen werden soll. Wahrscheinlich nichts. Ich versuche mich zu erinnern, wie es ist, wenn man Courage hat. Ich bin ein Nichts. Ich bin nicht einmal mehr eine Frau, kein Mädchen, sondern nur noch ein Kind.“

Ihren Kampfnamen wählt Tamara nach ihrem Vorbild Soja Anatoljewna (Tanja) Kosmodemjanskaja, einer sowjetischen Partisanin, die von Angehörigen eines Wehrmachtsregimentes gefoltert und hingerichtet wurde. Zufällig ist die Namenswahl nicht. Die am 19. November 1937 als Haydeé Tamara Bunke Bider in Buenos Aires Geborene hat überzeugte Kommunisten als Eltern. Die Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime flüchten 1935 nach Argentinien. 1952 kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Genauer gesagt in die DDR. In Stalinstadt, das nach der Zusammenlegung mit Fürstenberg 1961 zu Eisenhüttenstadt wird, geht Tamara zur Schule, tritt in die FDJ ein und übt bei der GST das Schießen.

Jugendzeit im Osten: Tamara Bunke (l.) neben Weltrekordläufer Siegfried Valentin, der 1953 in Eisenhüttenstadt mit der Leichtathletik begannFoto: Archiv/Hagen Bernard
Jugendzeit im Osten: Tamara Bunke (l.) neben Weltrekordläufer Siegfried Valentin, der 1953 in Eisenhüttenstadt mit der Leichtathletik begann Foto: Foto: Archiv/Hagen Bernard

Die glühende Sozialistin hat furchtbares Heimweh. Sie will zurück nach Lateinamerika, studiert aber erst einmal Romanistik an der Berliner Humboldt Universität und wird Mitglied der SED. Als 1959 Fidel Castro und seine bärtigen Mitstreiter auf Kuba den von den USA unterstützten Diktator Batista stürzen, will sie am liebsten sofort auf die Zuckerrohrinsel.

Im Dezember 1960 kommt der kubanische Industrieminister Ernesto Che Guevara in die DDR. Tamara dolmetscht. Schon am 12. Dezember 1960 hatte das ZK der SED ihre Ausreise nach Argentinien genehmigt. Aus der DDR-Staatsbürgerschaft wird Tamara am 12. April 1961 entlassen. Im Mai türmt eine Tänzerin des kubanischen Nationalballetts während einer Europareise. Tamara Bunke steigt an ihrer statt in Prag in das Flugzeug.

Niemand hat sie geschickt. Ihre Eltern sind ahnungslos, und auch die Stasi weiß nichts. Allerdings behauptet der übergelaufene Oberst der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), Günter Männel, später, er habe die Deutsch-Argentinierin persönlich auf den aus orthodox-kommunistischer Sicht zwielichtigen Che Guevara angesetzt.

Weder dafür noch für eine KGB-Mitarbeit haben sich jemals Belege gefunden. Bekannt ist die Äußerung des damaligen HVA-Chefs, Markus Wolf, man habe an einem Dementi kein Interesse. Bruder Konrad Wolf scheitert übrigens zweimal an den zuständigen Genossen, als er einen Film über die eigenwillige Revolutionärin drehen will. Und Nadja Bunke, Tamaras Mutter, lässt bis zu ihrem Tod im Jahre 2003 jeden juristisch in die Schranken weisen, der Männels Behauptungen verbreitet. Auch wer publiziert, ihre Tochter habe ein Liebesverhältnis mit Che gehabt, bekommt es mit ihren Anwälten zu tun.

„Für den kubanischen Geheimdienst hat sie schon gearbeitet“, sagt Oliver Rump. „Als Kundschafterin.“ Rump, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin, hat mit seinen Studenten vor zwei Jahren eine Ausstellung konzipiert, die auch in Kuba zu sehen ist. Er ist in die Archive gestiegen und ist sich sicher, dass Bunke nur für die Kubaner gearbeitet hat. Und das sehr erfolgreich. In Bolivien hat sie Kontakt in die allerhöchsten Kreise. Als nach ihrem Tod der Befehl ergeht, alle zu verhaften, die mit ihr zusammen auf Fotos zu sehen sind, kommt der damalige bolivianische Innenminister zu dem Schluss, dass man dann die halbe Elite des Landes hätte einsperren müssen. Den Präsidenten, dessen Kinder Bunke unterrichtete, eingeschlossen.

Tanias Schauspieltalent ist enorm. Sie reist in Bolivien umher, um Musik der Indios zu sammeln, hat drei Wohnungen, ist offiziell im Erziehungsministerium angestellt, hat intime Beziehungen zu einflussreichen Männern, heiratet einen jungen Bolivianer, um die bolivianische Staatsbürgerschaft zu bekommen, und besorgt ihm dann schleunigst ein Studium in Bulgarien. Geduldig wartet sie auf den Kontaktmann aus Kuba. Als der kommt, wird sie weiter ausgebildet. Niemand schöpft Verdacht.

Ab November 1966 ist Che Guevara in Bolivien. Die Kundschafterin arbeitet gelegentlich als Moderatorin einer Ratgebersendung im Radio. Manchmal klingen ihre Sätze dort etwas holprig. Dann handelt es sich um verschlüsselte Botschaften an Che und seine Revolutionsexporteure.

Anfang März 1967 führt sie den französischen Philosophen Régis Debray und einen argentinischen Maler in das Hauptlager der Kämpfer. Die beiden haben den Kontaktmann verpasst. In Bunkes Jeep findet die Armee Dokumente und wichtige Aufzeichnungen. Am 27. März schreibt Guevara in sein Bolivianisches Tagebuch: „Alles deutet darauf hin, dass Tania individualisiert (enttarnt A.B.) ist, so dass eine gute, geduldige zweijährige Arbeit verloren ist.“

Tamara muss bei den Kämpfern bleiben. Ihr bleiben noch fünf Monate. Irgendwann hat sie ein Gedicht geschrieben. „Wird mein Name eines Tages nichts sein?“, fragt sie.

Der Zwergplanet 2283 heißt Bunke. Im Che Guevara-Film von Steven Soderbergh hat Franka Potente die Rolle Tamara Bunkes gespielt. Und am 20. November trifft sich im Strohhaus in Neuzelle (Landkreis Oder-Spree) eine kleine Tamara-Bunke-Gesprächsrunde.

Erinnerungs- und Gedenkveranstaltung, 20.11., 19 Uhr, Strohhaus Neuzelle, Slawengrund 11, Telefon 033652 82558

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