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Kriegskinder : Die etwas anderen Osterwünsche des Jahres 1944

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Kriegskind erinnert sich: Ostern vor 70 Jahren war ein Fest der unerfüllten Sehnsüchte und Hoffnungen

Das Foto rechts erinnert an Kriegsostern 1944 in Ludwigslust. Auch an diesem Tag hatte es, wie fast täglich, Fliegeralarm gegeben. Wenn der Voralarm nicht zu spät kam und es die Zeit zuließ, wurden die von den Einwohnern erbauten Bunkeranlagen aufgesucht, die sich in rund 300 Metern Entfernung in einem Wäldchen befanden. War die Zeit zu kurz, suchten die Mütter mit ihren Kindern in den Hauskellern Schutz. Nachts wurden die Kleinen aus dem Schlaf gerissen. Die Angst vor den Bomben war zu jeder Zeit da. Erst die Entwarnung brachte dann wieder etwas Ruhe.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie die Bomber auf ihrem Weg nach Berlin immer wieder unsere Stadt überflogen. Das Foto entstand Ostern 1944 im Vorgarten der heutigen Grabower Allee 25, der damaligen Immelmannstraße 1 in Ludwigslust. Die Osterhasen auf dem Foto hatte der Fotograf mitgebracht. Sie wurden danach für Aufnahmen bei weiteren Familien benötigt. Der Vater, der keinen Weihnachtsurlaub bekommen und – was wir erst später erfahren sollten – den Kesselausbruch von Tscherkassy im Februar 1944 schwerverletzt überstanden hatte, sollte sich ja wenigstens an den zu Ostern aufgenommenen Bildern seiner Kinder erfreuen. Die an die Front geschickten Briefe kamen vier Wochen später ungeöffnet mit der Aufschrift „Gefallen für Großdeutschland“ zurück.

Die Zeitungen waren Ostern 1944 voll von Todesanzeigen gefallener Soldaten. Die Mütter bangten um ihre Söhne, die Frauen um ihre Männer und die Kinder um ihre Väter. Zu Ostern gab es nur einen Wunsch: ein Wiedersehen mit den Männern, die in die Schlacht geschickt wurden. Für sehr viele Familien sollte er nicht in Erfüllung gehen.

Es folgte für die Bevölkerung eine bittere Zeit mit Verdunklungen, Fliegeralarmen, Bombenangriffen, Vertreibung und Flucht, Kriegsende und Hunger in der Nachkriegszeit. Viele Männer waren gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Da war das Leben auch für übriggebliebene Familienmitglieder schwierig. Alle, die unfreiwillig auf dieses menschenverachtende Schlachtfeld geraten waren, hätten lieber gemeinsam mit ihren Frauen ihre Kinder in Frieden aufwachsen sehen.

Zu Lebzeiten verblassen die Bilder eines solchen Krieges bei den Beteiligten nicht mehr. Ein Krieg, in dem so viele Soldaten der beteiligten Länder auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen, verhungerten, verdursteten, erfroren oder den Freitod wählten. Während im KZ und in Gettos die Menschen grausam umgebracht wurden, hat die oberste Führungsriege dieses Völkermordens im Berliner Bunker bis zur letzten Stunde ihres Lebens Champagner getrunken.

Ostern 1944, für viele ein Fest der unerfüllten Wünsche und Hoffnungen. Daran muss ich immer denken, wenn ich das Foto betrachte.



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