zur Navigation springen

Wochenend-Interview: Philipp Poisel : Dichter, Denker, Träumer

vom
Aus der Onlineredaktion

Warum Sänger Philipp Poisel auch heute Musiklehrer werden will.

svz.de von
erstellt am 11.Feb.2017 | 16:00 Uhr

Er singt von großen Gefühlen und der großen Liebe. Seine sensiblen Songs haben den Musiker Philipp Poisel groß gemacht. Mit seinem neuen Album „Mein Amerika“ möchte der Sänger eine neue Seite von sich zeigen. Im Interview erzählt der 33-Jährige, wie oft er Dinge zerdenkt, warum Herbert Grönemeyer fast wie ein musikalischer Vater für ihn ist und er kein Smartphone besitzt.


Herr Poisel, im Chor wurde Ihnen gesagt, dass Sie schief singen, und an der Universität sind Sie durch die Musikprüfung gefallen. Warum haben Sie die Musik trotzdem nicht aufgegeben?
Mir hat Musik immer Spaß gemacht. Schon als Kind konnte ich mich über sie am besten ausdrücken. Ich schätze an der Musik, dass sie mich anderen Menschen näherbringt, weshalb ich eigentlich sehr gerne in den Chor gegangen bin. Aber dann hat ein Mädchen dort zu mir gesagt, dass ich furchtbar schief singen würde. Das hat mich sehr getroffen. Denn ich wollte weiter Musik machen, und das am liebsten mit anderen Menschen. Trotzdem habe ich den Chor wenig später verlassen.

Und woran ist es bei der Aufnahmeprüfung an der Uni gescheitert?
Meine Ambitionen, Musiklehrer zu werden, kamen von Workshops, die ich früher auf Ferienfreizeiten geleitet habe. Wir sind in den Wald, haben Stöcke gesammelt und diese als Percussion ausprobiert. Viele Teilnehmer dachten von sich, nicht musikalisch zu sein, und haben stark an sich gezweifelt. Doch am Ende waren sie sehr gut. Ich wollte als Musiklehrer Menschen zeigen, dass sie selbst dann Musik machen können, wenn andere ihnen sagen, dass sie unmusikalisch sind. Leider spielen formelle, fachliche Aspekte, wie beispielsweise das Notenlesen, eine sehr große Rolle an der Universität. Ich habe mich der Prüfung gestellt, aber woran es gescheitert ist, kann ich nicht mehr sagen. Mich hat jedoch gewundert, dass mich während der ganzen Prüfungsprozedur niemand gefragt hat, warum ich Musiklehrer werden möchte. Trotzdem ist diese Vision nicht für mich gestorben. Ich mache noch immer gerne mit anderen Menschen Musik, und vielleicht bietet sich später doch die Möglichkeit für mich, eine Klasse zu unterrichten oder Kurse zu geben.


Sie haben als Kind schon Ihre ersten Lieder komponiert. Wie hörte sich das an?
Für mich hat es als Kind keinen Unterschied gemacht, ob ich im Sandkasten oder auf dem Klavier spiele. Ich habe einfach frei gespielt, daher kann ich gar nicht sagen, was ich damals komponiert habe. Ich habe manchmal stundenlang immer die gleiche Melodie gespielt – das hatte fast etwas Meditatives für mich. Noch heute komponiere ich so.
 

Meditation und Schlagzeug schließen sich fast aus. Dabei wollten Sie früher unbedingt ein Schlagzeug haben…
Und ich wünsche mir heute noch immer, Schlagzeuger zu werden (lacht). Mittlerweile besitze ich ein kleines Schlagzeug und spiele fast jeden Tag darauf. Aber es war ein Traum, auf den ich lange gewartet habe.
Erleben wir Sie also bald mal auf der Bühne mit Drumsticks in der Hand?
Ich habe schon den Anspruch an mich, ein Instrument so gut zu beherrschen, dass es mir selbst gefällt. Ich würde erst auf die Bühne damit gehen, wenn ich das Gefühl hätte, nicht angreifbar zu sein.

Apropos angreifbar: Ihre Musik spaltet viele Menschen. Manche finden Ihre Songs schön, andere finden sie zu schnulzig. Wie gehen Sie mit den verschiedenen Polen um?
Das spielt für mich keine sehr große Rolle. Es fühlt sich toll an, auf der Bühne zu stehen und zu wissen, dass das Publikum wegen meiner Musik gekommen ist. Dann traue ich mich auch, Musik zu machen. Bei Kritik kommt es auch immer auf Ton und Aussage an, ob ich mir diese zu Herzen nehme oder ob es mir egal ist. Da den kritischen Stimmen aber immer Menschen gegenüberstehen, die meine Musik mögen, hält es sich am Ende die Waage.
 

Herbert Grönemeyer gefällt Ihre Musik. Er hat Sie bei seinem Label unter Vertrag genommen. Wie sehr hat Sie das gefreut?
Das war schon ultimativ aufregend für mich. Als ich den Vertrag bekam, war ich nicht nur wegen der wirtschaftlichen Sicherheit sehr froh, sondern habe mich sehr gefreut, weil ich mich bei seinem Label aufgehoben fühle. Diese Zusammenarbeit passt auch, weil ich mich mit seiner Musik identifiziere. Herbert Grönemeyer ist fast wie ein musikalischer Vater für mich. Sein Label hat mich kompromisslos aufgenommen, mit allen Ecken und Kanten, die ich habe. Hier darf ich sein, wie ich bin.


War Grönemeyer auch in Ihrer Jugend ein Vorbild?
In einem gesunden Maße auf jeden Fall. Ich war nie ein fanatischer Fan, aber seine Musik hat für mich – wie für die deutsche Musikszene – eine Rolle gespielt. Er hat sich seine Position in der Szene über lange Jahre erkämpft und verdient. Es fühlt sich gut an, bei ihm unter Vertrag zu sein.

Wie oft fragen Sie ihn um Rat?
Mir reicht es schon, wenn ich ihn auf der Bühne erlebe. Seine Show zu sehen ist für mich Ratschlag genug, weil ich mir von ihm viel abschauen kann. Er hat einmal zu mir gesagt, dass meine nächste Platte nicht perfekt sein muss. Ich sollte einfach nur machen. Denn in Perfektionismus kann man sich verlieren. Das habe ich mir zu Herzen genommen und arbeite heute so.

Ihr letztes Album ist sechs Jahre her. Warum ist so viel Zeit vergangen?
Ich wollte für Live-Auftritte frischen Wind auf meiner Setliste haben. Dafür wünschte ich mir Lieder, die eine ganz andere, neue Energie versprühen. Um diese Veränderung zu leben und umzusetzen, braucht es einfach Zeit. Ich wollte mich selbst verändern, neue Dinge ausprobieren und Erfahrungen sammeln.


Ihr neues Album heißt „Mein Amerika“. Wer sind Ihre amerikanischen Helden?
Bruce Springsteen finde ich toll. Ich mag es, dass er manche seiner Platten allein zu Hause auf dem Kassettenrekorder aufgenommen hat. Und dann ist er wieder so ein amerikanischer Rockstar, der alle Menschen zum Mitsingen bringt. Wenn ich in unserem Wohnzimmer sein Lied „Streets of Philadelphia“ hörte, berührte mich das sehr. Das ist der Soundtrack meiner Kindheit.

Viele Menschen hören Ihre Musik, wenn sie verliebt sind. Verraten Sie mir, wann Sie das erste Mal verliebt waren?
Ob mich Mädchen im Kindergarten interessiert haben, weiß ich nicht mehr so genau. Aber in der Grundschule habe ich das erste Mal einen Liebesbrief verfasst.

Wie viele Liebesbriefe bekommen Sie denn heute?
Handgeschriebene Briefe, die ich nach meinen Konzerten zugesteckt bekomme, lese ich sehr gerne. An den Briefen bemerke ich, dass mir Menschen ihre Gedanken mitteilen wollten. Sie erzählen, womit sie meine Lieder verbinden und wann ein Lied für sie eine Bedeutung hatte. Manchmal gibt es Phasen, in denen ich vergesse, wie schön es ist, auf der Bühne zu stehen. Doch diese Briefe erinnern mich in Krisen daran, warum ich diesen Job mache.

Während der Arbeit an Ihrem zweiten Album wurde bei Ihnen Krebs diagnostiziert. Nach drei Tagen gaben die Ärzte Entwarnung. Wie haben Sie das erlebt?
Ich war sehr introvertiert und habe versucht, geduldig zu sein. Ich spürte sofort diese Abhängigkeit: Was planen die Ärzte? Wie geht es weiter mit mir? Diese Ungewissheit ist furchtbar. Alle Pläne habe ich in diesem Moment verworfen. Ich habe versucht, mich auf mich und die Menschen, die mir wichtig sind, zu besinnen. Als die Ärzte mir mitteilten, dass sie sich geirrt haben, war ich erleichtert. Trotzdem habe ich eine ganze Weile gebraucht, um diesen Schock zu verdauen.


Sind Sie genauso sensibel, wie es Ihre Musik vermuten lässt?

Sagen wir mal so: Ich versuche, meine Schwächen aktiv auszugleichen. Mein Vater denkt auch sehr viel nach, während mein Großvater ein ganz anderer Typ war. Er hat zum Beispiel viel Sport getrieben. In mir stecken beide Seiten. Wenn ich an mir zweifele, denke ich an meinen Opa. Er hat nie aufgegeben und ist für mich eine wahnsinnige Motivation. Ich habe italienische Freunde, die oft zu mir sagen, dass ich zu viel denke. Die Zeit mit ihnen genieße ich sehr, weil wir zusammen einfach nur abhängen und eine Pizza essen. Das tut auch sehr gut.

Und wann flippen Sie mal aus?
Ich flippe nicht oft aus, aber gestern hatte ich einen Moment. Am Frühstücksbuffet hatte der Koch gerade eine frische Platte Lachs gebracht, und ein Herr vor mir nahm sich mit seiner Gabel den kompletten Fisch auf den Teller. Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob das sein Ernst sei. Da war für einen kurzen Moment Spannung im Raum. Aber eigentlich werde ich nicht schnell wütend.

Als Straßenmusiker waren Sie wenig in Hotels und an Frühstücksbuffets. Was haben Sie damals am Tag verdient?
Das war sehr unterschiedlich. An unserem ersten Tag in Köln war Christopher Street Day, und der Rubel rollte. Mein Kumpel und ich waren begeistert und dachten, dass wir reich werden (lacht). Aber als wir in Rotterdam ankamen, haben wir gar nichts verdient und mussten in einem Zelt am Strand schlafen, weil das Geld nicht mehr ausreichte. Für uns war es ein Experiment, ein Abenteuer und ein Urlaub – wir haben das nur ein paar Wochen getestet.

Wo waren die Menschen den am großzügigsten?
In Köln und in Vilnius war es toll. In Litauen wurden uns auch Schnaps, Zigaretten und Souvenirs zugesteckt.

Heute spielen Sie auf Bühnen vor Tausenden von Menschen. Wie trennen Sie zwischen beruflich und privat?
Ich genieße es, wenn Menschen zu meinen Konzerten kommen. Aber ich werde auf der Straße wenig erkannt. Das ist toll, denn so kann ich überall hingehen.

Und geben Sie wie andere Kollegen Einblicke in Ihr Leben über Facebook und Co?
Auch auf diesen Kanälen habe ich einen künstlerischen Anspruch und poste hier gerne Videos oder kleine Beiträge. Außerdem genieße ich es, wenn der Computer mal ein paar Stunden ganz aus ist und ich meine Ruhe habe.

Können Sie Ihr Smartphone gut weglegen?
Ich habe schon seit zwei oder drei Jahren gar kein Smartphone mehr. Ich bin kein Smartphone-Gegner, aber ich konnte den Umgang damit nicht gut kontrollieren. Sobald man ein Smartphone hat und online ist, wird es immer schwieriger, die Tür zu schließen und abzuschalten. Mein Handy ist ein alter Knochen vom Discounter.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen