WOCHENEND-INTERVIEW: Felix Klare : Der Star vom Amt

felix klare foto stefan klüter

Schauspieler Felix Klare: Über 13 Schulen und das Arbeitsamt zur Schauspielerei.

svz.de von
27. August 2016, 16:00 Uhr

Von Null auf Hundert: Als Felix Klare „Tatort“-Kommissar in Stuttgart wurde, kannte ihn kaum ein Fernsehzuschauer. Mittlerweile ermittelt er seit acht Jahren an der Seite von Richy Müller und ist am 28. August in dem Big Data-Krimi „HAL“ zu sehen. Über Fernsehen, Internet und Kinder unterhalten wir uns in einem Café seiner Heimatstadt München.

Herr Klare, Sie sind seit acht Jahren „Tatort“-Kommissar und auch sonst ziemlich präsent auf Bildschirm, besitzen aber keinen Fernseher. Wie passt das zusammen?

Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen und seit ich Kinder habe, sage ich mir noch mehr, dass ich das nicht brauche. Außerdem muss ich als Schauspieler vom Leben erzählen und nicht vom Fernsehen. Hin und wieder sehe ich mir aber mal was übers Internet an.

Ein Smartphone haben Sie auch nicht, das ist in Ihrer Altersgruppe fast schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Das stimmt – wobei: Bis vor einem Jahr hat jeder, der mein 15 Jahre altes Handy gesehen hat, gleich gefragt: Was ist das denn? Mittlerweile sagen immer mehr Leute: Ist ja cool, darf ich das mal anfassen? Jetzt ist es schon wieder etwas Besonderes. Das Einzige, was ich manchmal vermisse, ist, dass ich mit meinem Handy keine Fotos machen kann.

Einen Computer besitzen Sie aber schon, oder?

Ja, ich habe ein MacBook und einen Computer, an dem ich meine Mails durchschauen kann. Meine Frau hat ein iPhone. Ansonsten habe ich meine Agentur, die luxuriöserweise alle Verträge für mich macht, quasi mein Büro ist.

Sind Sie grundsätzlich ein Technik-Skeptiker?

Überhaupt nicht, ich will auch nichts verteufeln und offen bleiben. Aber ich möchte wach und kritisch gegenüber diesen „fantastischen“ Neuerungen bleiben – gerade, wenn dies wenige tun und die meisten mitrennen. Das sehe ich als meine Verantwortung, besonders wenn man Kinder hat. Außerdem glaube ich, dass das Internet zur Vereinzelung vieler Menschen beiträgt. Auch wenn’s blöd klingen mag – früher ging man vielleicht sonntags in die Kirche oder zum Lesekreis, traf sich mit Freunden. Heute wird die befreundete Clique oft durch das Internet ersetzt. Nur ist man da nicht zusammen und kommuniziert mit anderen, sondern man ist völlig alleine und bleibt es auch. Nach dem Amoklauf in München hat sich mir nicht die Frage gestellt, ob das ein Einzeltäter oder einer vom IS ist, sondern warum solche Menschen in unserer Gesellschaft existieren, und was das über diese Gesellschaft aussagt.

Wenn Sie als Kind ohne Fernseher aufgewachsen sind, kann Ihr Interesse für die Schauspielerei daher ja nicht geweckt worden sein. Wie sind Sie dazu gekommen?

Übers Arbeitsamt.

Bitte?

(lacht) Ja, das stimmt. Genauer gesagt über das BIZ (Berufsinformationszentrum, die Red.) in München. Als ich 18 oder 19 war, habe ich da einen etwa zehnseitigen Fragebogen ausgefüllt. Bei der Auswertung kam heraus, dass ich Pferdewirt oder Spielzeughersteller werden sollte. Ich mag zwar Tiere, aber unter Pferdewirt konnte ich mir überhaupt nichts vorstellen. Und mit Spielzeug konnte ich auch nicht so viel anfangen.

Also?

Es gab da im Keller einen Saal mit Unmengen von Ordnern im Regal, auf deren Rücken man die Berufe lesen konnte. Da habe ich mich bestimmt zwei Stunden aufgehalten und habe mir von A, B, C bis S wie Schauspieler alle möglichen Berufe durchgelesen. Bei Schauspieler bin ich das erste Mal hängen geblieben und hab gedacht: Da steckt ja alles drin, was ich davor gelesen habe. In diesem Ordner waren nur fünf Schauspielschulen aufgelistet, bei denen habe ich mich dann beworben. Ein Schauspiellehrer hat mich ein wenig vorbereitet und der Rest war Schicksal. Ich habe eigentlich erst am Ende der Schauspielschule wirklich begriffen, dass ich jetzt einen richtigen Beruf habe.

Sie sind ja nicht an irgendeiner Schauspielschule gelandet, sondern gleich an der renommierten Ernst Busch in Berlin.

Mir war das gar nicht klar, dass ich an so einer renommierten Schule gelandet bin. Beim Vorsprechen hat mir vielleicht meine Naivität geholfen. Ich war ja erst 19. Später hätte ich womöglich nicht mehr bestanden, weil ich dann über zu vieles zu viel nachgedacht hätte. Die Schauspielschule war ja schon meine 13. Schule. Da fühlte ich mich endlich angekommen. Drei oder vier Jahre mit denselben Klassenkameraden zusammen zu sein – diese Erfahrung hatte ich bis dahin noch gar nicht gemacht.

Sie waren an 13 Schulen? So oft sind Sie doch gar nicht umgezogen.

Ich war das vierte und letzte Kind meiner Eltern, die bei mir alles richtig machen wollten. Wenn meine älteren Geschwister nach Hause kamen, den Schulranzen hinschmissen und „Scheiß Latein“ maulten, wusste ich schon drei Jahre bevor ich es selbst bekam, dass Latein kein gutes Fach ist. Ich war da auch sofort richtig schlecht.

Und die Schule gewechselt?

Meine Eltern haben mich da rausgenommen und es woanders probiert, aber da lief’s dann auch nicht. Immer stand ich vorne neben der Lehrerin, die dann sagte „Das ist Euer neuer Mitschüler, der Felix“. Dann guckten alle, ich war so klein mit Hut, kam in die letzte Reihe und habe zwei Wochen lang gar nichts gesagt, nur beobachtet: wie versteht sich der Schüler mit dem, welche Autorität hat der Lehrer, welche die und so weiter. Und dann habe ich angefangen, meine Jokes zu machen, um irgendwie in die Klassengemeinschaft reinzukommen – das war erstmal wichtiger als gut in der Schule zu sein.

Ihre Eltern sind 1974 aus der DDR geflohen.

Genau. Eine irre Geschichte… Die ersten Jahre haben sie in Osnabrück gewohnt, weil Bekannte und Verwandte auch da lebten. Als ich dann 1978 geboren wurde, waren wir aber schon ein oder zwei Jahre in Heidelberg.

Ihre Eltern sind Ärzte, gab’s da nicht den Wunsch, dass die Kinder auch Medizin studieren?

Das haben sie sich wohl gewünscht, aber von uns vieren ist keiner Mediziner geworden.

Wie alt sind Ihre Kinder?

Zwischen fast 14 und anderthalb Jahren.

Gibt es bei Ihnen so etwas wie eine digitale Erziehung?

Die beiden jüngsten sind dafür eh noch zu klein. Das zweitälteste Kind ist neun, sie hat ein ganz normales Prepaid-Handy ohne Kamera, ohne alles, nur um anrufen zu können, wenn mal eine U-Bahn nicht fährt. Das hat mein 13-jähriger Sohn auch. Der macht mir alle zwei Monate die Hölle heiß, weil er noch kein iPhone hat wie viele seiner Kollegen.

Sie selbst lesen viel Zeitung – gedruckte Zeitung?

Ja. Ich fahre sehr viel mit dem Zug, weil ich nicht so gerne fliege. Und da gibt es ja immer die „FAZ“, die „Süddeutsche“, „Die Welt“ und die „Bild“, die lese ich dann. Hin und wieder kaufe ich mir auch eine Zeitung. Ich muss einfach etwas Haptisches haben, auch bei Drehbüchern. Ich will darin Notizen machen und sie überall hin mitnehmen können und nicht immer mit einem Computer rumlatschen. Deswegen bitte ich immer darum, mir die Drehbücher in ausgedruckter Form zukommen zu lassen.

Als Sie vor acht Jahren „Tatort“-Kommissar wurden, waren Sie im Fernsehen ein unbeschriebenes Blatt. Wer hat Sie damals entdeckt?

Meines Wissens war es die Frau des damaligen Spielfilmleiters beim SWR. Die hatte mich in einem Kinofilm gesehen und ihrem Mann gesagt: Den könnte man zum Casting einladen. Dieses Casting war dann ein paar Wochen vor einer sehr wichtigen Theaterpremiere, bei der ich die Hauptrolle hatte. Deswegen habe ich mir gesagt: Okay, das nehme ich jetzt mal mit. Ich war mit meiner Konzentration ganz woanders, aber es hat dann trotzdem oder vielleicht genau deswegen gut funktioniert.

In Ihrem neuen „Tatort“ sind sich verselbstständigende Computerprogramme und die totale digitale Überwachung das Thema. Für wie realistisch halten Sie das?

Ohne jetzt ein Verschwörungstheoretiker zu sein, fürchte ich, dass es sehr realistisch ist. Zunächst dachte man ja, dass wir einen Science-Fiction-„Tatort“ drehen, aber von Science Fiction würde ich bei dem Film gar nicht mehr so eindeutig sprechen. Das Scannen der Iris oder von Gesichtern gibt es ja heute schon, und so ein Smartphone eignet sich nun mal hervorragend, um jemanden zu überwachen.

Ich vermute mal, dass manche ältere Zuschauer bei diesem „Tatort“ Verständnisprobleme bekommen.

Das kann sehr gut sein. Es gehört ja auch zum Thema, zur Arbeit von Niki Stein (Drehbuch und Regie, die Red.) und der Message des Films, dass alles sehr undurchsichtig geworden und schwer zu begreifen ist. Selbst für mich als jungen Menschen war es nicht immer einfach. Wir Schauspieler mussten mehrfach fragen: „Wie ist das jetzt gemeint?“ Wer nicht alles versteht, sollte sich zurücklehnen und genau das auf sich wirken lassen. Viele Menschen kennen ja zum Beispiel dieses Darknet nicht, dass es aber tatsächlich gibt: Der Amokläufer von München hat sich da seine Waffe besorgt.

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