WOCHENEND-INTERVIEW : Der Spülmaschinist

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Rapper Thomas D über Küche, Kommunen, Kinder und Karriere.

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20. Juni 2015, 07:44 Uhr

Sie sind gefeierte Popstars und schon seit einem Vierteljahrhundert im Geschäft: Im vergangenen Jahr zelebrierten die Fantastischen Vier ihr 25-jähriges Jubiläum. Die dazugehörige Tournee wird in diesem Sommer um diverse Festivaltermine erweitert. Aber es gibt für die vier Stuttgarter mehr als Musik: Im Gespräch gibt Rapper Thomas D Auskunft über Landkommunen, vegane Küche, Kinder und Karriere.

Haben Sie Ihre Karriere geplant?
Ich kann mich daran erinnern, als Jugendlicher mein erstes großes Konzert gesehen zu haben: Es war Peter Gabriel in der Schleyerhalle in Stuttgart. Damals machte ich selbst noch keine Musik. Aber ich schaute auf die Bühne und dachte mir: Du stehst auf der falschen Seite. Der Mann dort hat frisches Wasser und andere leckere Drinks, die Schweinwerfer sind auf ihn gerichtet, er hat ein Mikrofon und alle schauen ihn an. Das ist eigentlich dein Platz. Es hat ungefähr acht Jahre gedauert, bis ich dort in der Schleyerhalle mit den Fantstischen Vier auf der Bühne gestanden habe.

Fühlen sie sich mit ihren Kollegen von den Fanta 4 nicht wie einer alten Ehe?
Nein, im Grunde funktioniert unsere Truppe sehr gut, sogar besser als früher.
Was hat sich denn zum Positiven verändert?
Naja, wir wissen heute viel besser, mit wem wir es gegenseitig zu tun haben. Wir kennen uns, können uns einschätzen. Sehen Sie, wenn man jung ist, will man doch, dass alle so sind wie man selbst. Oder andersherum: Man denkt, dass man als einziger Recht hat und alle anderen Idioten sind. Also wäre es vielleicht einfacher gewesen, wenn wir uns bei den Fantas charakterlich geähnelt hätten. Doch dann wären wir auch eindimensionaler und eintöniger gewesen.

Das heißt, dass die Individualität der vier Fantas ein Grund für ihren Erfolg ist?
Ganz sicher. Wenn es bei uns einen Zauber gibt, dann weil wir vier verschiedene Typen sind, die jeder für sich menschlich und auch musikalisch eine andere Richtung und einen anderen Ansatz verfolgen. Und das ist eine Erkenntnis, zu der man erst im Laufe der Jahre gelangt.

Für Ihren Jubiläums-Song „25“ haben Sie auf die Hookline eines Hits von dem Dance-Projekt The Catch von 1983 zurückgegriffen, das von einer ziemlich exaltierten Falsettstimme dominiert wird. Fanden Sie das nicht ein wenig schrill?
Vielleicht ist das wie mit alten Frisuren. Aus einer gewissen Distanz betrachtet kann man sie peinlich, aber auch schon wieder lustig finden. Aber im Grunde mögen wir den Song. Wir haben nicht absichtlich einen schrecklichen Song ausgewählt, um für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Es wurde eine Art Rückblick auf die letzten 25 Jahre.
Ja, wir haben Don Snow, den Originalsänger, der sich jetzt Jonn Savannah nennt, ins Studio eingeladen und ihn seinen Part einsingen lassen. Dann packten wir unseren Text dazu, mit dem wir uns am Ende selbst persiflieren. Sonst würden wir nicht Verse wie „Fantastisch, nicht mehr ganz frisch“ oder „die Legende ständig am Ende“ rappen. Im Grunde wollten wir uns eigentlich auch ein wenig gut finden. Aber das können wir Deutsche ja nicht besonders gut.

Wie gut fanden Sie sich denn, als Sie vor zwei Jahren den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg verliehen bekamen?
Haben Sie gesehen? Ich bin gerade aufgestanden, um der Bedeutung der Auszeichnung gerecht zu werden. Aber Spaß beiseite: Wenn mir der Orden egal gewesen wäre, hätte ich ihn mir per Post zuschicken lassen. Aber immerhin handelt es sich um die höchste Auszeichnung, die das Land Baden-Württemberg zu vergeben hat. Und die Ministerpräsidenten werfen damit nicht gerade um sich: Es gibt nur 1000 Träger. Da muss erst mal einer sterben, damit der nächste einen verliehen bekommen kann. Als ich mir angeschaut habe, wer den schon bekommen hat, habe ich das Gefühl gekriegt, dass andere den zehnmal eher verdient haben als ich.

Sie haben ihn von dem grünen Landesvater Winfried Kretschmann angesteckt bekommen?
Richtig, von jedem hätte ich den auch nicht genommen. Außerdem habe ich ihn für mein Engagement für den Tierschutz und gegen Rassismus bekommen. Das finde ich dann in Ordnung. Übrigens habe ich ihn in drei Versionen mit den dazugehörigen Tragerichtlinien: Einen Großen darf ich nur bei wichtigen Staatsanlässen anlegen, den Kleinen darf ich zwar im Supermarkt tragen, aber nur, wenn der sein 20-jähriges Jubiläum feiert. Und dann gibt es noch eine Nadel, die ist für überall, die kann ich auch an meinen Pyjama stecken.

Sie leben vegan. Gehören Sie zu den militanten Vertretern dieses Ernährungsstils?
Nein. Letztens habe ich noch Parago, meinen Manager, gefragt: Was ist eigentlich aus den Vegetariern geworden? Es macht den Anschein, als gäbe es nur noch Veganer auf der einen und Fleischesser auf der anderen Seite. Die einen meinen, die anderen wollten ihnen die Wurst vom Teller klauen. Sehen sie, meine Frau und ich leben vegan, unsere Kinder vegetarisch. Das funktioniert zu Hause hervorragend. Doch wenn ich unterwegs bin, flippe ich auch nicht gleich aus, wenn mir jemand Sahne in das Salatdressing mischt. Mir kommt es nur darauf an, dass wegen mir keine Tiere getötet werden. Ansonsten finde ich, dass jeder Mensch das machen soll, was er es für richtig hält. Aber es gibt viele Zeitgenossen, die sich unbedingt über etwas Bestimmtes definieren müssen. Da kommt es dann vor, dass der Veganer zum Gutmenschen wird und sich über den Fleischliebhaber erhebt. Wir Deutschen tendieren offenbar dazu, etwas dogmatisch zu sehen. Das ist aber nicht mein Ding.

Diese Engstirnigkeit findet man ja offenbar auch in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Kunst oder in der Musik.
Ohne Frage. Wir haben das mit den Fantastischen Vier am Anfang hautnah erlebt. Da kamen die HipHop-Polizisten und schrien empört: Deutsch rappen, das geht doch gar nicht, das dürfen nur unterdrückte afroamerikanische Minderheiten aus dem Getto auf Englisch.

Haben Sie es denn auch mal auf Englisch versucht?
Ich kann mich daran erinnern, mit Smudo in den USA gewesen zu sein. Als wir da mal in deren Muttersprache gerappt haben, konnten wir beobachten, wie sich Amerikaner fremdschämen, nach dem Motto: Da kommen zwei Weißbrote aus Deutschland mit schlechtem Akzent und machen einen auf Ghettorapper. Wie peinlich ist das denn? Als wir aber deutsch gerappt haben, war die Reaktion komplett anders. Da haben sie gerufen: Hey cool, das ist ja klasse, das ist authentisch.

Ihre Karriere gleicht einem Plädoyer für ein bisschen Wagnis in Bezug auf kreative Aktivitäten.
Wir sind doch alle versucht, nach gewissen Regeln zu leben, alles korrekt zu machen. Aber gerade in der Musik und der Kunst ist es total wichtig, ausgetretene Wege zu verlassen. Du musst dein eigenes Ding machen, deine Einzigartigkeit zeigen, mit Herz und Seele, dann bist du gut.

Sie sind dafür bekannt, dass sie gern auch mal Videospiele daddeln. Ihre Kinder sind jetzt sieben und zwölf Jahre alt. Treten die in Ihre Fußstapfen?
Oh, das ist ein schwieriges Thema. Meine Tochter hat seit ein paar Monaten ein Handy und sie nutzt es. Das heißt, sie ist drin: Whatsapp all day long – wenn wir sie ließen. Und unser Sohn würde am liebsten den ganzen Tag Videospiele zocken – wie der Vater auch. Wir spielen gemeinsam Super Mario Kart und die beiden können es mittlerweile mit mir aufnehmen. Natürlich begrenzen wir die Mediennutzung. Da die Kinder keine eigenen Computer haben und der Fernseher bei uns so gut wie nie an ist, hält sich das Ganze in Grenzen.

Sie wohnen auf einem Bauernhof in der Eifel, den Sie vor 15 Jahren als Landkommune gründeten. Lässt sich Arbeit und Familie dort trennen oder wollen Sie das gar nicht?
Doch, das geht sehr gut. Der Hof besteht aus mehreren Gebäuden. Büro und Tonstudio sind abseits vom Haupthaus untergebracht. Das heißt, dort können wir die ganze Nacht Krach machen, ohne dass jemand beim Schlafen gestört wird. Und eine Hippiekommune ist das auch nicht mehr. Als wir hier einzogen, waren wir 15 Leute, die meisten waren Musiker oder Künstler. Als sich deren Kunst als monetär nicht so fruchtbar herausstellte, sie auf anderem Gebiet umso fruchtbarer waren, wollten einige alsbald zu ihren Kindern, andere wollten ihre Frauen verlassen. Jedenfalls sind wir jetzt nur noch sechs Leute: Meine Frau, meine Kinder, ich und zwei weitere Personen.

Haben Sie etwas von der Kommunenphilosophie in die Jetztzeit herübergerettet? Beteiligen Sie sich am Haushalt?
Ja. Manchmal räume ich bis zu dreimal am Tag die Spülmaschine ein und aus. Und ich wasche meine Wäsche selbst. Meine Frau wäscht auch ohne meine Klamotten schon bergeweise Wäsche. Und da ich meine Sachen selbst trage, kann ich sie auch waschen. Ich warte immer drei bis vier Wochen, dann bin ich ein bis zwei Tage mit Waschen beschäftigt.

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