Interview Florian Bartholomäi : Der Serienmörder

florian bartolomäi

Wie Florian Bartholomäi zum häufigsten Mörder der Tatort-Geschichte wurde.

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03. Februar 2018, 16:00 Uhr

Kaum vorstellbar, dass dieser durch und durch sympathische Mensch offenbar der Lieblingsmörder deutscher Regisseure ist. Am Sonntag ist Florian Bartholomäi bereits zum achten Mal als Mörder in einem Tatort zu sehen – diesmal weiß es der Zuschauer gleich von Beginn an. In einem Berliner Restaurant erzählt der 31-Jährige von der Annäherung an das Böse, Stationen seiner außergewöhnlichen Karriere und seiner Liebe zum Kampfsport:

Herr Bartholomäi, für jemanden, der quasi in Serie mordet, machen Sie einen ausgesprochen ungefährlichen Eindruck.
Das freut mich (lacht). Natürlich hängt mir mittlerweile der Ruf an, dass ich die Bösewichte ganz gerne spiele und das wohl auch ganz gut mache. Es ist ja immer wieder erschreckend, wenn tatsächlich Morde passieren und der Täter war dann ein Nachbar, dem niemand so etwas zugetraut hätte. Vielleicht falle ich genau in diese Kategorie Mensch, denen man ein Verbrechen nicht zutraut. Für mich als Schauspieler ist es auf jeden Fall total spannend, Figuren zu spielen, die sehr weit weg von mir sind. Weiter weg als dieser Markus Graf im Dortmunder Tatort könnte es gar nicht sein.

Das finden Sie spannend?
Ja, natürlich. Da muss ich erst mal Anknüpfungspunkte finden, wie man Gefallen an einem derart ausgeprägten Sadismus und Sarkasmus findet. In England lief letztes Jahr die zweite Staffel von „The Missing“, wo ich einen ganz lieben Polizisten spiele. Als ich den Engländern erzählte, dass ich in Deutschland häufig als der Bösewicht besetzt werde, wollten die es gar nicht glauben und meinten: Wirklich? Du bist doch so ein netter Typ.

Aber Sie haben es durchaus drauf, gefährlich und furchteinflößend zu wirken. Trainieren Sie den bösen Blick?
(lacht) Man muss in solchen Momenten einfach davon überzeugt sein, dass man ein böser Mensch ist. Erst wenn ich es mir selbst glaube, werden es mir auch andere abnehmen. Und es geht in solchen Szenen auch darum, wer König ist und wer der Diener. Soll heißen: Um einen Bösewicht zu erzählen, braucht es auch diejenigen, die ihn als Bösewicht anerkennen.

Wie funktioniert die Annäherung an das Böse?
Das kommt immer auf die Rolle an. Ich habe mich viel mit den Tschechow-Methoden beschäftigt.

Womit?

Tschechow-Methoden sind psycho-physische Übungen, bei denen man lernt, wie man durch gewisse Körperübungen in Stimmungen hineinkommt, damit man nicht nur alles mit dem Kopf denkt, sondern es auch fühlt. Das sind Techniken, die bei Film- und Fernseharbeiten sehr gut funktionieren. Es gibt aber auch Methoden, bei denen man sich Fotos anschaut. Wenn ich einen Psychopathen spiele und mir längere Zeit ein Bild von Charles Manson ansehe und versuche, es zu kopieren, wie ein Kind nachzumachen, dann kann das helfen.

Sind Sie eigentlich im wirklichen Leben schon mal einem Mörder begegnet?

Ich glaube, dass wir alle mehr Mördern begegnet sind als wir meinen. Die letzte Kriegsgeneration stirbt zwar langsam aus, aber da hat man auf jeden Fall Leute getroffen, unter denen auch Mörder waren. Bewusst bin allerdings noch keinem Mörder begegnet, und ich hatte auch noch nie zur Vorbereitung einer Rolle ein Gespräch mit einem Mörder.

Jetzt waren Sie ja schon in den unterschiedlichsten Tatort-Folgen zu sehen – welche gefallen Ihnen als Zuschauer am besten?
Die Dortmunder mag ich wirklich sehr gerne, weil sie auch als Miniserie funktionieren. Außerdem finde Jörg Hartmann als Faber ganz toll, gerade weil er so ein Antiheld ist. Ein Ermittler muss auch mal das genaue Gegenstück zum Bösewicht sein, er muss ihn verstehen können. Diese Nähe hat der Faber. Außerdem mag ich die Münchner ganz gerne, die sind neben den Dortmundern mein Lieblings-Team.

Haben Sie sich durch Ihre vielen Morde im Tatort eigentlich eine Zukunft als Tatort-Kommissar verbaut?

Darüber haben andere zu entscheiden, Markus Graf jedenfalls wird bestimmt kein Kommissar mehr (lacht). Ich bin so einer Rolle als Tatort-Kommissar gegenüber total offen, aber vielleicht noch ein bisschen zu jung für die Mordkommission. Dafür wäre ein bisschen mehr Lebenserfahrung nicht schlecht. Momentan gefällt es mir noch ganz gut, als Einzelgänger durch die Filmlandschaft zu streifen und mir meine einzelnen Rollen projektweise zu holen, ehe ich mich auf ein Serien-Engagement einlasse. Aber natürlich bin ich sehr interessiert, Ermittlerrollen kann man sehr spannend anlegen.

In der BBCone-Serie „The Mission“ haben Sie schon eine Ermittlerrolle. Wie sind Sie daran gekommen?
Über ein E-Casting. Das habe ich mit einem ehemaligen Mitbewohner von mir aufgenommen. Später gab’s dann eins dieser Castings, bei denen man es nicht glauben möchte. Man kommt rein, spielt eine Szene zweimal, es dauert zehn Minuten und der Regisseur sagt: Super, danke. Ich hab nur gedacht: Das ging jetzt aber sehr schnell. Und dann kam der Anruf: Du hast die Rolle. Ich hab mich riesig gefreut, mit fantastischen Kollegen zusammenarbeiten und eine ganz andere Arbeitsweise kennenlernen zu dürfen.

Zum Beispiel?
Das Niveau beim englischen Fernsehen ist sehr hoch und die Internationalität völlig normal. Wenn da ein Inder oder ein Chinese auftaucht, fragt niemand, wo kommt der denn her? Die kommen aus London, woher denn sonst? Ich fände es schön, wenn’s beim deutschen Fernsehen auch so wäre.

Warum?
Ich bin in Frankfurt groß geworden, wo 25 Prozent der Leute eine andere Herkunft haben als ich. Ich bin mit Türken und Arabern aufgewachsen und das war eine ganz fantastische Erfahrung. Deswegen fände ich es toll, wenn Städte wie Berlin, Frankfurt oder Köln auch im Film multikulturell rüberkommen. Die Engländer sind da einen Schritt weiter, aber das deutsche Fernsehen zieht langsam nach.

Schon Ihre allererste Rolle war ja nicht gerade die seines Sympathieträgers. In „Kombat 16“ haben Sie einen Kampfsportler gespielt mit Neigung zur rechten Szene. Wie sind Sie damals an diese Rolle gekommen?

Über den Kampfsport. Ich war in Frankfurt an der Schule, hatte mit Schauspielerei nichts zu tun und wusste auch noch nicht, was ich mal beruflich machen will. Ich war 16 und hatte keine großen Pläne. Und dann kam mein Taekwondo-Trainer mit einem Flyer, auf dem ein Hauptdarsteller gesucht wurde. Es gab eine kurze Rollenbeschreibung in der stand, dass man nicht spielen, aber den Sport können muss.

Sie haben damals Taekwondo gemacht?
Ja, mich hatte die Kampfkunst schon als kleines Kind interessiert. Wir haben schon als Jungs auf Dachböden trainiert, obwohl mich meine Eltern nicht in einen Verein haben gehen gelassen, weil sie dachten, ich würde mir wehtun und mich verletzen. Bis eine Arbeitskollegin meiner Eltern sagte, dass sie Taekwondo macht. Da durfte ich dann mal zum Probetraining mitgehen und bin da geblieben. Als ich dann später nach Berlin zog, bin ich durch mehrere Vereine gegangen, habe aber erst vor ein einigen Jahren einen Trainer gefunden, bei dem ich bis heute regelmäßig bin. Allerdings mache ich mittlerweile nicht mehr Taekwondo, sondern Wing Tai. Und ich trainiere heute selber Kinder, damit sie sich wehren können und nicht mit fremden Leuten mitgehen.

Sind Sie schon mal in eine Situation gekommen, in der Sie Ihre Kampfkunst zur Selbstverteidigung anwenden mussten?

Ja, sowohl in Frankfurt als auch hier in Berlin. Rangeleien oder Schubsereien kommen schon mal vor. Dann hilft es natürlich, so etwas wie einen Fahrplan zu haben, sich gut einschätzen und dadurch entspannter mit der Situation umgehen zu können. Heute hilft mir die Kampfkunst auch, als Schauspieler meinen Körper als Instrument zu verstehen und nicht so tollpatschig durch die Gegend zu laufen.

Was war damals Ihre Rolle in „Kombat 16“?
Ein Junge, der von Frankfurt/Main nach Frankfurt/Oder zieht, deswegen nicht an der hessischen Landesmeisterschaft teilnehmen kann und sehr frustriert ist. Er kommt dann nach Frankfurt/Oder, hat keine Freunde und driftet ab in die rechtsradikale Szene. Ich war zu der Zeit auch extrem frustriert, weil ich eine Fußverletzung hatte und deswegen nicht an Wettkämpfen teilnehmen konnte. Das hat mich wahnsinnig gemacht.

Und Sie haben sich mit der Rolle identifiziert?
Sie haben mir zum Casting das Drehbuch geschickt, 120 Seiten, das habe ich nicht gelesen. Ich war 16, da liest man keine 120 Seiten Drehbuch. Heutzutage denke ich auch: Hättest Du doch mal lesen können. Wie auch immer – ich wurde zum ersten Casting eingeladen, wurde dreieinhalb Stunden gecastet und habe dann zweieinhalb Monate gar nichts gehört. Und dann rief die Casterin an: Flo, magst Du noch mal kommen? Es sind noch drei Kandidaten im Spiel.
Und?
Dann wurde ich elf Stunden gecastet. Die Produktion wollte wissen: Macht der Junge elf Stunden lang, was wir ihm sagen? Ich hab die Rolle bekommen, kriegte zwei Monate lang Schauspieltraining und hatte dann 30 Drehtage. Für mich war es eine wahnsinnig spannende Erfahrung, als Schüler mit Erwachsenen zusammenzuarbeiten. Da habe ich Blut geleckt und auch gleich eine Agentur gefunden. Meine zweite Rolle war dann auch gleich der erste Tatort: „Freischwimmer“ mit Peter Sodann als Kommissar.

Da war klar, dass Sie Schauspieler werden?
Ich habe die Schule geschmissen, bin nach Berlin gezogen und hab tatsächlich in „Reine Geschmacksache“ eine weitere Kino-Hauptrolle bekommen. Dafür gab’s dann ein paar Preise, was einem jungen Schauspieler natürlich hilft und ihm Aufmerksamkeit verschafft.

Und das ohne jede Schauspielausbildung?
Ja. Im Nachhinein kann ich nur meinen Eltern danken, dass sie das mitgemacht haben. Man muss sich das mal vorstellen: Ich hab ihnen gesagt: Ich breche die Schule ab, ziehe nach Berlin und werde Schauspieler. Ich war der festen Überzeugung, dass es klappt, aber wie bitter kann der Beruf sein, wenn das Telefon nicht klingelt und Dir niemand eine Rolle anbietet?

Für 2017 hatten Sie sich das Ziel gesetzt, zum ersten Mal nach Asien zu reisen. Hat es geklappt?
Es hat leider nicht geklappt, obwohl ich mir schon zweimal Tickets besorgt hatte. Als ich nach Nepal wollte, habe ich die Rolle im 1000. Tatort bekommen und die Reise wieder abgesagt. Dann wollte ich mit einem Freund nach Vietnam, aber da wurde mein Großvater sehr krank, so dass ich auch diese Reise gecancelt und ihn in den Tod begleitet habe. Jetzt steht Asien eben für 2018 auf meinem Plan.

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