zur Navigation springen

Frau im Mann : Der Rollentausch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eineinhalb Jahre lebte Christian Seidel als Christiane – und machte erstaunliche Erfahrungen

svz.de von
erstellt am 25.Jan.2014 | 00:19 Uhr

Christian Seidel hatte seine Rolle als Mann satt – und trug anderthalb Jahre lang Frauenkleider. Der frühere Medienmacher, der unter anderem die Moderatorin Arabella Kiesbauer managte, zog im Minirock und mit blonder Perücke durch seine Heimatstadt München. Anita Hirschbeck sprach mit ihm über Männer, Frauen – und Menschen.

Herr Seidel, Sie haben ein Buch über Ihre Zeit als Frau verfasst. Darin schreiben Sie, Ihre Rolle als Mann hätte Sie eingeschränkt. Wieso?

Seidel: Weil man als Mann ganz enge Rituale lebt. Ich habe schon seit vielen Jahren einen großen Überdruss von diesem Rattenrennen, das sich Männer liefern. Sie müssen sich ständig vergleichen und profilieren – letztendlich gegenüber Frauen.

Als Frau haben Sie viele schlechte Erfahrungen gemacht. Sie beschreiben, wie sie angespuckt, begrapscht, sogar fast vergewaltigt wurden. Hat Sie das verändert?

Ich habe mittlerweile ein Problem damit, Männer zu mögen. Solche Übergriffe sind mir ununterbrochen passiert. Dass mir fremde Männer mit dem Finger in die Brüste stechen oder abfällig über mich reden zum Beispiel. Das hat mich zermürbt.

Sie schreiben, dass Sie auch Freunde verloren haben. Warum haben Sie trotzdem immer weitergemacht?

Umso mehr Gegenwind ich bekommen habe, desto mehr wollte ich weitermachen. Ich habe nicht eingesehen, dass so ein Widerstand kommt, nur weil ich als Mann etwas Weibliches mache.

Ihre Frau war auch nicht begeistert.

Ja, sie hat gesagt, dass sie einen Mann geheiratet hat und keine Frau. Da war ich völlig perplex. Ich hatte nicht erwartet, dass sie so scharf reagiert, nur weil ich andere Kleidung trage. Ich habe ja nicht gleichzeitig meine Seele ausgetauscht. Ich habe geantwortet: Du hast einen Mann geheiratet, keinen Kleiderständer.

Und Ihre Frau hat das akzeptiert?

Sie hat es eigentlich nie richtig akzeptiert. Aber wir haben viel miteinander gesprochen, uns auseinandergesetzt. Da hat sie verstanden, dass ich kein Transvestit oder Transsexueller geworden bin. Sondern dass ich immer noch der gleiche heterosexuelle Mann bin, der für sich eine Erfahrung macht.

Ein Arzt hat Sie gewarnt, Sie könnten Ihre Identität verlieren. Hatten Sie davor keine Angst?

Ich hatte furchtbare Angst und Phasen mit schweren Alpträumen. Das hat mir gezeigt, wie sehr ich mich als Mann an Geschlechteridentitäten geklammert habe. Dass ich mein Leben darin definiere, dass ich ein Mann bin und ein bestimmtes Bild verkörpere.

Das Frau-Sein hat dieses Bild aufgelöst. Jetzt fühle ich eine tiefe Befreiung, weil ich mich nicht mehr mit diesen Geschlechterklischees identifiziere. Ich empfinde mich jetzt mehr als Mensch.

Was hat sich noch verändert?

Mein Testosteron-Spiegel ist zum Beispiel innerhalb eines halben Jahres nach unten gegangen. Wenn das in so kurzer Zeit möglich ist, was für eine ungeheure Macht haben dann diese Geschlechterprofile, die seit Jahrhunderten auf uns drücken?

Wie gehen Sie heute mit Ihrer weiblichen Seite um?

Ich lasse es mir nicht nehmen, Frauenkleidung zu tragen, wann ich will. Mittlerweile ist das aber eigentlich überflüssig geworden, weil ich meine Weiblichkeit verinnerlicht habe. Als Frau fühle mich verletzlicher, offener und ich habe weniger Angst, meine Gefühle zu zeigen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen