zur Navigation springen

Interview: Samuel Finzi : Der Retter der Bretter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Schauspieler Samuel Finzi über seine Karriere vom Porsche-Wäscher zum Schauspieler des Jahres

svz.de von
erstellt am 30.Apr.2016 | 16:00 Uhr

Vor 27 Jahren hat Samuel Finzi seine Zelte in Bulgarien abgebrochen und in Berlin wieder aufgebaut. Eine gute Entscheidung: Er wurde mit den wichtigsten deutschen Theaterpreisen ausgezeichnet, spielte erfolgreich im ZDF den Polizeipsychologen „Flemming“, war in mehreren Til Schweiger-Filmen zu sehen und hat zurzeit im brillanten Kinofilm „Fritz Lang“ einen Auftritt als Düsseldorfer Massenmörder Peter Kürten.

Herr Finzi, hier am Ku’damm haben Sie vor langer Zeit mal gearbeitet – als Porsche-Wäscher.
Das war gleich da hinten, in einer Querstraße des Ku’damms. Es war der letzte Job für mich, bevor ich wieder auf die Bühne gekommen bin. Ich hatte damals verschiedene Jobs, so wie jeder, der an Geld kommen muss.

Aber Porsches wäscht ja nicht jeder – wie sind Sie daran gekommen?
Über eine studentische Arbeitsvermittlung. Da war der Job ausgeschrieben und ich hab gesagt: Nehm’ ich (lacht).

Durften Sie auch mal fahren?
Von der Tiefgarage bis nach oben, mehr nicht.

Was für eine Kundschaft hatten Sie?
Die waren alle wahnsinnig penibel. Da wurde jeder Wasserfleck mit größter Aufmerksamkeit betrachtet und musste sofort wegpoliert werden.

Statt der Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär haben Sie also eine vom Porsche-Wäscher zum Schauspieler des Jahres gemacht.
Aber da bin ich ja keine große Ausnahme. Jeder junge Mensch kommt mal in die Situation, dass er sich ein paar Euro dazuverdienen muss, um zu leben. Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass ich als Schauspieler arbeiten will.

Sie waren in Bulgarien ja durchaus schon erfolgreich gewesen.
Ich hatte das Glück gehabt, ein paar Filme zu drehen, die sehr erfolgreich beim bulgarischen Publikum waren, als ich auf der Theaterschule war. Es hätte so weitergehen können, aber das wäre mir zu eng geworden.

Zu eng?
Insofern, dass mir die Welt in Bulgarien zu klein war. Da kennt ja fast jeder jeden. Es gibt Menschen, die sich in so einem Rahmen auch wohlfühlen können. Aber ich hatte ziemlich früh das Gefühl, dass mir dieses Land zu klein ist und ich da weg will.

Wo wir bei Bulgarien sind: Ich dachte immer, dass fast alle bulgarischen Namen auf -ow oder -eff enden. Aber Finzi...
...ist auch kein bulgarischer, sondern ein sephardischer jüdischer Name.

Vor ein paar Monaten sind Sie 50 geworden. Gehören Sie zu den Menschen, die sich an solchen Tagen fragen, was jetzt noch kommen soll?
Ja, aber das verbinde ich nicht mit dem Fünfzigsten. Ich habe nicht wenig gearbeitet in den letzten 25, 30 Jahren und jetzt frage ich mich: Was hast Du noch nicht gemacht? Soll ich das weitermachen, was ich bis jetzt gemacht habe oder vielleicht mal was ganz anderes? Womit könnte ich mich selbst noch überraschen? In welche Richtung könnte ich gehen, soll ich noch etwas lernen? Ich weiß es noch nicht. Aber ich werde mir jetzt auf keinen Fall einen Porsche kaufen – obwohl, warum eigentlich nicht? (lacht)

Mittlerweile haben Sie über die Hälfte Ihres Lebens in Deutschland verbracht – sind Sie gefühlter Deutscher oder noch Bulgare?
Damit beschäftige ich mich überhaupt nicht. In solchen Kategorien will ich mich gar nicht sehen. Ich bin Samuel, ein Mensch, der gerade hier lebt, aber das kann sich ändern oder auch nicht.

Sie sind 1989 über Paris nach Berlin gekommen. Warum haben Sie sich gegen Paris und für Berlin entschieden?
Wegen des Theaters. Die Art und Weise, wie die Franzosen damals Theater unterrichteten und spielten, hat mir nicht so zugesagt. Vielleicht wusste ich nicht, wie es geht, aber ich wusste damals schon, wie es nicht geht.

Und da war Berlin die bessere Alternative?
Es hat sich so ergeben. Ich bekam damals eine Einladung, an einem Theaterprojekt teilzunehmen. Aufgrund dessen habe ich schnell ein paar Brocken Deutsch gelernt und bin gekommen.

Ein paar Brocken werden kaum gereicht haben – die Sprache ist ja ganz maßgebliches Handwerkszeug eines Schauspielers. In ein Land zu gehen, dessen Sprache man nicht spricht und die auch noch als schwierig gilt, stelle ich mir nicht ganz einfach vor.

Schwierig? Finde ich nicht. Die deutsche Sprache ist gut strukturiert und klar. Da gibt es Schwierigeres. Ich habe auch nicht viel darüber nachgedacht, sondern es einfach gemacht. In dem Alter denkt man nicht so viel, durchs Nachdenken kommt man auch keinen Schritt weiter. Später kann man ja darüber nachdenken und feststellen, dass es ein Fehler war – oder auch nicht. Bei mir war es zum Glück keiner.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt, dass Sie nach Deutschland gegangen sind?
Viel Glück. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Ich hatte sie ein paar Monate vor dem Mauerfall angerufen und gesagt: Wenn mein Visum ausläuft, komme ich nicht mehr zurück. Dann fiel ja die Mauer, und wir haben uns ganz bald wiedergesehen (lacht).

Wie haben Sie dieses Land hier empfunden, so kurz nach dem Mauerfall?

Grau und düster war es hier in Berlin. Ich musste erst mal die Verhaltenscodes der Menschen lernen, ihre Augen lesen. Ich konnte anfangs nicht einschätzen, ob jemand zufrieden oder nicht zufrieden ist. Ich kam ja aus einem Balkanland, wo alles sehr extrovertiert ist. Hier hatte ich das Gefühl, dass jeder seine eigene Mauer hat – damit umzugehen musste ich erst mal verstehen.

Gab es auch etwas, das Ihnen auf Anhieb gefallen hat hier in Berlin?
West-Berlin und vor allem Kreuzberg, da gefällt es mir immer noch – die Leute, die Stimmung, die Energie.

Und was hat dazu beigetragen, dass Sie sich heimisch gefühlt haben?
Die Arbeit, ich habe mich da voll hineingeschmissen, die forderte meine ganze Konzentration.

Sie kennen jetzt die Berliner Innenansicht vom Mauerfall bis heute – wie hat sich die Stadt verändert?
Alles hat sich verändert, das ganze Stadtbild ist ja völlig anders als damals. Diese vielen Menschen, die von überall hierher kommen, die Energie – alles hat sich zum Positiven gewandelt. Berlin ist ein richtig lebendiger Ort geworden und es ist nicht so teuer wie in anderen großen europäischen Städten. Vielleicht gibt es ein bisschen mehr Hype als notwendig um Berlin, aber es ist auf jeden Fall eine Stadt, in der man gut leben kann.

Und doch haben Sie bis heute eine kleine Wohnung in Sofia, deren Fußboden aus Brettern einer Bühne besteht, auf der schon Ihr Vater gestanden hat. Deshalb wurden Sie auch schon als „Retter der Bretter“ bezeichnet.
Na ja, ich habe damals die Bauarbeiter gefragt – die wollten erst deutsches Laminat verlegen, aber – um Gottes Willen – das wollte ich nicht haben. Einer sagte dann, er habe die Bühne eines Theaters renoviert und könne mir die alten Bretter günstig besorgen. Und da fand ich, das hat doch was.

Sie sind Schauspieler des Jahres, haben jede Menge andere Theaterpreise bekommen – und drehen auf der anderen Seite Filme wie „Kokowäh“. Ist das der größtmögliche Spagat eines Schauspielers?
Was soll daran ein Spagat sein? „Kokowäh“ ist für mich ein Film mit einer guten Rolle – da weiß man, es kommen mindestens zwei Millionen Zuschauer ins Kino und am Ende werden es meistens fünf. Es ist eine schauspielerische Arbeit, die nicht weniger wert ist als jede andere. Wo soll ich da einen Spagat sehen?

Ihre Rolle in „Kokowäh“ haben Sie selbst mal so beschrieben: „Ein impotenter Kieferchirurg, der sich von seiner Freundin Zwerghase nennen lässt, beim Sex Wollsocken trägt und Tiergeräusche macht.“ Ist das eine gehaltvolle Rolle für Sie?
(lacht) Das sind eben die Bedingungen einer Komödie. Ich arbeite mit dem, was vorgegeben ist, und denke mir noch ein paar Sachen dazu aus.

Im Kinofilm „Fritz Lang“ haben jetzt Sie eine komplett andere Rolle – die des Massenmörders Peter Kürten...
...Sehen Sie: Das ist ein Spagat.

Kann man so sagen: Sie spielen also einen Massenmörder, der bei Kaffee und Kuchen über die grausamsten Taten spricht als gehe es um einen Sonntagsspaziergang. Hat Sie diese Figur erschreckt?
Das hat sie. Man denkt, man würde die Menschen kennen – und dann weiß man gar nichts. Da kommt so einer und man denkt: So etwas gibt es also auch in uns. Wir wissen nicht, was in solchen Menschen stattgefunden hat, wo ein Glied aus der Kette gesprungen ist, damit sie so werden wie sie geworden sind. Auch ein Peter Kürten ist ja nicht als Monster geboren worden. Er ist charmant, hat Erfolg bei den Frauen, versucht sich gebildet oder zumindest pseudogebildet auszudrücken – und dann bringt er Frauen und Kinder um und trinkt deren Blut.

Können Sie eine solche Rolle abends in der Garderobe abgeben?
Ja, zum Glück. Glauben Sie, ich laufe nach Drehschluss in Düsseldorf rum und kille Frauen oder wie meinen Sie das? (lacht)

Schauspieler sagen immer wieder, dass sie lieber die Bösen als die Guten spielen.
Mich interessieren vor allem Rollen, die viel Widerspruch in sich tragen.

Welchen Widerspruch fanden Sie bei Peter Kürten am interessantesten?
Auf der einen Seiten diese völlig unbeherrschte Lust am Töten – und dann wieder eine ganz bürgerliche Fürsorglichkeit. Am Ende will er wissen, ob seine Frau jetzt auch die auf ihn ausgesetzte Belohnung bekommt, weil sie ihn verpfiffen hat. Er will, dass sie abgesichert ist und ein gutes Leben hat.

„Fritz Lang“ ist ein Film über einen vor 40 Jahren gestorbenen Regisseur – schwarz-weiß und im Look der dreißiger Jahre. Kann der anno 2016 im Kino funktionieren?
Wenn man Filme liebt und sich dafür interessiert, dann schon. Ich fand es toll, diesen Film zu sehen – er ist ja nicht nur schwarz-weiß, sondern auch im 4:3-Format statt 16:9. Auch die Art und Weise, wie dokumentarisches Material fiktional eingesetzt wird, macht ihn lebendig und absolut sehenswert.

Heino Ferch spielt Fritz Lang – und bezeichnet ihn als „dominanten, teilweise erschreckenden Menschen“. Gibt es solche Regisseure heute noch?
Ich denke schon. Diese Dominanz ist ja manchmal auch Strategie und Methode, um Schauspieler an einen bestimmten Punkt zu bringen. Ich habe schnell gelernt, so etwas nie persönlich zu nehmen. Ich bin ja nicht mit dem Regisseur verheiratet und muss mit ihm leben, sondern es gibt eine Arbeit, die gemeinsam getan werden muss. Deshalb kann mich so etwas nicht beleidigen – und wenn es doch so weit kommt, kann ich auch antworten. Schließlich bin ich selbstständig genug, um jemandem zu sagen, dass er die Klappe halten soll.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen