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Gorch Fock : Der Mann hinter dem Schiff

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gorch Fock verbinden die meisten mit dem Segelschulschiff der Marine. Die wenigsten kennen den Schriftsteller, nach dem es benannt wurde. Vor 100 Jahren fiel er im Skagerrak.

svz.de von
erstellt am 29.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Der junge Johann Kinau hat ein Problem. Er liebt das Meer. Er liebt die Fischerei. Und er liebt seinen Vater, der Fischer ist und in dessen Fußstapfen er so gerne treten würde. Aber der Junge, 1880 auf Finkenwerder geboren, hat zwei harte Gegner: einen schmächtigen Körper, der der harten Arbeit als Fischer nicht gewachsen ist, und die tückische Seekrankheit. Wunsch und Wirklichkeit. Zwei Pole, die sich häufig ausschließen – und die sich durch Johann Kinaus Leben ziehen.

Aus Johann Kinau wird im Laufe seines Lebens der niederdeutsche Schriftsteller Gorch Fock. In seinen Büchern kann er seine Wünsche zur Wirklichkeit werden lassen. Seine Geschichten erzählen vom harten Überlebenskampf auf hoher See. Auch wenn der eigene Traum vom Fischerleben früh platzt, nimmt das Meer einen entscheidenden Platz in seinem Leben ein. Bis in den Tod. Vor 100 Jahren stirbt Johann Kinau alias Gorch Fock in der größten Seeschlacht aller Zeiten im Skagerrak. Wenn man heute den Namen Gorch Fock hört, geht der Gedanke an das Segelschulschiff der Marine. Die Botschafterin in Blau, weltweit bekannt. Doch wer war der Mensch, der hinter diesem Namen steht?

Will man sich der Person Gorch Fock nähern, ist Rüdiger Schütt ein guter Ansprechpartner. Schon zu Studentenzeiten arbeitet er Mitte der 90er in der Uni-Bibliothek in Hamburg am Nachlass des Schriftstellers, liest Briefe und Tagebücher und versucht, den Menschen hinter dem Mythos zu erkunden. Jetzt hat der promovierte Literaturwissenschaftler, der mittlerweile in der Uni-Bibliothek in Kiel arbeitet, eine veröffentlicht. Pünktlich zum 100. Todestag.

 

In seinem Büro hängt ein Plakat an der Wand. Es zeigt das Cover des Buches „Fahrensleute – Neue Seegeschichten“ von Gorch Fock. Darunter ein Schild des IC 605, der früher von Hamburg-Altona nach Koblenz fuhr. Der Name des Zuges: Gorch Fock. Schütt berichtet auch über eine amerikanische Avantgarde-Heavy-Metal-Band aus Austin (Texas) mit dem Namen: Gorch Fock. Bei der Marine selbst spielt die Person Gorch Fock „heute nur noch eine untergeordnete Rolle“, wie Kapitänleutnant Felix Kloke, Leiter des Wehrgeschichtlichen Ausbildungszentrums an der Marineschule Mürwik in Flensburg, berichtet.

Literaturwissenschaftler Schütt hingegen ist vom Leben, Schaffen und der Wirkung des Schriftstellers fasziniert, sieht die Person und den Nachlass aber auch kritisch. „Das Leben von Gorch Fock ist die Geschichte eines Menschen mit vielen Gesichtern“, sagt Schütt. Als er sich durch die handschriftlichen Tagebücher arbeitet, überkommen ihn „Schatzsuchergefühle“, wie er sagt. „Was Karl May im Wilden Westen, ist Gorch Fock auf dem Meer“, sagt Schütt. Aber der Mann, der die Abenteuer schreibt, ist hinter der Fassade des Künstlernamens so gar kein Abenteurer. Vielmehr ist er ein Zweifler. In seinem Buch schreibt Schütt: „Gorch Fock war eine Kunstfigur, ein Ideal, zum Leben erweckt von ihrem Schöpfer Johann Kinau. Ego und Alter Ego, zwei Seiten ein und derselben Medaille zwar, aber auch zwei Seiten einer Persönlichkeit, wie sie gegensätzlicher kaum denkbar sind. Auf der einen Seite der selbstbestimmte, heroische Schriftsteller, auf der anderen der angepasste Buchhalter aus kleinbürgerlichem Milieu. Es ist keine Heldenbiografie. Es ist die Biografie einer zutiefst widersprüchlichen Persönlichkeit, eines Menschen aus Fleisch und Blut, der zum Mythos wurde.

Johann Kinau ist ein stilles Kind, er wird als introvertiert beschrieben, als ein Träumer, der seine Heimat Finkenwerder liebt. Als er zwölf Jahre alt ist, nimmt sein Vater ihn und den zwei Jahre jüngeren Bruder Heinrich mit an Bord des Familien-Ewers. Es ist eine Probefahrt. Die Jungen sollen während der Fangfahrt zeigen, ob sie das Zeug zum Fischer haben. Heinrich besteht die Prüfung, Johann nicht. Er darf den Beruf des Vaters nicht ergreifen. Das Trauma wird ihn lange begleiten. Er selbst scheitert, stattdessen stilisiert er später seine Romanfiguren zu Ikonen der Seefahrt. Stark, heroisch, ohne Fehler.

 

Statt auf See zu sein, macht Johann Kinau 1895 eine Kaufmannslehre in Geestemünde bei Bremerhaven. Anschließend arbeitet er als Buchhalter und Kontorist in Meiningen (Thüringen), Bremen und Halle (Saale). 1907 wechselt er zur damals größten Reederei der Welt, der „Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“ Hapag. Er ist Buchhalter, zuständig vor allem für die Bearbeitung von Frachtbriefen. Nebenher macht er sich langsam als Schriftsteller, Theater-Autor und Schreiber für mehrere Hamburger Zeitungen einen Namen. Von den Hapag-Kollegen im Schreibsaal weiß lange Zeit niemand von der zweiten Seite des zurückhaltenden Mannes. Für das Schreiben bleibt ihm nicht viel Zeit, nur die frühen Morgenstunden und spät am Abend. Zwischen halb drei und halb vier steht er morgens auf, um zu schreiben. Im Winter sogar in Wolldecken gehüllt.

Der Name Gorch Fock wird bekannter. Der Vorname ist die niederdeutsche Form von Georg. Er soll auf die bäuerlichen Wurzeln von Seiten seiner Mutter verweisen. Der Nachname entstammt der Familie seiner Großmutter väterlicherseits. Zudem ist das Focksegel zentraler Bestandteil eines jeden Segelschiffes. Mit seinem Werk „Seefahrt ist not!“, das er im November 1912 veröffentlicht, steigt Johann Kinau unter dem Namen Gorch Fock in die Reihe der Superstars auf. Das Feuilleton feiert ihn für seine plattdeutschen Dialoge. Er wird zum Bestseller-Autor.

Der Erfolg tut Gorch Fock gut. Allerdings verschwimmt der Mensch Johann Kinau vermehrt mit der Kunstfigur Gorch Fock. Nicht ohne Konsequenzen. „Schrecklich ist für mich zu sehen, wie dieser Mensch zwischen der Kunstfigur Gorch Fock und dem seekranken, eher kleinen und schmächtigen Johann Kinau steht. Das ist dies Tragik dieser Figur“, sagt Literaturwissenschaftler Schütt. „Ich finde Johann Kinau sympathischer.“ Denn: „Das Zweifeln und das Zerbrechliche ist doch menschlich.“ Letztendlich ließen sich Johann Kinau und Gorch Fock aber „auch nicht ganz auseinanderdividieren.“

1914 entfacht im deutschen Kaiserreich die Kriegseuphorie, die auch Gorch Fock erfasst. Patriotismus ist der Nährboden der Begeisterung. „Gorch Fock war Patriot, keine Frage“, berichtet Schütt. Allerdings zeigen die Kriegstagebücher auch eine andere Seite. Er sei aber auch ein großer Zweifler gewesen, sagt der Literaturwissenschaftler. „Bis hin zu Selbstmordgedanken. Das hat man allerdings in den Veröffentlichungen der Tagebücher rausgelassen.“

Den Ersten Weltkrieg erlebt Gorch Fock, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet, zunächst 1915 als Infanterist in Russland und Serbien, 2016 dann zwei Monate an der Westfront in Frankreich, bevor er durch die Hilfe einflussreicher Männer zur Marine wechseln kann. Am 18. April geht es für Gorch Fock an Bord des Kleinen Kreuzers SMS „Wiesbaden“. Etwa 600 Mann bilden die Besatzung, 120 Seeminen sind an Bord. Für Gorch Fock geht einerseits ein Traum in Erfüllung. Er ist Seemann. Andererseits ist Johann Kinau schwer traumatisiert – und noch immer ständig seekrank. Um durchzuhalten, verklärt er das Erlebte.

Am 31. Mai 1916 beginnt die Schlacht im Skagerrak, in der insgesamt 8645 Soldaten ihr Leben verlieren. Auch die „Wiesbaden“ steht unter schwerem Feuer. Gegen 2.45 Uhr in der Nacht versinkt der Kreuzer im Meer – und mit ihm Gorch Fock. Der Tod Johann Kinaus stärkt den Mythos Gorch Fock. Ein Mythos, hinter dem ein Mann mit mehreren Gesichtern steht.

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