WOCHENEND-INTERVIEW : Der Mann, der Uli Hoeneß ist

 

 

Schauspieler Thomas Thieme über seine Rolle in „Der Patriarch“

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22. August 2015, 16:00 Uhr

Er ist einer der größten Theaterstars Deutschlands – und auch beim Film einer der ganz Großen: Thomas Thieme hat bereits Helmut Kohl gespielt, am 27. August sieht ihn das ZDF-Publikum als Titelfigur in dem hervorragenden Dokudrama „Uli Hoeneß – Der Patriarch“.

Herr Thieme, wenn Sie jemals in die Versuchung kämen, in Vereinsbettwäsche zu übernachten – in welche Farben würden Sie sich hüllen?
Allein von der Vorstellung kriege ich schon eine Gänsehaut. Aber wenn es tatsächlich so weit käme, müsste ich mich wohl in die Wäsche von Eintracht Frankfurt legen. Das war 1984 für mich die erste Stadt im Westen und mein damals sechsjähriger Sohn hat in der F-Jugend von Eintracht Frankfurt gekickt.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zum Fußball?
Ich bin sehr interessiert – und verfolge ihn bevorzugt von der Couch aus.

Beim Fußball gibt es die Geschichte „Aus der Fankurve in die Nationalmannschaft“ – auf Sie trifft wohl eher „Vom Kulissenschieber zum Theaterstar“ zu?
In gewisser Weise schon. Wobei ich in der Zeit, in der man sich einen Beruf suchte, eigentlich nie Schauspieler werden wollte.

Sondern?
Eigentlich wollte ich Architekt werden. Aber in der DDR war es extrem schwierig, überhaupt Architektur zu studieren. Das war eine ziemlich elitäre Geschichte, und ich hätte es wohl kaum studieren können. Doch bevor es überhaupt so weit war, war ich ja schon der Kulissenschieber geworden und dann ist es eben einen anderen Weg gegangen. Ich bin zwar immer noch ein großer Architekturliebhaber, und möglicherweise wäre ich als Architekt auch nie über diesen Status hinausgekommen.

Gibt’s für Sie Parallelen zwischen Fußball und Theater?

Haufenweise. Beides ist ein Spiel, wobei der Fußball noch das verbindlichere ist. Wir sind Spieler ohne faktisch messbare Ergebnisse.

Wenn Sie entscheiden müssten, im Stadion ein Champions League-Spiel zwischen Bayern und Real oder im Theater einen „Hamlet“ zu sehen – wo würden Sie hingehen?
Natürlich ins Stadion. Ich habe zu lange Theater gemacht, als dass mich da noch viel überraschen könnte. Zu viel ausgedachter Kram.

Jetzt haben Sie den Uli Hoeneß gespielt.
Und ich habe mich nicht nur dafür entschieden, sondern ich habe zugesagt, ohne groß nachzudenken. Für einen Schauspieler kommt ein so enger Kontakt zur Realität ganz selten vor. Hoeneß war vor einem halben Jahr eine der besprochensten deutschen Persönlichkeiten, jeder hatte eine Meinung zu ihm. Und ich konnte ihn spielen.

So wie Sie auch schon Helmut Kohl gespielt haben.
Seltsamerweise werden ausgerechnet mir solche Rollen angeboten. Sowohl Kohl als auch Hoeneß sind ja nun so was von Westen, Ludwigshafen und Ulm sind doch Epizentren des alten Westdeutschland – und beide Rollen werden mir als Ossi angeboten. Das ist schon witzig.

1974 gab’s eine Fußball-Weltmeisterschaft in der damaligen Bundesrepublik – und der spätere Weltmeister BRD verlor mit Uli Hoeneß gegen die DDR. Können Sie sich noch an dieses Spiel erinnern?
Selbstverständlich. Ich war gar nicht so glücklich über diesen Sieg, denn ich habe die DDR niemals verehrt. Aber ich hatte eine andere Bindung an dieses Spiel: Mein Ost-Verein war damals der 1. FC Magdeburg, dort habe ich Theater gespielt. Und Jürgen Sparwasser, der das entscheidende Tor schoss, war ein Spieler des 1. FC Magdeburg. Die waren Pokalsieger, sogar Europapokalsieger. Und dieses Tor war auch ein Tor für den 1.FC Magdeburg.

Und eins für das Selbstbewusstsein der DDR?

Es war zweischneidig. 1974 war es schon nicht mehr so einfach, da war die Welt in der DDR schon lange nicht mehr in Ordnung. Zwei Jahre später wurde Wolf Biermann ausgebürgert, das war für uns im Osten ein ganz entscheidender Punkt. Und meine eigentlichen Fußballidole waren nicht Sparwasser und Pommerenke, sondern Netzer, Breitner und Jimmy Hartwig.

Haben Sie denn auch Uli Hoeneß damals schon wahrgenommen?
Den habe ich wahrgenommen und den mochte ich auch. Seine Spielweise, dieses nach vorne preschen und rammen gefiel mir. Rammen ist überhaupt ein Schlüsselwort für Hoeneß, er hat in jeder Beziehung etwas von einem Rammbock. Ich habe ihn damals schon mit erheblicher Sympathie betrachtet.

Ist das noch heute Ihre Sicht auf Uli Hoeneß?
Meine ganze Haltung zu ihm ist emotional. Ich mag ihn, auch wenn ich nicht alles akzeptieren kann, was er macht und sagt. Aber es gibt Leute, bei denen ist alles Quatsch, was sie erzählen – bei Hoeneß sind es vielleicht 30 Prozent, der Rest leuchtet mir emotional ein. Sein menschlicher Impetus ist vollkommen richtig.

Ist er für Sie ein tragischer Held oder doch erst mal ein Steuerhinterzieher?
Auch wenn ich mich jetzt um Kopf und Kragen rede: Das Delikt ist nicht fein, das gehört sich nicht. Aber nachdem er diese fast 30 Millionen Euro zurückgezahlt und sich zu dreieinhalb Jahren verdonnern lassen hat als über 60-jähriger Mann, ist es auch mal gut. Er hat niemanden umgebracht oder schwer verletzt. Er hat den Staat erheblich erschreckt und ihm alles wieder zurückgegeben.

Nach dem Prozess wurde Uli Hoeneß von der Kanzlerin für seinen Verzicht auf eine Revision gelobt – haben Sie das ähnlich gesehen?

Ich finde dieses Lob absurd. Erst die kurze Abwendung von Hoeneß und dann dieses Lob – Frau Merkel ist doch nicht unsere Klassenlehrerin. Das ist nicht ihr Beruf.

Haben Sie Hoeneß eigentlich jemals persönlich kennengelernt?
Leider nein. Ich weiß nicht mal, ob er weiß, dass ich ihn spiele, gehe aber davon aus, dass unser Produzent, der ja Kontakt zum Präsidium des FC Bayern hatte, auch unseren Cast durchgegeben hat.

Nun ist Hoeneß eine real existierende lebende Figur – genauso wie Helmut Kohl, den Sie auch schon gespielt haben. Das ist ja etwas anderes, als ob man Faust oder Richard III. spielt.
In der technischen Herangehensweise macht das gar keinen Unterschied. Ich muss meinen Text lernen und versuchen, über die Figur etwas herauszukriegen. Wobei es bei Richard III. und Faust ausschließlich die Fantasie ist, die die Figur kreiert. Man hat den Text und ein paar kluge Texte zum Text von berühmten Theaterwissenschaftlern, die sich das natürlich auch im Wesentlichen aus den Fingern gesogen haben. Und dann geht man mit dem Regisseur auf die Forschungsreise. Das ist in der Entstehungsphase eine sehr theoretische Angelegenheit. Praktisch wird es erst, wenn man auf der Bühne steht, sitzt, liegt und die Emotion Besitz ergreift und nur noch Kraft und Intuition zählen. Spätestens dann ist die ganze Klugscheißerei verschwunden.

Faust und Richard III. auf der einen Seite – wie spielen sich die lebenden Figuren?
Bei Kohl war es sehr unangenehm, weil die Arbeit durch permanentes Störfeuer aus der Familie beeinträchtigt wurde. Wobei weniger ich, sondern vor allem der Produzent und der Regisseur sich damit auseinandersetzen mussten. Man musste täglich mit neuen Hiobsbotschaften rechnen.

War es bei Hoeneß auch so?
Überhaupt nicht. Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Hoeneß noch vor der Ausstrahlung mit irgendwelchen schrecklichen Sachen aus dem Gebüsch kommt. Und auch danach nicht. Das ist ein Sportler, der teilt aus und steckt ein. Der hat mit 27 Jahren wegen einer Verletzung seine Karriere beendet, hat einen Flugzeugabsturz überlebt, das ist nicht irgend so eine Pappnase aus der Politik. Und er hat eine große Fresse – wie einige Schauspieler auch.

Was war an der Rolle des Uli Hoeneß für Sie das Schwierigste?
Mich hineinzuversetzen in einen Menschen, der diese unglaubliche Bedeutung hat. Er ist ein bedeutender Unternehmer, er war der bedeutende Präsident des bedeutenden FC Bayern. Dass der noch ganz normal laufen und sprechen kann, ist ja schon erstaunlich.

Was würden Sie Hoeneß gern sagen, nachdem Sie ihn gespielt, sich wochen- und monatelang mit ihm beschäftigt haben?

Als Beinahe-Altersgenosse würde ich ihm gerne sagen: Uli Hoeneß, wenn es die Finanzen noch erlauben – und davon gehe ich aus – bestellen Sie sich in einer guten Weinhandlung eine wunderschöne Kiste Rotwein, vielleicht einen Barolo aus dem Piemont. Stellen Sie sich den zu Hause hin, setzen Sie sich in Ihr höchstwahrscheinlich wunderschönes Wohnzimmer, nehmen Sie sich die Gesamtausgabe von Goethe oder Shakespeare und fangen Sie mit dem ersten oder zehnten Band an – ist ja wurscht. Lesen Sie das in Ruhe, trinken Sie dazu Ihren Rotwein und denken Sie nach. Klug genug dafür sind Sie. Aber hören Sie bloß auf, sich wieder vor diese Brüllaffen zu setzen und sich in diese semi-volkstümliche Atmosphäre von Weißbier und Weißwurst zu begeben.

Interview: Joachim Schmitz

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