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ZEITGESCHEHEN : Der Mann, der den Eiffelturm verkaufte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 130 Jahren, am 28. Januar 1887, wurde mit dem Bau des Pariser Eiffelturms begonnen. Nach nur wenigen Jahren sollte er wieder abgerissen werden – was den Gauner Viktor Lustig auf eine Idee brachte: Konnte man das Pariser Wahrzeichen nicht einfach kurzerhand an Schrotthändler verhökern?

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erstellt am 28.Jan.2017 | 16:00 Uhr

Der Verkauf des Pariser Eiffelturms kann doch eigentlich nur ein Aprilscherz sein, oder? Naja, sagen wir mal, das Ganze ist in etwa so glaubwürdig, wie eine Maschine, mit der man Geldscheine kopieren kann. Dennoch ist es gelungen, beides an den Mann zu bringen. Der Verkäufer, der das geschafft hat, macht seinem Namen alle Ehre: Graf Viktor Lustig. Der Adelstitel ist natürlich falsch, aber das muss man bei dem König der Hochstapler und Betrüger wohl nicht extra erwähnen. Der geborene Böhme aus gutem Hause agiert in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter 24 verschiedenen Namen, spricht fünf Sprachen fließend und wird allein in den USA 48 Mal verhaftet – kommt allerdings immer wieder frei. Aber beginnen wir ganz von vorn:

Am 4. Januar des Jahres 1890 wird dem Bürgermeister des Ortes Hostinné in Böhmen ein kleiner Junge mit dem Namen Viktor geboren. Obwohl dieser eine hervorragende Ausbildung genießen kann, spielt er viel lieber Poker, Bridge und Billard mit seinen immer zwielichtigeren Bekannten. Der ehemalige Fahnder James F. Johnson, der von sich selbst sagt, er sei geradezu besessen davon gewesen, den falschen Grafen zu schnappen, verrät Lustigs Erfolgsrezept: „Der Trick ist, dem Opfer einen Anteil an Geschäften zu versprechen, die im höchsten Maße illegal sind. Bemerkt der Geprellte dann später den Betrug, kann er nicht zur Polizei gehen. Vielfach schämt sich das Opfer auch ganz einfach und fürchtet zum Spott der Gesellschaft zu werden.“

So verhält es sich auch im Falle des Industriellen Herman Loller, weiß Johnson, dem der falsche Graf eine haarsträubende Geschichte auftischt: Mit Hilfe einer genialen Maschine sei es angeblich möglich, 1000-Dollar-Scheine ganz einfach zu kopieren. Loller schluckt die Kröte und für 25  000 Dollar wechselt ein kleines Mahagonikästchen mit Messingknöpfen den Besitzer – in Ganovenkreisen auch als „Rumänischer Kasten“ bekannt. Bei der Testvorführung funktioniert die Maschine auch offensichtlich einwandfrei. Eine 1000-Dollar-Note wird hineingeschoben, ein paar Einstellungen an den Knöpfen werden vorgenommen, und nun muss nur noch sechs Stunden gewartet werden, bis zwei echte Geldscheine das Gerät wieder verlassen. Die sechs Stunden Wartezeit, die der angebliche chemische Kopiervorgang in Anspruch nimmt, sind von Lustig mit Bedacht gewählt worden, denn so bleibt ihm genügend Zeit das Weite zu suchen, bevor das Opfer den Betrug bemerkt. Selbst als Lollers Frau später aus Wut über die Dummheit ihres Mannes den Kasten zertrümmert und lediglich ein paar Walzen und eine leere Schale zum Vorschein kommen, will der Industrielle seinen Fehler nicht wahrhaben, berichtet Johnson: „Es scheint so, als sei lediglich die Chemie eingetrocknet“, entgegnet er seiner erbosten Gattin.

Lustigs eigentliches Meisterstück ist aber wohl der Verkauf des Eiffelturms in Paris. Ursprünglich für die Weltausstellung 1889 errichtet, sollte er eigentlich 1909 wieder abgebaut werden. Zur Zeit der Jahrhundertwende hassen viele Einwohner der Hauptstadt Frankreichs das 300 Meter hohe „Monstrum aus Stahl“ wie die Pest und sehen in ihm lediglich einen „Schandfleck“, einen „düsteren Fabrikschornstein“. Alexandre Dumas findet den Turm „ekel erregend“ und Guy de Maupassant bezeichnet ihn gar als „ausgehungerte Pyramide“.

Im Mai des Jahres 1925 denkt dann die französische Regierung ernsthaft darüber nach, das ungeliebte Bauwerk lieber abzureißen, als es für viel Geld reparieren zu lassen. Eine entsprechende Zeitungsmeldung, die von diesen Überlegungen berichtet, bringt Lustig auf die Idee, den gesamten Eiffelturm einfach kurzerhand an Schrotthändler zu verhökern.

Er gibt sich also als Repräsentant des zuständigen Postministeriums aus und holt verschiedene Angebote für die „mindestens 7000 Tonnen hochwertiges Schrotteisen“ ein. Den Zuschlag erhält schließlich der Schrotthändler André Poisson, der sich von seiner anfänglichen Skepsis durch eine fingierte Schmiergeldforderung des angeblich vollkommen unterbezahlten Beamten des Postministeriums von der Seriosität des Geschäfts überzeugen lässt.

Nach dem erfolgreichen Deal flieht der falsche Graf vorsichtshalber sofort nach Österreich. Dort studiert er in aller Ruhe die Zeitungen, aber keine einzige berichtet über den dreisten Betrug. André Poisson will sich anscheinend nicht in aller Öffentlichkeit bloßstellen lassen und erstattet keine Anzeige. Das kann für jemanden wie Viktor Lustig natürlich nur eines bedeuten: Er kann den Eiffelturm ein zweites Mal verkaufen.

Der zweite Käufer des Eiffelturms geht allerdings zur Polizei und so muss dieser Verkauf des Pariser Wahrzeichens dann leider ins Wasser fallen. Allmählich gerät der falsche Graf allerdings nicht nur immer häufiger in die Schlagzeilen, sondern auch in das Visier der Polizei. Ein Sheriff aus Remsen County in Oklahoma erweist sich als besonders hartnäckig – Lustig hatte ihm eine seiner Geldkopiermaschinen verkauft. Als der Gesetzeshüter ihn schließlich mit gezogenem Revolver stellt, muss der falsche Graf sein ganzes Talent einsetzen, um ihn davon zu überzeugen, das er die Maschine lediglich falsch bedient habe. Da der Sheriff seinen Kaufpreis zurück erhält und Viktor Lustig später vorbeikommen will, um die genaue Bedienung noch einmal zu erklären, zieht der Polizist dann auch wieder unverrichteter Dinge ab. Als der Sheriff später allerdings eine nächtliche Sauftour mit Lustigs funkelnagelneuen 1000-Dollar-Scheinen bezahlt, wird er wegen Besitzes von Falschgeld verhaftet, verurteilt und inhaftiert.

In den 1930er Jahren – inmitten der Weltwirtschaftskrise – überschwemmen Unmengen von gefälschten US-Dollar-Noten den Markt. Allein die Banken in New York registrieren Monat für Monat etwa 100  000 Blüten, der Schaden für die ohnehin am Abgrund stehende US-Wirtschaft ist immens. Da selbst Robert Godby, Chef einer eigens einberufenen Sonderkommission sagt, er habe zuvor noch nie derart perfekte Fälschungen gesehen, fällt der Verdacht natürlich schnell auf jemanden, der für seine Perfektion bekannt ist: Viktor Lustig.

Dieses Mal gelingt es ihm nicht, die Polizei an der Nase herumzuführen. Viktor Lustig wird nicht wieder auf freien Fuß gesetzt, sondern vielmehr angeklagt und am 5. Dezember 1935 zusammen mit seinem Komplizen William Watts zu 20 Jahren Haft auf Alcatraz verdonnert. Der Staatsanwalt Seymour Klein, der Viktor Lustig 1935 anklagt, geht davon aus, dass die Fälschungen, die er zusammen mit William Watts in den 1930er Jahren herstellt und verbreitet, „so gut sind, dass sie eine Gefährdung für die Stabilität der amerikanischen Währung darstellen“. Der falsche Graf Viktor Lustig stirbt am 11. März 1947 an einer Lungenentzündung.

Das Monstrum aus Stahl
Am 28. Januar des Jahres 1887 wurde mit dem Bau des Pariser Eiffelturms begonnen. Fertiggestellt am 30. März 1889, war er die ganz große Attraktion der Weltausstellung von 1889, die zum 100-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution in Paris stattfand. Der Stahlfachwerkturm, der nach seinem geistigen Vater, dem Ingenieur Alexandre Gustave Eiffel, benannt wurde (Architekt war Stephen Sauvestre), war mit seinen 300 Metern Höhe (heute mit Fernsehantenne sogar 324,82 Meter) bis 1930, als er vom New Yorker Chrysler Building mit 319 Metern übertrumpft wurde, das höchste Bauwerk der Welt. Dreitausend Metallarbeiter fügten 18  038 vorgefertigte Einzelteile mit 2,5 Millionen Nieten zusammen. Der fertige Turm kommt so heute auf ein Gewicht von 10  100 Tonnen. Am 31. März 1889 wurde der Eiffelturm im Schein von 10  000 Gaslaternen offiziell eingeweiht. Die Meinungen darüber gingen auseinander. Schon bald hatte das „Monstrum aus Stahl“ den Ruf eines „Schandflecks“. Ursprünglich sollte der Turm eigentlich nur 20 Jahre lang stehen bleiben und somit 1909 wieder abgebaut werden. Da er sich aber aufgrund seiner großen Höhe für die Installation von Sendeantennen sehr gut eignete und damit die damals neue Funkkommunikation vereinfacht werden konnte, durfte er stehen bleiben.
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