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Interview: Christian Kohlund : Der letzte seiner Art

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schauspieler Christian Kohlund über Filme, Faibles und Familie

svz.de von
erstellt am 09.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Ein Jahrzehnt lang war er fürs Fernsehpublikum vor allem der smarte Hotelmanager Markus Winter im ARD-„Traumhotel“. Doch Christian Kohlund hat nach dessen Ende neue Betätigungsfelder für sich gefunden: Ab 10. April steht er in den Hamburger Kammerspielen wieder auf der Theaterbühne, ab 28. April ist er als Anwalt Thomas Borchert im neuen Zürich-Krimi der ARD zu sehen. In einem Hamburger Hotel unterhalten wir uns über seine Filme, seine Faibles und seine Familie, in der er wohl der letzte seiner Art ist.

Herr Kohlund, in Ihrem Horoskop heißt es heute, Sie sollten gelassen auf Sticheleien und Provokationen Ihrer Kollegen reagieren. Gibt's Ärger am Theater?
(lacht) Die Sticheleien finden möglicherweise im Hintergrund statt, mich hat man es noch nicht spüren lassen. Im Großen und Ganzen versuche ich aber immer, die Dinge gelassen zu nehmen.

Ich frage, weil Sie in nahezu jedem Interview darauf verweisen, dass Sie Sternzeichen Löwe sind. Glauben Sie tatsächlich an Horoskope?
Nein, das meine ich eher humorvoll. Aber ich denke schon, dass man die Grundtendenzen, die man Löwen nachsagt, auch bei mir erkennen kann.

Als da wären?
Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, das Bedürfnis nach Streicheleinheiten, die ein Löwe natürlich für selbstverständlich hält. Dass ich gerne auf einer Bühne auftrete, gehört sicher auch dazu. Es ist ja nicht so, dass man sich als Löwe in den Mittelpunkt drängt, sondern man geht davon aus, dass man eh dort ist (lacht).

Lässt sich Ihr Faible für Autos, Hüte und Golf durch Ihr Sternzeichen erklären?
Das Faible für Autos hat sich so langsam gelegt oder auf meinen Sohn übertragen. Er fährt jetzt mein 500er Fiat Cabrio. Das Faible für Hüte war bei mir schon krankhaft. Ich habe schon als kleines Kind Hüte geliebt. Bei uns zu Hause kamen des Öfteren Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, die Freunde meiner Eltern waren, mit ihren Hüten. Auch mein Vater war so ein Hutträger, und ich fand das einfach toll und war schon früh der Meinung, dass mir so ein Hut auch ganz besonders gut steht. Zum Ärgernis meiner Frau habe ich dann angefangen, Hüte zu sammeln – besonders in Australien, wo ich anderthalb Jahre gearbeitet habe. Damals kam ich mit 17 von diesen Akubra-Hüten zurück, die es ja in verschiedenen Shapes gibt. Jetzt verrotten sie in irgendeiner Ecke. Im Laufe der Zeit verlieren gewisse Dinge dann doch ein bisschen an Bedeutung.

Noch mal zum Tierkreiszeichen: Jeder Löwe kommt ja mal als Kätzchen zur Welt. Und das Kätzchen Christian stand mit sechs schon zum ersten Mal vor einer Kamera...
Zum ersten Mal auf einer Bühne stand ich sogar schon vor 66 Jahren – im Bauch meiner Mutter. Die war damals hochschwanger und spielte die Maria Stuart, während Maria Becker die Elizabeth spielte und übrigens auch hochschwanger war. Mit vier oder fünf Jahren hatte ich dann meine erste kleine Rolle in einem Schweizer Film, und mit sechs stand ich zum ersten Mal im Schauspielhaus Zürich mit meinem Vater auf der Bühne. Er war Wilhelm Tell und ich der kleine Walter mit dem Apfel auf dem Kopf.

So wie man sich das Leben eines Schauspielerkindes vorstellt.
Ja. Ich war von Kind an fasziniert vom Theater und habe alle freien Minuten irgendwo in der Dekoration oder in der Garderobe verbracht und fantastische tolle Leute kennengelernt. Deshalb kam für mich nie etwas anderes in Frage, als in dieser Welt zu bleiben. Auch weil mich das ganze Drumherum interessierte, sei es Kamera, Licht, Inszenierung oder Produktion.

Ihre Eltern waren Schauspieler, Frisch und Dürrenmatt Freunde der Familie – sind Sie in einer Kunstblase aufgewachsen?
So kann man das sagen. Die ganz alten Kohlunds waren alle Kunstmaler, mein Großvater ist Anfang des letzten Jahrhunderts noch bei Max Reinhardt über die Malerei zum Theater gekommen, hat Bühnenbilder gemacht, sein Schauspieltalent entdeckt und ist später Intendant des Berner Stadttheaters geworden. Maria Schell hatte ihr erstes Engagement bei meinem Großvater, Maximilian Schell hat mit meinem Vater gearbeitet, und mit ihm habe ich dann auch meinen ersten Kinofilm gemacht: „Der Fußgänger“, der damals den Golden Globe gewann und für einen Oscar nominiert war, wenn auch nicht meinetwegen – ich war nur dabei (lacht).

Große Namen...
Ich habe diesen großen Persönlichkeiten geliebt, auch wenn einige verdammt schwierige Menschen unter ihnen waren. In Zürich habe ich Monate mit Bernhard Wicki verbracht, Maximilian Schell habe ich immer wieder getroffen. Sicher keine einfachen Menschen, aber besessene Leute und ganz große Persönlichkeiten. Da konnte ich mir schon das eine oder andere abbeißen. Mir hat es sehr viel bedeutet, schon als junger Mann mit den großen deutschen Schauspielern zusammenarbeiten zu dürfen.

Waren Sie in der Schule ein bisschen der Sonderling?
Irgendwie schon. Meine Eltern galten seit ihrem Kinofilm „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ als das Schweizer Liebespaar schlechthin. Und als deren Sohn war ich halt ein bisschen außerhalb der Reihe. Ich bin in Zürich in Kloster Einsiedeln zur Schule gegangen, ein humanistisches Gymnasium, das ich nicht zu Ende gemacht habe, weil mich die Welt da draußen mehr interessierte. Ich habe mich dann zur Matura gequält und gerade mal so bestanden. Um Geld zu verdienen habe ich damals immer schon Assistenzen am Theater gemacht oder beim Film ausgeholfen. Bis ich dann ein Stipendium fürs Max-Reinhardt-Seminar in Wien bekam. Da war ich eineinhalb Jahre, habe es also auch nicht zu Ende gemacht.

Warum das nicht?
Ich kam eines Tages nach Hause und über dem Tisch baumelte ein Vertrag fürs Schiller-Theater in Berlin, den hatte mein Vater da aufgehängt. Das war damals das Theater Nummer eins – und für mich der Anfang.

Der 65. Geburtstag ist für die meisten Menschen verbunden mit dem Übergang vom Arbeitsleben zum Ruhestand. Hatten Sie an Ihrem 65. Geburtstag im letzten Jahr auch das Gefühl, eine Schwelle zu überschreiten?
Ja klar. Du kriegst ja Briefe. Der Bürgermeister der Gemeinde gratuliert zur Erfüllung des 65. Lebensjahres und wünscht für den Rest dieses Lebens alles Gute. Für mich war es aber nie ein Termin, der irgendetwas beendet. Andererseits ist es idiotisch zu glauben, dass es nicht auch ein bisschen trifft. So ein 65. Geburtstag geht nicht spurlos an einem vorbei. Man sitzt dann doch schon mal ein bisschen schwermütig in irgendeiner Ecke und denkt: Verdammt noch mal, wie schnell ist das denn gegangen? Aber mit der Arbeit hat das nichts zu tun.

Bei der Arbeit kehren Sie ja in zweifacher Hinsicht zu Ihren Wurzeln zurück: Hier in Hamburg zum Theater und mit dem Zürich-Krimi in Ihre Schweizer Heimat. Mit welchen Gefühlen?
Ich bin gern hier in Hamburg bei den Kammerspielen, das ist ein wunderschönes Theater, wo ich ja auch mein „Im Zweifel für den Angeklagten“ gespielt habe. Und wenn ich so durch Zürich laufe, fällt mir schon so manches wieder ein, was ich wo mit wem erlebt habe. Aber ich sehe nicht, dass sich da irgendein Kreis geschlossen hätte.

Hier in Hamburg stehen Sie abends auf der Bühne – womit vertreiben Sie sich den lieben langen Tag?
Erstens ist meine Frau hier, und meine beiden Hunde habe ich auch dabei. Also kommt schon mal überhaupt keine Langeweile auf.

Was für Hunde?
Zwei Bastarde. Eddie und Ruby. Daheim wohnen wir ja im Bayerischen Wald, sehr idyllisch und sehr einsam, da mache ich nur die Tür auf und die Hunde laufen raus.

Stehen Sie auch an den Abenden auf der Bühne, an denen Ihre Zürich-Krimis im Fernsehen laufen?
Ja, natürlich. Vielleicht sollte ich dann ja stinksauer ins Publikum gucken und die Leute fragen: Wieso guckt Ihr heute eigentlich nicht Fernsehen? (lacht)

Die Figur des Borchert wurde Ihnen quasi auf den Leib geschrieben – wie ist es dazu gekommen?
Als es mit dem „Traumhotel“ vorbei war, hat mir die Degeto gesagt: Wir würden gern mit Ihnen weitermachen, was können Sie sich denn vorstellen? Zusammen mit dem Produzenten Klaus Graf, mit dem ich schon mehrfach zusammengearbeitet hatte, habe ich dann eine Anwaltsgeschichte angedacht, womit die Degeto sehr einverstanden war.

Dieser Borchert will ständig rauchen, zündet sich die Zigarette in seinen Händen aber fast nie an. Dafür bechert er ganz schön.
Ja, im Gegensatz zu mir trinkt er ganz gerne. Er ist ein sehr einsamer Wolf, desillusioniert, aber immer noch mit einem Funken Hoffnung in sich, zurückzukehren zu einer Art von Unschuld, zum Idealismus und zur Gerechtigkeit. Er will aufräumen in seinem Leben, steht aber auch zu dem, was er gemacht hat. Ich mag solche Typen, sie erinnern mich ein bisschen an Chandler-Figuren oder das Cinema noir.

Was hat Ihnen sonst gefallen an der Figur?
Dass Borchert Fehler gemacht hat, die er als Belastung mit sich herumträgt. Das sind Dinge, die man von sich selber kennt, wenn man sich sagen muss, dass man etwas in den Sand gesetzt hat oder sich wünscht, man hätte sich anders entschieden und anders verhalten.

Dem Publikum erschließt sich vieles erst sehr, sehr spät – nämlich im zweiten Teil.
Da ist es dann auch eine absolute Notwendigkeit. Spätestens dann muss man wissen, was mit dem Mann überhaupt los ist. Keine Frage, der zweite Teil ist klarer und intensiver.

War's das dann mit zwei Teilen Borchert oder wird es eine Fortsetzung geben?
Ich wünsche mir so viele Zuschauer, dass wir anschließend weitermachen dürfen. Ich glaube, es wäre ein gutes Format, wenn wir auf der besonderen Schiene bleiben und nicht so sehr zu einem ganz normalen Krimi mutieren. Gerade die Schweiz ist doch prädestiniert für etwas diffizilere, verstecktere Fälle.

Was verbindet Sie heute abgesehen vom Zürich-Krimi noch mit Ihrem Geburtsland, der Schweiz?
Was für mich ein echter tiefer Verlust ist: Meine Schwester ist 2014 gestorben. Franziska, die eine tolle Regisseurin und eine sehr gute Schauspielerin war, habe ich als meinen persönlichen Mentor empfunden. Sie lebte in der Ortschaft, in der ich aufgewachsen bin und meine Eltern gestorben sind. Und sie fehlt mir unendlich. Es war immer eine ganz besondere Beziehung zwischen uns beiden. Auch wenn wir uns monatelang nicht gesehen haben, hatte ich immer das Gefühl, dass sie so etwas wie mein Schutzengel ist. Unheimlich intelligent und analytisch in beruflichen Dingen, aber auch ein herzensguter Mensch. Diesen Verlust kann ich bis heute nicht begreifen, und es ist auch ein komisches Gefühl zu wissen, dass ich jetzt der letzte aus dieser Künstlerdynastie bin.

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