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Michael Schumacher : Der lange Weg zurück

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Fans feiern die Nachricht vom Wechsel Michael Schumachers in eine Klinik in Lausanne und dem Ende seines Komas euphorisch – doch die Rede bleibt von einer „langen Phase der Rehabilitation“

svz.de von
erstellt am 16.Jun.2014 | 19:35 Uhr

Im fernen Brasilien twitterte Lukas Podolski seine Freude am frühen Morgen direkt nach dem Aufstehen in die Welt hinaus. Nach über zwei Monaten des Wartens, des Bangens und der Ungewissheit über den Zustand von Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher löste die Nachricht, dass er nicht mehr im Koma ist, weltweit unter Formel-1-Fans und Schumacher-Anhängern riesige Freude aus. Und wie schon am Tag seines tragischen Unfalls machte die Meldung auch weltweit in den Medien die Runde. „Wie schön“, twitterte schlicht aber trefflich die italienische Sportzeitung „Tuttosport“. In Skandinavien landete die Neuigkeit online direkt auf den meisten Startseiten. Bei der größten schwedischen Zeitung, „Dagens Nyheter“, war Schumi zunächst sogar der Aufmacher. Schumacher bewegt. Seit 169 Tagen.

Es ist nur eine kurze Mitteilung in nüchternem Stil und ohne konkrete Details, die diese gewaltige Wirkung hat. „Michael hat das CHU Grenoble verlassen, um seine lange Phase der Rehabilitation fortzusetzen“, heißt es in der Mitteilung, die Michael Schumachers Managerin Sabine Kehm gestern veröffentlichen ließ. „Er ist nicht mehr im Koma.“ Wie es dem 45-Jährigen wirklich geht und sich sein Gesundheitszustand zuletzt entwickelte, wurde nicht bekannt, wohl aber sein neuer Aufenthaltsort: Er wurde nach Lausanne in die Universitätsklinik „Centre hospitalier universitaire vaudois“ (CHUV) verlegt, wie das Krankenhaus bestätigt hat. „Seine Familie ist bei ihm“, erklärte Kliniksprecher Darcy Christen gegenüber der Presse. Es gebe einen speziell eingerichteten Raum für den siebenfachen Formel-1-Weltmeister, um seine Privatsphäre zu wahren und um die bestmögliche Betreuung des prominenten Patienten sicherzustellen.

Die Welt bangt um Schumacher, seitdem er im Skigebiet oberhalb von Méribel in Frankreich stürzte. Seit aus dem geplanten Urlaub im Winterdomizil des siebenmaligen Weltmeisters mit Silvesterfeier und Geburtstagsparty am 3. Januar die schwerste Zeit im Leben des zweifachen Familienvaters geworden ist. Tagelang harrten Kamerateams aus aller Welt damals vor dem Krankenhaus in Grenoble aus, in dem Schumacher rund zwei Stunden nach seinem Unfall notoperiert worden war.

 


Gerüchte überschlugen sich wochenlang


Tagelang bestand Lebensgefahr. Wochenlang überschlugen sich förmlich die Spekulationen über seinen Zustand. Fest stand nur: Schumacher hatte sich trotz seines Helms ein schweres Schädel-Hirntrauma zugezogen. Die Behörden von Albertville bestätigten, was Schumachers Managerin Sabine Kehm bereits zu Beginn betont hatte: Schumacher war bei seinem Sturz unmittelbar neben einer markierten Piste nicht mit unangemessener Geschwindigkeit unterwegs gewesen.

Mit jedem Tag wuchs die Sorge um den gebürtigen Rheinländer. Auch von Wegbegleitern wie seinen ehemaligen Teamchefs Ross Brawn und Jean Todt oder Schumachers Bruder Ralf drangen keine Informationen über die Verfassung des erfolgreichsten Piloten in der Formel-1-Geschichte je nach außen. Wenn, dann redet Sabine Kehm, die Schumacher seit fast anderthalb Jahrzehnten begleitet. Zunächst als Sprecherin, seit 2010 als Managerin. Gerüchte und Mutmaßungen, von denen es reichlich gab in den vergangenen Monaten, kommentierte die ehemalige Journalistin praktisch nie. Immer wieder wies sie auf die Privatsphäre der Familie hin.

Anfang April hatte sie das bis gestern letzte Statement veröffentlicht. Schumacher, um den durchaus ein bisschen Ruhe eingekehrt war, zeige Momente des Bewusstseins, hieß es. Der Grat, auf dem sie und die Familie von Schumacher zwischen Informationsabdeckung und Intimsphäre seit Monaten gehen, ist schmal.

Schon in der Talkshow von Günther Jauch hatte Kehm betont, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt der Rehabilitation keine Infos mehr geben solle. „Für die Zukunft bitten wir um Verständnis, dass seine weitere Rehabilitation außerhalb der Öffentlichkeit erfolgen soll“, bekräftigte sie gestern. Die öffentliche Anteilnahme an der schweren Zeit für Schumacher, in der es von Genesungsmärschen bis zu Sonderseiten in den sozialen Netzwerken so ziemlich alles gab, ist allen Beteiligten aber nicht entgangen. „Der Dank der Familie gilt auch all den Menschen, die Michael so viele gute Wünsche gesendet haben. Sie haben ihm sicher geholfen“, schrieb Kehm gestern – die wiederum zugleich Diskretion anmahnt. Die weitere Rehabilitation solle außerhalb der Öffentlichkeit erfolgen.


Wirklich ein Durchbruch? Zumindest Hoffnung


Auch wenn Schumacher stets wegen seiner Kämpferqualitäten gerühmt worden war und auch wenn der jetzige Wechsel der Klinik, von der Intensiv- auf eine Reha-Station von Schumi-Anhängern euphorisch gefeiert wird – kann er wirklich bereits als Durchbruch gelten? Zwar handele es sich offensichtlich um eine gute Nachricht, schreibt der frühere Formel-1-Chefmediziner Gary Hartstein in seinem Blog (http://formerf1doc.wordpress.com). Gleichzeitig bremst er verfrühte Hoffnungen, von ihr auf eine rasche Genesung schließen zu können. Denn wegen der langen Dauer des künstlichen Komas halte er es für „fast sicher, dass Michael nicht einfach von der Intensivstation in die Reha verlegt wurde“, ohne einen Übergang auf einer regulären Krankenstation. Auch sage der Klinikwechsel noch nichts darüber aus, ob Schumacher eigenständig atmen könne. Tatsächlich befinde er sich nämlich schon seit Sabine Kehms Ankündigung Anfang April, er habe Momente des Bewusstseins und des Erwachens, nicht mehr im Koma. Bei der jetzigen Mitteilung handle sich daher keineswegs um Neuigkeiten, schreibt Hartstein. Er sieht darin vielmehr eine „höchst zynische Verwendung von Sprache“, die mit klinisch korrekten Ausdrücken möglicherweise bewusst einen falschen Eindruck wiedergebe: Den eines echten Fortschritts. Die Hoffnung darauf freilich bleibt weiter lebendig.


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