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Interview Jürgen Vogel : Der Frühzünder

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jürgen Vogel – früh ausgezogen, früh Model geworden, frühe Vaterschaft

Die Linie zwischen Gut und Böse hat Jürgen Vogel in seinen Rollen schon oft überschritten. Im Interview erzählt der Schauspieler, warum das Böse in jedem von uns steckt und es nicht falsch ist, Dinge im Leben früh auszuprobieren.

Herr Vogel, was ist der größte Mist, den Sie je gebaut haben?
Gar nichts, ich bin ein total lieber Kerl (lacht). Ich habe mich immer an alle Gesetze gehalten und nie Mist gebaut. Zum Glück durfte ich als Schauspieler all das ausprobieren und musste es nicht im wirklichen Leben erledigen.

Also nicht mal einen Kaugummi geklaut?
Doch, doch. Klar, Diebstahl und so, das war in meiner Jugend schon ein Thema. Aber Diebstahl war auch schon das Schlimmste.

Ist das Format der Serie für Sie als Schauspieler interessant?
Ja, das ist total toll. Für einen Schauspieler ist es der größte Traum, wenn er eine Figur über eine lange Zeit erzählen kann. Das ist eine Riesenfreiheit und harte Arbeit.

Was für Geschichten wollen Sie erzählen?
Der Charakter des Menschen steht immer im Mittelpunkt: Inwieweit kann er gleichzeitig gut und böse sein? Das ist für mich eine Realität. Diese sehe ich nicht nur bei mir, sondern bei jedem anderem Menschen. Deshalb sollten wir auch gut nachdenken, bevor wir andere verurteilen, weil sie einer anderen Meinung sind – beispielsweise in der Flüchtlingsdebatte. Denn Probleme lassen sich nicht bewältigen, wenn wir sie nicht ernst nehmen und einfach aburteilen.

Sollte die Politik also auch Asylkritikern zuhören?
Ja. Denn diese Leute stecken in einer eigenen Problematik, die der Staat ignoriert. Aber in einer Demokratie muss man versuchen herauszufinden, welche Gründe und Ängste eine Bewegung, wie beispielsweise Pegida, antreiben. Außerdem müssen wir uns eingestehen, dass es eine gewisse Bildung im Leben braucht, um die Flüchtlingskrise distanziert und differenziert zu sehen. Die Politik steht in der Verantwortung, durch Information und Gespräche Leute aufzuklären. Deswegen wählen wir. Aber hier findet aktuell ein Riesenversäumnis statt. Das Thema Asylmissbrauch wird von Parteien wie der CSU nur genutzt, um rechte Wähler abzugreifen. Aber aufgeklärt wird hier nicht.

Was erwarten Sie von Politik und Demokratie?
Eine Demokratie muss aushalten, was Leute sagen. Ich halte nichts davon, dass man Leute verurteilt, nur weil sie bestimmte Dinge nicht wissen, oder weil sie in einer Welt leben, die auch hart für sie selbst ist.

Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Karriere und Familie?
Ich habe dank der Schauspielerei Glück. Sie verschafft mir mehr Zeit als vielen anderen Menschen, weil ich mal arbeite und dann wieder länger frei habe.

Sie sehen Ihre fünf Kinder also regelmäßig?
Wir frühstücken nicht mehr jeden Sonntag gemeinsam. Aber ich sehe meine Kinder wirklich fast jeden Tag, weil wir alle in Berlin leben.

Sie selbst hatten keine einfache Kindheit. Was hat Ihre Jugend dennoch schön gemacht?
Es war schön, wenn ich mit meinen Freunden unterwegs war oder mich verknallt habe. Gerade in einer Gegend, die nicht so toll ist, bedeuten Freundschaft und Partnerschaft sehr viel.

Sie sind sowohl sehr früh als auch sehr spät Vater geworden. Was war besser?
Alle Vaterschaften waren für mich interessant. Als ich mit 20 Jahren Vater geworden bin, habe ich einfach gehandelt. Ich habe nicht viel nachgedacht, sondern instinktiv versucht, alles richtig zu machen. Aber man macht trotzdem Fehler – ob mit 20 oder 40 Jahren. Der einzige Unterschied ist: Je älter man wird, desto gelassener wird man.

Gibt es etwas, dass Sie Ihren Kindern mitgeben wollen?
Nein, ich habe keine Message. Jeder muss schauen, dass er sich von seinen Vorbildern das Beste nimmt und das Schlechte wegpackt.

Bereits mit 15 Jahren sind Sie von zu Hause ausgezogen. Waren Sie da nicht noch sehr jung?
Klar, es war relativ früh. Aber im Mittelalter sind die Menschen mit 30 Jahren gestorben, sodass sie mit 15 Jahren bereits die Hälfte ihres Lebens erreicht hatten. Ich war also in der Mitte meines Lebens (lacht). In vielen Ländern bekommen Menschen auch viel früher Kinder als hier. Aber in Deutschland verschiebt sich das immer weiter nach hinten. Die Leute versuchen, in ihrem letzten Lebensdrittel noch Eltern zu sein. Dann nehmen sie alle Kurse mit, wollen alles richtig machen. Von der Kindermassage bis zur spanischen Krabbelgruppe. Was wird wohl aus diesen Kindern mal werden? Wahrscheinlich völlig überforderte und überzüchtete Menschen (lacht). Nein, das sage ich jetzt mit Witz. Damit will ich nur sagen: Es ist am Schluss nicht unbedingt falsch, Sachen früh zu machen.

Sie sind zum Beispiel sehr früh ins Modelbusiness eingestiegen.
Richtig. Ich war ein frühes Model.

War das schön?
Es war sehr, sehr schön. Ich habe mein eigenes Taschengeld damit verdient. Das war stark.

Was haben Sie dafür bekommen?
Unterschiedlich. Für eine Aufnahme gab es 60 Mark. Für zwei Aufnahmen gab es 110 Mark.

Haben Sie das Geld aufs Sparbuch gepackt?
Nein. Ich habe mir meine erste Anlage gekauft. Zuletzt habe ich ein Foto wiedergefunden, darauf sah man 740 Mark, die ich an einer Korkpinnwand festgemacht hatte. Das war mein erstes gespartes Geld. Davon habe ich mir eine Kompaktanlage gekauft mit Boxen, Plattenspieler, Kassettendeck und Radio.

Waren Sie damit der coolste Typ in Ihrem Viertel?
Ich war der Held und sehr stolz. Mit der Frage „Na, wollen wir ein bisschen Musik hören?“ habe ich die Mädels zu mir nach Hause eingeladen. Aber als ich dann Damenbesuch hatte, war ich natürlich total doof und habe AC/DC aufgelegt.

Kam für Sie eigentlich nie ein anderer Beruf als die Schauspielerei infrage?
Nein, ich habe damit schon mit 15 Jahren angefangen, und es hat mir Spaß gemacht. Außerdem kann ich auch sonst nichts.

Sie haben doch bestimmt noch andere Talente?
Ich finde Kampfsport auch toll. In dem Bereich als Trainer zu arbeiten stelle ich mir spannend vor. Man lernt verschiedene Leute aus verschiedenen Berufen kennen – vom Anwalt bis zum Klempner. Es ist zwar sehr gemischt, aber jeder hat ein Ziel.

Dabei hätten Sie die Mädels auch mit Kampftechniken beeindrucken können. Wie sind Sie zum Kampfsport gekommen?
Ich bin in einer Gegend aufgewachsen, in der auch Schlägereien eine Rolle gespielt haben. Hier wollte ich mich verteidigen können und bin mit 14 Jahren beim Kampfsport gelandet. Vor allem in der Pubertät gefiel mir das gut. Schließlich wollte ich ein echter Mann sein. Am Ende bin ich dabei geblieben, weil ich gemerkt habe, dass ich dadurch fit bleibe und es auch meinem Kopf guttut.

Und Sie konnten sich behaupten.
Genau. Man strahlt dadurch eine andere Sicherheit und ein anderes Selbstbewusstsein aus. Auch für meine Filme hat mir der Kampfsport geholfen. Ich habe oft kriminelle Jugendliche gespielt, und es war nicht schlecht, dass ich mich gut bewegen konnte.

Sie sind ein Hamburger Jung, leben aber seit mehr als 30 Jahren in Berlin. Vermissen Sie Hamburg nicht?
Nein. Ich habe mir hier von Hamburg ein Tattoo machen lassen, und das trage ich so in mir. Berlin ist einfach eine extrem tolle Stadt. Ich finde es ziemlich wichtig, dass man irgendwann auch von zu Hause weggeht. Und im Vergleich mit anderen Städten schneidet Berlin echt gut ab. Hier können alle Menschen, selbst wenn sie nur wenig Geld haben, ein Teil der Subkultur sein. Es gibt Bars, in denen zahlst du, so viel du kannst.

Vor ein paar Jahren haben Sie mit dem Rauchen aufgehört. Auch Alkohol trinken Sie nur selten. Sind Sie immer noch abstinent?
Ich rauche nicht mehr, Alkohol trinke ich manchmal, aber ganz, ganz selten. Ich war ja nie strikter Anti-Alkoholiker. Aber ich gehe eben nicht jeden Abend aus und trinke was. Ich finde das nicht richtig.

Warum?
Wer jeden Abend Alkohol trinkt, sollte auch jeden Abend kiffen dürfen. Alkohol ist eine Droge, die Leben zerstört. Nicht jeder hat Spaß, wenn er betrunken ist.

Viele Deutsche sehen das anders.
Gut, aber ich bin 47 Jahre alt und sehe für mein Alter voll okay aus. Ich will nicht jünger aussehen und bin vielleicht nicht hübsch, aber ich bin fit und schaffe wahrscheinlich mehr Liegestütze als viele Jungs, die erst 25 Jahre alt sind. Das ist eben ein Vorteil meines gesunden Lebens.

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