Interview: Axel Bosse : Der Fenchelkönig

Musiker Axel Bosse

Musiker Axel Bosse

Mit seiner Musik füllt Axel Bosse große Hallen und zieht die Massen auf Festivals an. Doch der Sänger weiß auch, wie es sich anfühlt, auf Konzerten mit Dosen beworfen zu werden.

svz.de von
13. August 2016, 09:00 Uhr

Herr Bosse, Sie sind diesen Sommer auf vielen Festivals unterwegs. Wie geht es hinter der Bühne zu?
Früher habe ich als Backliner und Merchandiser auf Festivals gearbeitet und so einiges gesehen. Hinter der Bühne ging es immer sehr roh zu, vor allem unter den Packern arbeiten richtige Kerle. Trotzdem war es mit den Jungs sehr familiär und freundlich. Außer ein einziges Mal habe ich persönlich nie ein Festival besucht, weil ich dort immer gearbeitet habe.

Später standen Sie als Künstler auf der Bühne. Was mussten Sie auf der anderen Seite lernen?
Als Musiker habe ich gelernt, dass ich mich auf der Bühne locker machen muss. Früher war ich immer sehr aufgeregt und konnte vor den Auftritten nie schlafen. So waren Adrenalin und Kraft vorher verbraucht. Das ist heute anders: Ob im Auto, der Bahn oder dem Flugzeug – ich kann überall schlafen. So habe ich auf den Konzerten mehr Energie, um alles rauszulassen.

Wie sind Sie lockerer geworden?
Das ist mit der Zeit einfach so passiert. Inzwischen war ich mit meiner Musik schon überall: auf Stadt-, Dorf- und Schützenfesten oder Festivals.

In einer Stadt bin ich während meines Auftritts von Hools schon mal mit Bierdosen beworfen worden. Als kleiner Künstler habe ich mich da sehr missverstanden gefühlt (lacht). Aber wer alles gemacht, gesehen und erlebt hat, wird automatisch locker.

Gehen Sie nach Dosenwürfen gerne wieder auf die Bühne?
Klar. Das sind wichtige Erlebnisse, die mich stärken. Danach mache ich erst recht mit meiner Musik weiter.

Seit vielen Jahren touren Sie mit der gleichen Band. Welches Ritual haben Sie?
Eine Stunde vor dem Konzert versuche ich, mich zu fokussieren. Das klingt jetzt esoterischer, als es ist. Mit der Sängerin meiner Band singe ich mich 20 Minuten warm, danach treffen wir uns alle und warten gemeinsam auf den Auftritt. Kurz vorher bilden wir einen Kreis und singen ein paar schmutzige Liedchen. Dann sind wir alle gut drauf und gehen auf die Bühne.

Sie sind langsam und stetig erfolgreich geworden. Gab es einen Punkt, an dem Sie dachten, dass Sie es im Business geschafft haben?
Diesen Punkt werde ich niemals haben. Ich wollte nie Musik machen, um viele Platten zu verkaufen oder groß in den Charts zu sein. Es war einfach ein großer Traum von mir, bis zur Rente Musik zu machen und davon leben zu können. Im Moment läuft alles sehr gut. Die Hallen werden größer und voller. Aber auch das wird irgendwann wieder weniger werden.

Hatten Sie dennoch einen Moment, der Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?
Früher sind meine Band und ich mit dem Sprinter eines Blumenhändlers zu den Konzerten gebraust. Zur Akustiktour „Leise Landung“ hatten wir einen Lastwagen, der Instrumente und Equipment transportierte. Eines Abends stand ich mit einem Kumpel vor diesem Lkw und habe zu ihm gesagt: „Ey Alter, das ist unser Lkw. Raffst du es noch?“ Das war einer dieser „Kneifmomente“ für mich.

Die Musikbranche ist ein unsicheres Pflaster. Sorgt Sie das?
Mir war es immer egal, wie unsicher die Branche ist und dass dort viele Arschlöcher arbeiten. Denn ich habe immer nur gearbeitet, um Musik machen zu können. Als meine Tochter auf die Welt kam, habe ich neben der Musik immer noch am Hamburger Hafen gearbeitet. Weil ich in der Nachtschicht tätig war und Kisten geschleppt habe, konnte ich dort gutes Geld verdienen. Egal ob ein Job im Callcenter oder im Café – ich fand meine Arbeit immer gut. Ich wäre immer wieder bereit, einen anderen Job anzunehmen, nur um weiter Musik machen zu können.

Neben Jobs im Café oder Callcenter haben Sie auch als Poolboy oder im Straßenbau gearbeitet. Welcher Job hat am meisten Spaß gemacht?
Am besten fand ich den Garten- und Straßenbau in Braunschweig. Damals habe ich ein paar Straßen in Quedlinburg gepflastert. „Unter zwei Jahren Knast bekommst du diesen Job nicht“, haben wir immer scherzhaft gesagt. Aber ich habe damals wirklich mit netten Gerüstbautypen zusammengearbeitet. Wir waren ein sehr gutes Team, und mit ein paar Leuten stehe ich immer noch in Kontakt.

Ihr aktuelles Album „Engtanz“ hat es als erstes auf Platz 1 geschafft. Was haben Sie gemacht, als Sie die Nachricht gehört haben?
Gesoffen (lacht). Ich war zu der Zeit auf Promo-Tour für das Album, hatte an diesem Tag nur sehr, sehr wenig geschlafen und saß im Zug von Köln zurück nach Hamburg. Da gab es nur den einen Ausweg, sich aus Freude in ganz kurzer Zeit einen reinzuhämmern.

Und was gab es im Zug?
Ich habe vom Schaffner einen Piccolo bekommen. Danach gab es Weizen.

Auf Ihrem Album ist auch Rapper Casper vertreten. Wie wichtig ist der Austausch mit anderen Künstlern für Sie?
Allein rein freundschaftlich ist es eine tolle Sache. Ich freue mich zum Beispiel immer, wenn ich die Sportfreunde Stiller sehe. Wir kennen uns schon seit 25 Jahren und haben uns das erste Mal die Hand gegeben, als wir noch ganz kleine Buben waren. Musikalisch tausche ich mich vor allem mit Marcus Wiebusch von Kettcar, Valeska von Boy, Judith Holofernes und Casper aus. Da habe ich mir ein paar kluge Leute ausgesucht. Alle vier sind viel schlauer als ich. Außerdem weiß ein Kollege wie Casper genau, wie ich mich fühle, wenn ich hänge oder Druck habe. Zudem kennt er meine Situation, weil er auch allein Musik macht.

Was bedeutet Ihnen die Meinung Ihrer Familie?
Für meine Frau und meine Tochter ist es sehr schwierig, weil mein Studio zu Hause in einem Souterrain ist und sie sich meine Musik die ganze Zeit anhören müssen. Mir geht es übrigens ähnlich wie den beiden. So könnte ich jetzt nicht sagen, dass ich das Album meines Lebens geschrieben habe, weil ich ständig an diesen Songs gearbeitet habe. Daher sind die beiden ganz schön belastet und froh, wenn das Album fertig ist. Dann müssen sie sich die „Scheiße“ nicht mehr anhören (lacht). Deswegen reagieren wir auch ganz unterschiedlich, wenn wir meine Musik im Radio hören: Entweder drehen wir den Song voll auf oder schalten schnell ab.

Was tun Sie bei einer Ideen-Blockade?
Weitermachen. Wenn ich zu Hause bin, arbeite ich jeden Tag acht Stunden an meiner Musik. Wenn es hart auf hart kommt, können es auch 20 Stunden werden. Wenn ich mir nach zwei Wochen meine Ergebnisse anschaue und bemerke, dass ich davon nichts gebrauchen kann, ist das schon bitter. Irgendwann, eines Morgens, kommt mir dann aber eine Lösung. Musikmachen hat eben auch viel mit Glück und Zufall zu tun. Manchmal reicht die Arbeit eben nicht.

Ihre Alben sind mit Ihnen gereift. Was ist das Schöne am Erwachsenwerden?
Manchmal fühle ich mich wie ein Sieben- und manchmal wie ein Fünfzigjähriger. Aber ich weiß sicher, dass ich keine 23 Jahre mehr alt bin. Als ich vor vielen Jahren in Berlin gewohnt habe, fand ich das sehr aufregend, fühlte mich aber auch einsam. Das Schöne am Erwachsensein ist, dass ich meinen Platz gefunden, in Sachen Amore alles geklärt und ein Kind habe. Mehr Verantwortung für Liebe und Leben zu haben macht den Unterschied.

Apropos Verantwortung: Beim „Echo“ haben Sie sich klar gegen Nazis positioniert. Welche Reaktionen haben Sie bekommen?
Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Zum einen habe ich Anzeigen gegen Menschen gestellt, die mich danach ermorden wollten. Zum anderen habe ich sehr viel Lob von Kollegen und Fans bekommen.

Warum ist es für Sie als Künstler wichtig, sich zu positionieren?
Wenn man wie ich als kleiner Künstler angefangen hat, gehört es dazu, sich zu äußern. Ich finde das vor allem in dieser Zeit wichtig, in der ich das Gefühl habe, dass sich Menschen von irgendwelchen Vollidioten fangen lassen. Für mich als Künstler ist es ein Leichtes, gute Dinge zu machen und damit viele Leute zu erreichen. Der „Echo“ eignete sich dafür perfekt. Ich hatte an diesem Abend so eine Wut im Bauch, weil an diesem Tag wieder ein Flüchtlingsheim gebrannt hatte, und wusste, dass es an der Zeit ist, den Mund aufzumachen.

Sie besuchen regelmäßig Istanbul. Wie empfinden Sie die Entwicklungen in der Türkei?
Meine Frau und ich haben dort viele Freunde in der Regisseur-, Musiker- und Journalistenszene. Aktuell gibt es aus unserem entfernten Bekanntenkreis fünf Personen, die dort fest einsitzen. Ich wünsche allen Menschen, die ich dort kenne, dass sich die Situation im Land bald wieder einruckelt. Aber dafür muss immens was passieren.

Würden Sie Ihr Lied „Istanbul“ heute noch einmal so vertonen?
Sicherlich. Denn in diesem Lied geht es vor allem um das Gefühl, das ich habe, wenn ich durch die Straßen von Istanbul laufe. Hier lebt ein junges Volk, das viel kann und will. Das möchte auch der Song sagen. Trotzdem stelle ich mir schon lange die Frage, wie ich meine Musik mit Politik verbinden kann. Denn seit ich von der Nazi-Gang auf dem Dorf gejagt wurde, weil ich der Einzige mit langen Haaren war, bin ich ein politischer Mensch.

Wissen Sie noch, worüber Sie Ihren ersten Song mit 13 Jahren geschrieben haben?
Zu dieser Zeit war ich ein großer Nirvana-Fan. Das war dann eine Mischung aus Selbstmord, Rock ’n’ Roll und Bräuten (lacht).

Wie fanden es Ihre Eltern, als Sie mit 16 Jahren auszogen, um Musik zu machen?
Es wurde damals Zeit, das sagen meine Eltern heute auch. Wir haben uns immer gut verstanden, aber Braunschweig wurde mir zu klein, daher musste ich weiter. Es war gut für mich, nach Berlin zu gehen.

Sie haben weder eine Lehre noch ein Studium absolviert. Hat es Sie nie geängstigt, dass Sie keine Sicherheiten hatten?
Ich wusste schon früh, dass es keine Sicherheit gibt. Ich habe immer die Menschen gehasst, die nach dem Abitur gesagt haben, dass sie Lehramt studieren, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen. Ich finde nicht, dass das eine tolle Aussicht für die Zukunft ist. Denn diese Menschen müssen für immer als Lehrer arbeiten. Im Bereich Musik habe ich hingegen unterschiedliche Optionen. Ich hätte genauso gut als Merchandiser, Backliner oder Journalist über die Runden kommen können. Das Wichtigste war für mich immer die Musik.

Heute leben Sie mit Ihrer Familie in Hamburg. Warum sind Sie aus Berlin weggezogen?
Ich wollte nicht, dass meine Tochter in Neukölln oder Kreuzberg groß wird, und finde es viel besser, wenn Kinder im Grünen aufwachsen. Außerdem mag ich die Elbe sehr. Heute wohnen wir ein wenig weiter draußen, und trotzdem schaffe ich es, in zehn Minuten in St. Pauli oder in eineinhalb Stunden in Berlin zu sein. Nach einem langen Konzertwochenende entspanne ich am liebsten in meinem Garten.

Mit Ihrer Familie betreiben Sie einen Acker. Was bauen Sie dort so an?
Alles. Ich stehe sehr auf meinen Acker. Mit kleinen Erfolgserlebnissen wie Kohlrabi und Radieschen habe ich angefangen. Bohnen und Mais finde ich auch super. Und mittlerweile bin ich ein echter Fenchelkönig.


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