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Leute : Der blinde Trabi-Monteur

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Einen betagten Trabi wieder herrichten, ohne sehen zu können? Für Bernd Röthig kein Problem

svz.de von
erstellt am 03.Jul.2017 | 08:00 Uhr

Bernd Röthig sitzt in seiner kleinen Garage im Südosten Leipzigs und bastelt an der Hinterachse seines alten, weißen Trabants. Es ist ziemlich düster in Garage Nummer 53. Licht braucht der Hobby-Mechaniker allerdings nicht: Der 52-Jährige sieht nichts, er ist wegen einer Netzhautablösung seit seinem zwölften Lebensjahr blind. Dieses Handicap hält Röthig allerdings nicht von seinem liebsten Hobby ab. Er ist wahrscheinlich Deutschlands einziger blinder „Autoschrauber“, wie er sich selbst nennt. Zwei alte Trabis hat Röthig mittlerweile wieder in Schuss gebracht.

Alles geht nach Gefühl. „Ich habe jede Schraube in den Autos schon bewegt.“ Der weiße Kombi aus dem Jahr 1965 wird der dritte wiederaufgebaute Wagen sein. „Das ist das Auto meiner Kindheit“, erzählt der 52-Jährige. Er sei in Chemnitz in die Blindenschule gegangen. Sein Vater habe ihn mit einem Trabant aus Leipzig dorthin gefahren. „Der Trabi war am Montag das letzte Stück zu Hause und am Samstag das erste“, begründet Röthig, warum sein Herz an der „Pappe“ hängt.

Der 52-Jährige kann seit seinem zwölften Lebensjahr nichts mehr sehen und ist wahrscheinlich der einzige blinde Hobby-Automechaniker in Deutschland.
Der 52-Jährige kann seit seinem zwölften Lebensjahr nichts mehr sehen und ist wahrscheinlich der einzige blinde Hobby-Automechaniker in Deutschland.

Im Berufsleben ist Röthig Physiotherapeut. Aber einmal in der Woche, immer donnerstags, zieht er sich abends in seine Garage zurück und schraubt. Einen Motor einbauen, Achsen wechseln, Keilriemen tauschen – alles kein Problem. „Der Trabant ist ja ein mit relativ einfachen Mitteln gebautes Auto.“ Nur die Elektrik lasse er von einem Kumpel machen. Mit den Autos verwirkliche er sich ein bisschen einen Traum. Könnte er sehen, wäre er vielleicht Automechaniker geworden.

Röthig hadert nicht mit seinem Schicksal. „Es ist ein anderes Leben, nicht besser und nicht schlechter“, sagt der 52-Jährige. „Man muss aber aufpassen, dass man nicht zu sehr als der Vorzeige-Blinde hingestellt wird.“ Ein Großteil der sehbehinderten Menschen seien Altersblinde. Wer später im Leben sein Augenlicht verliere, habe es schwerer, damit zurechtzukommen.

Peter Brass, Mitglied im Präsidium des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes sagt, Betroffene hätten alle möglichen Leidenschaften: „Blinde Menschen haben auch die unterschiedlichsten Hobbies – Surfen, Bergsteigen, Ins-Kino-Gehen.“ Wie viele Menschen blind sind, werde in Deutschland nicht gezählt. Die Schätzungen schwankten zwischen 100  000 und 150  000.

Röthig will seinen weißen Trabi bis Ende des Jahres fertig haben – aber nicht verkaufen. Lieber fährt er damit ein paarmal im Jahr zu Trabi-Treffen. Hinterm Steuer sitzen dann aber seine Frau oder sein 26-jähriger Sohn, denn selber fahren kann Röthig zu seinem Bedauern wirklich nicht.

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