Interview Dany Boon : „Den Monstern will ich nicht nachgeben“

890_0008_14478993_imago60393446ah

WOCHENEND-INTERVIEW: Wie Komiker und Regisseur Dany Boon die Pariser Attentate verarbeitet.

svz.de von
12. März 2016, 16:00 Uhr

Er habe mit seiner Familie im Pariser Fußballstadion gesessen, als die Terroristen am 13. November 2015 die Stadt in einen Albtraum verwandelten. Dieses Szenario schildert der französische Schauspieler und Regisseur Dany Boon im Interview mit dem Wochenend-Magazin. Der 49-Jährige erzählt auch, wie er heute mit dem Erlebten umgeht.

Dany, Ihr neuer Film spielt im Paris der Mode, der Lebensfreude und der Liebe. Ist es nach dem 13. November noch möglich, die Stadt so unbeschwert zu zeigen?
Natürlich ist Paris immer noch die gleiche Stadt. Aber was dort passiert ist, erging leider auch anderen Metropolen wie Madrid und London so. Natürlich hat man Angst vor dem Terror und was eventuell noch geschehen könnte. Aber es kann auch andere europäische Städte treffen. Wer unter solchen terroristischen Attacken gelitten hat, weiß das. Die Gefahr ist weltweit. Die beste Antwort auf diesen Hass und diese Unmenschlichkeit ist es, keine Angst zu zeigen und sich weiterhin menschlich zu verhalten.


Was hat sich für Sie persönlich nach dem Terrorjahr in Frankreich geändert?
Ich war mit meiner Frau und meinen Kindern im Stade de France, als sich vor dem Stadion die Explosionen der Terroristen ereigneten. Und dann brach kurz vor Ende des Spiels plötzlich diese Panik aus. Zu sehen, dass die Kinder Angst haben, ging mir an die Nieren. Wir kamen ja aus dem Stadion nicht so schnell heraus, und in der Zwischenzeit erfuhr ich auch noch, was alles in der Stadt passiert war. In der Situation musste man sich sehr stark zusammenreißen. Man tut ja alles, damit sich die eigenen Kinder sicher fühlen können. Aber es ist nun mal, wie es ist: Man darf das nicht akzeptieren, aber wir müssen damit normal weiterleben und die Kinder so erziehen, dass sie keine Angst haben. Es ist ganz wichtig, sich nach wie vor der Welt zu öffnen.

Sie leben ja auch mit ihrer Familie in Los Angeles. Tut Ihnen die Distanz zu Paris gut, oder vermissen Sie die Stadt, sobald Sie nicht dort sind?
Ich bin ja nach wie vor sehr häufig in Frankreich, ich arbeite hier, drehe Filme und mache Theater. Ich versuche, so normal wie möglich weiterzuleben, weil ich diesen Monstern nicht nachgeben will. Man muss aufpassen, dass man nicht in Paranoia verfällt. Es sind ja nicht die ersten Attentate in Paris. Bereits in den 90er Jahren gab es eine Welle der Gewalt. Als Künstler habe ich die Verantwortung, die Leute zu unterhalten und zum Lachen zu bringen.

Sie sind ja dem internationalen Publikum vor allem durch Komödien wie „Willkommen bei den Sch’tis“ bekannt geworden. Es ist der erfolgreichste Film in Frankreich überhaupt. Damit haben Sie sogar Louis de Funes vom Thron gestoßen. Tut Ihnen das leid?
(lacht) Also, ich versuche einfach nur, den Weg fortzuführen, den Komiker wie Louis de Funes eingeschlagen haben. Es geht nicht darum, jemanden vom Thron zu stoßen. Aber es gibt eine gewisse Tradition von französischen Komödien, in der ich mich gern bewege. Und es ging bei den „Sch’tis“ auch darum, meine Region, aus der ich stamme, zu feiern. Ich hatte nicht das Ziel, möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Das war vielleicht auch einer der Gründe, warum der Film so gut funktioniert hat.


Wie meinen Sie das?
Ich hatte es nicht darauf angelegt, einen Publikumshit zu landen, sondern eine liebenswerte Hommage an die Provinz zu drehen. Der Film war gleichzeitig eine Verneigung vor meiner Mutter, die aus dem Nord-Pas-de-Calais stammt. Ich habe zudem eine sehr angenehme Erinnerung an eine Filmvorführung in München. Dort saß ich im Kino mitten unter den Zuschauern, die unglaublich viel gelacht haben. Ich fand es faszinierend, wie dieser Film auch im Ausland funktioniert. Da habe ich gemerkt, dass er sich in viele Länder und Sprachen transportieren lässt.

Woran liegt es, dass französische Komödien im Moment so erfolgreich und beliebt sind?
Weiß ich selbst nicht. Aber es sind ja nicht nur französische Komödien, die gut laufen. Dem italienischen Kino geht es wieder recht gut, und auch dem deutschen. Kino bedeutet für mich eben auch, und das ist eine schöne Symbolik, durch die Welt zu reisen und das Publikum zu unterhalten. So, als sei ich mit ein paar Koffern voller Humor und Lachen unterwegs. Das ist mir wichtig und eine sympathische Art, um sich anderen Kulturen zu öffnen.

Was haben Sie von Ihrem algerischen Vater gelernt und was von Ihrer Mutter?
Ich habe damals vor allem Toleranz gelernt. Meine Kindheit war kompliziert, aber glücklich. Meine Eltern waren arm und stammten aus sehr einfachen Verhältnissen. Sie hatten es auch nicht leicht, diese Mischehe zu führen. Das war damals noch nicht besonders gut angesehen, und im Grunde hat sich bis heute nicht viel daran geändert. Aber mein Vater war unglaublich großzügig. Obwohl wir arm waren, hat er immer Leute, die noch ärmer waren, zu uns eingeladen und hat ihnen zu essen gegeben. Den Kindern dieser Leute hat er unser Spielzeug geschenkt, weil er sagte, die hätten noch weniger als wir.

Nicht einfach für ein Kind nachzuvollziehen…
Stimmt. Als Kind versteht man das natürlich nicht und ich war streckenweise unglaublich wütend, dass ich das Spielzeug hergeben musste. Damit hat mein Vater mir quasi eine Lektion erteilt. Mein Vater war sehr angesehen bei uns im Viertel, erst war er Boxer, später Lkw-Fahrer. Manchmal nahm er mich mit auf seinen Touren. Und dann sind wir auch in die bei Fernfahrern beliebten Cafés gegangen. Jeder kannte meinen Vater. Als ich später mit meinen ersten Bühnenprogrammen unterwegs war, habe ich diese Adressen wieder aufgesucht. Tatsächlich haben mich die Leute wiedererkannt.

Ist Ihre Herkunft der Grund, warum Sie mit Vorliebe die einfachen Leute spielen, herzensgut, aber auch naiv und verletzlich?
Ja, vielleicht. Ich habe noch zwei liebenswerte Brüder. Meine Eltern haben uns einfach, aber gut erzogen. Wir sind wohlbehalten aufgewachsen in unserer Stadt und in unserem Umfeld, wo es noch echte Solidarität gab und mit anderen geteilt wurde. Ich hoffe, das bleibt uns dort auch erhalten. Einer meiner Brüder ist zum Beispiel Ingenieur, der andere hat mal was mit Lampen gemacht, aber kürzlich eine Pizzeria eröffnet. Wir alle drei mögen Menschen und den Austausch mit ihnen.


Wie sieht es mit Angeboten aus Hollywood aus, wo Sie doch schon in Los Angeles wohnen?
Es gab und gibt Angebote. Ich hätte für Fox im vergangenen Sommer einen Film machen sollen. Die Produktion ist dann gestoppt worden, weil sie den Boss gefeuert haben. Das scheint ein wenig der Nationalsport in Hollywood zu sein, Leute zu entlassen. Es gibt auch noch andere Projekte, unter anderem von Universal. Aber in Amerika dauert das alles sehr lange. Die Durchschnittszeit zwischen Planung und Realisierung beträgt dort fünf bis sieben Jahre. In Frankreich sind es nur drei Jahre. Man verliert dabei viel Energie.


In Ihrer neuen Komödie „Lolo“ wird viel über Sex gesprochen. Ist das in Frankreich familienkompatibel?
Julie Delpy hat sich tatsächlich Sorgen gemacht, als sie auf Promotion-Tour für den Film war. Sie wusste nicht genau, wie die Kinder im Kinosaal darauf reagieren würden. Aber es war nicht dramatisch. Kinder verstehen viele Zweideutigkeiten einfach gar nicht, oder bekommen manche Sachen gar nicht mit. Ich selbst habe mal einen Film gemacht, in dem ich meine Filmpartnerin immer nur anschnauze. Eines Tages sagt meine kleine Tochter plötzlich das Wort „Schlampe“. Ich frage, woher sie das Wort kenne. Sie sagte, ich hätte das schließlich im Film mehrmals gesagt. Da habe ich ihr erklärt, dass man im echten Leben so ein Wort nicht benutzen dürfe. Man muss Kindern klare Grenzen setzen, wenn sie anfangen, Schimpfwörter zu benutzen und erklären, was diese Wörter auslösen könnten.

Am 26. Juni werden Sie 50 Jahre alt. Ziehen Sie Halbzeitbilanz?
(lacht) 50 ist schon mehr als eine Halbzeit, aber ich akzeptiere es. Ich habe keine Midlife-Crisis gehabt, als ich 40 war. Ich glaube, ich werde auch keine bekommen, wenn ich 50 werde. Ich habe eine lange Psychoanalyse hinter mir, habe an mir gearbeitet und glaube, dass ich mit allem im Reinen bin. Ich führe ein sehr gesundes Leben, mache viel Sport, ernähre mich gut. Das habe ich übrigens auch schon mit 30 gemacht. Man wird sich ja nicht bewusst, dass die Zeit vergeht, wenn es einem gut geht, ein erfülltes Leben und Erfolg hat. Auch dank der Kinder. Man sieht, wie sie aufwachsen und älter werden. Und dann tust du immer so, als seiest du weise geworden, und gibst weise Ratschläge. Aber man weiß eigentlich, dass man selber nicht so viel dazu gelernt hat. Selbst wenn ich jetzt weniger Erfolg hätte, würde ich mit dem Alter gut klarkommen.

Wie schaffen Sie es, Ihre familiäre Privatsphäre zu schützen? Können Sie normal zum Bäcker gehen?
Das ist ja der Grund, warum ich im Ausland lebe. Vielleicht kehren wir ja zurück, wenn meine Kinder älter sind. Zurzeit leben wir in London, erst in einem Jahr gehen wir wieder nach Los Angeles. In London kann ich die Metro und den Bus nehmen, die Kinder zum Sport bringen, da gibt es keinen Fan-Auflauf, wenn ich mich ganz normal bewege. In Frankreich ist das schon schwieriger. Ich versuche, so normal wie möglich das Familienleben aufrechtzuerhalten. Das ist im Ausland viel einfacher. In Frankreich hatten die Kinder das Gefühl, als würde man ihnen den Papa wegnehmen.

Kommen die Kinder dennoch gut mit dem Nomadenleben klar?
Ja. Es gab allerdings mal eine Situation mit einem meiner Söhne. Der hatte in der Schule Mist gebaut und ich wurde zum Direktor gebeten. Der stand da mit der Klassenlehrerin und beide konnten vor Lampenfieber kaum atmen. Sie spielten die Geschichte herunter und baten mich stattdessen um ein Autogramm. Ich sagte: Nein, dafür bin ich doch nicht hier, sondern weil mein Sohn in der Schule ein Problem hat. Ich will doch nicht, dass er machen kann, was er will, nur weil er einen berühmten Vater hat.

Ein typisches Promi-Problem…
Sicher, aber wichtig ist, dass man als Mensch wie als Autor den Kontakt zur Realität nicht verliert und Teil des alltäglichen Lebens bleibt.

Interview: M. Tackenberg


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen