Wochenend-Interview: Lee Baxter : Das Schweigen der Männer

Sie kommen wieder: Bastiaan Ragas, Eloy de Jong und Lee Baxter (v.l.n.r.)
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Sie kommen wieder: Bastiaan Ragas, Eloy de Jong und Lee Baxter (v.l.n.r.)

Musiker Lee Baxter startet mit Caught in the Act wieder durch.

svz.de von
01. April 2017, 07:00 Uhr

Kreischende Fans, ausverkaufte Hallen, Hunderte Liebesbriefe: Für Lee Baxter gehörte das in den 90ern als Mitglied der Boyband Caught in the Act zum Alltag. Nach Auflösung der Gruppe zog sich der Brite jahrelang aus der Öffentlichkeit zurück. Fast zwei Jahrzehnte dauerte es, ehe er sich mit seinen früheren Band-Kollegen aussprach. Nun hat das Musik-Business ihn wieder. Nach dem Comeback von Caught in the Act möchte Baxter wieder durchstarten – auch als Solo-Künstler. Im Interview spricht er über schwierige Neuanfänge, Diäten, seine Homosexualität und das Comeback der 90er.

Herr Baxter, Sie sehen gut in Form aus.
Vielen Dank!

In den 90ern waren Caught in the Act auch für ihre spektakulären Tanzeinlagen bekannt. Mittlerweile sind Sie 46 Jahre alt – fällt es Ihnen genauso leicht wie damals, fit für die Auftritte zu werden?
Auf keinen Fall. Ich muss zugeben, dass ich viel Gewicht verloren habe während der Shows in den vergangenen Monaten. Wenn keine Auftritte anliegen, versuche ich, häufiger ins Fitnessstudio zu gehen. Ich will in Form bleiben, aber ich bin nicht besessen davon. Ich liebe es zu essen und mit Freunden mal etwas trinken zu gehen. Ich bin niemand, der auf einer strikten Diät sein könnte.

Nachdem sich Caught in the Act 1998 getrennt hatten, haben Sie jahrelang nicht mit den anderen Band-Mitgliedern gesprochen. Warum?
Als sich Benjamin dazu entschloss, die Band zu verlassen, sorgte das für eine merkwürdige Stimmung bei dem Rest. Wir waren jahrelang einfach ständig zusammen. Wenn man eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, neigt man dazu, sich von der Außenwelt abzuschotten, um sich zu schützen. Wir waren dann einfach wie vier Brüder, die in engen Zimmern zusammen eingesperrt waren. Und das sieben Jahre lang. Das führte irgendwann dazu, dass wir uns gegenseitig irritierten. Ich glaube, am Ende hatten wir einfach die Schnauze voll von uns. Wir brauchten dann Zeit für uns. Dass es am Ende aber so lange gedauert hat, war nicht geplant. Mir war es auch ein wenig peinlich, den ersten Schritt zu machen.

Wussten Sie überhaupt nicht, was die anderen in der Zeit machten? Immerhin haben Sie sich eben sogar als Brüder bezeichnet.
Das ging eher über die Fans. Sie haben niemals damit aufgehört, uns zu folgen. Die Fans wollten immer wissen, was ich mache, und haben mich deshalb bei Facebook angeschrieben. Deshalb habe ich dann eine Fan-Page eingerichtet. Die Fans haben mich dann informiert, was meine ehemaligen Bandkollegen so treiben – ob ich das nun wollte oder nicht.

Und dann kam Ihr Song „For what it’s worth“ heraus, in dem Sie ankündigten, dass Sie einfach vergeben und vergessen wollen…
Ja, diese Zeilen wurden von der Presse aufgegriffen. Journalisten gingen dann auf Eloy, Bastiaan und Benjamin zu und sagten ihnen, dass ich einen Neuanfang wolle. Und dadurch kam es dann ins Rollen.

Was meinten Sie mit „vergeben und vergessen“?
Ich wollte den ganzen negativen Kram hinter mir lassen, der mich in den 90ern belastet hatte. Den ganzen Druck, dem wir ausgesetzt waren. Wir haben eine Geschichte zusammen, die niemand anders geteilt hat. Ich empfand es dann als Schande, dass wir uns nicht mehr gegenseitig angucken oder über die vergangenen Zeiten sprechen konnten.

Wie war es, als Sie sich nach den ganzen Jahren wiedergetroffen haben? Ist es noch dieselbe Verbindung wie in den 90ern, oder haben sich die anderen stark verändert?
Es ist schon eine gewohnte Beziehung, aber wir sind natürlich alle älter und weiser geworden. Wir hatten die Chance, das Vergangene zu reflektieren. Dadurch können wir uns jetzt mit mehr Respekt begegnen. Wir haben erkannt und können uns zugestehen, dass wir damals einfach häufig müde und gestresst waren. Jeder andere Mensch wäre das in einer vergleichbaren Situation auch gewesen.

Sie haben die Schattenseiten eines Lebens als Popstar angesprochen. Warum tun Sie sich diesen Stress und Druck wieder an?
Niemand von uns will diesem Druck wieder ausgesetzt sein. Wir sind aber sehr dankbar für unseren Erfolg und das Interesse, das die Fans uns nach wie vor entgegenbringen. Es ist wie eine zweite Chance für uns. Nur, dass wir jetzt klarer und weiser im Kopf sind. Außerdem haben wir jetzt keinen Manager mehr, der uns befiehlt, was wir zu tun haben. Jetzt diskutieren wir unter uns, was wir machen wollen.

War es so schlimm unter Ihrem früheren Manager Cees van Leeuwen?
Ja, er war sehr streng. Er gab die Regeln vor, und wir mussten sie befolgen. Je länger wir in der Band waren, desto schwieriger empfanden wir das. Deshalb hat Benjamin die Band auch verlassen.

Hatten Sie damals auch daran gedacht, der Band den Rücken zu kehren?
Nein. Ich war einfach sehr dankbar über unseren Erfolg. Vor meiner Zeit bei Caught in the Act hatte ich eine Schauspielschule besucht. Viele Freunde, die auch dort waren, mussten anschließend hart kämpfen, um über die Runden zu kommen. Deshalb war ich sehr zufrieden, dass ich mich nicht in dieser Position befand.

Wie sehr haben Sie sich verändert?
Nachdem sich die Band aufgelöst hatte, ging ich durch eine Phase, in der eine Menge schiefging. Ich habe meine Wohnung verloren, war völlig pleite und bin dann von den Niederlanden wieder nach England gezogen – mit nur zwei Koffern. Ich musste von ganz unten anfangen. Im Nachhinein hat sich diese schwierige Zeit aber als Glücksfall herausgestellt. Als ich in der Band war, wurden wir alle wie Prinzen behandelt. Wenn wir etwas wollten, haben wir es auch bekommen. Dadurch wurden wir regelrecht verdorben. Muss man dafür kämpfen, seine Rechnungen bezahlen oder sich etwas zu essen leisten zu können, dann ist das zwar eine harte Schule, die gleichzeitig aber sehr gut für die Charakterbildung ist.

Erst im vergangenen Jahr haben Sie sich öffentlich zu Ihrer Homosexualität bekannt. Warum hat es so lange gedauert?
Na ja, als wir noch gemeinsam in der Band waren, mussten wir Singles bleiben. Zu Beginn wusste ich überhaupt nicht, dass ich schwul bin. Zunächst hatte ich sogar eine Freundin, die ich geheim halten musste. Als sich die Band auflöste, wollte ich danach unbedingt einen Plattenvertrag erhalten. Das habe ich auch nicht für den richtigen Zeitpunkt erachtet. „Sag bloß nicht, dass du schwul bist“, habe ich mir immer gesagt.

Wann haben Sie denn überhaupt gemerkt, dass Sie homosexuell sind?
Mit 25 Jahren. Das war mitten in der Zeit bei Caught in the Act. Da habe ich mir dann eingestanden, dass ich schwul bin. Mit 27 Jahren habe ich es dann meinen Eltern erzählt. Nach dem Aus der Band wollte ich es erst einmal geheim halten. Aber als ich dann nach England zog und dort anfing, wieder zu schauspielern, hat sich niemand für mich und meine Sexualität interessiert. Also konnte ich dann auch ganz offen dazu stehen und mein Leben als schwuler Mann genießen.

Haben Sie vor Ihrem Outing mit Ihren Band-Kollegen über Ihre Homosexualität gesprochen?
Ja, ich habe Eloy, Bastiaan und Benjamin gesagt, dass ich nicht mehr lügen werde, wenn ich auf meine Orientierung angesprochen werde. Ich wollte daraus keine Sensations-Story machen. Nach der Reunion sprach mich zunächst niemand darauf an, bis wir Gäste bei dieser Liveshow im ZDF waren. Als mich der Moderator dann zu meinem Beziehungsstatus fragte, habe ich es einfach gesagt.

Wie fielen die Reaktionen auf Ihr Coming-out aus?
Ausschließlich positiv. Die Fans haben mich sehr unterstützt und sich gefreut, dass ich verliebt bin und einen Freund habe.

Wenn Sie den Vergleich mit der Situation in den 90ern ziehen: Ist die Gesellschaft toleranter gegenüber Homosexuellen geworden?
Das kommt darauf an. In einigen Ländern werden Schwule immer noch verfolgt und gequält. Wie Homosexuelle beispielsweise in Russland oder manchen muslimischen Staaten behandelt werden, ist eine Schande. Aber auch in England kommen noch zahlreiche homophobe Taten vor. Aber die Botschaft, die durch die Medien verbreitet wird, ist ziemlich deutlich: Alle Menschen sind gleich.

Und wie sieht es in der Musikbranche aus? Ist ein Nachteil, sich als Sänger zu outen?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es gibt sicherlich noch Manager oder Musiker, die sehr homophob sind. Aber speziell bei Jüngeren ist das kein Thema mehr. Generell ist es mittlerweile einfach deutlich schwieriger, solch ein Geheimnis für sich zu behalten. Jeder hat ein Handy bei sich und kann binnen Sekunden ein Foto von dir schießen.

Inwiefern hat sich der Umgang der Fans gegenüber Ihnen und Ihren Band-Kollegen verändert?
Es gibt zwar noch Fans, die uns wie früher hinterher reisen, aber die haben meistens eine Familie und einen normalen Job. Das sind keine 14-jährigen Mädels mehr, die unsterblich in dich verliebt sind. Und noch etwas anderes hat sich verändert: Über die sozialen Netzwerke können Fans einfach unzählige Nachrichten an uns schicken. Früher haben wir Briefe erhalten, die wir nach Möglichkeit immer beantworten wollten – auch wenn es damals schon tausende waren.

Wollen Sie mit Ihrem Partner Kinder haben?
Nein. Als ich noch jünger war, durchlebte ich mal eine Phase, in der ich mir das vorstellen konnte. Mein Bruder und meine Schwester haben jeweils vier Kinder. Ich passe sehr gerne auf sie auf, bin dann aber auch froh, wenn ich sie dann wieder abgeben kann. Bei meinen Geschwistern sehe ich, wie schwierig es ist, Kinder aufzuziehen.

Schwieriger, als Mitglied in einer Boyband zu sein?
Ja, definitiv, weil man keinen Tag frei bekommt. Du kannst nicht einfach mal verkatert oder krank sein. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Die Kinder meiner Geschwister sind wunderbar, und ich liebe sie über alles.

Andere Bands aus den 90ern wie Take That und die Backstreet Boys haben ebenfalls ihr Comeback gefeiert. Zudem sind die beliebtesten Partys in Discos oftmals die 90er-Partys. Wie erklären Sie sich das Aufleben dieser Zeit?
Gute Frage. Bei mir waren es die 80er, die mich sehr geprägt haben. Damals war ich ein Teenager – was eine sehr wichtige Zeit in der eigenen Entwicklung ist. Musik hat einen sehr großen Einfluss auf die eigene Identität. Selbst wenn man älter wird, bleibt einem die Musik weiter im Herzen, die man damals geliebt hat. Dasselbe gilt dann auch für die 90er.

Was sind Ihre Ziele mit Caught in the Act?
Am Ende des Jahres werden wir auf Tour gehen. Wir haben schon ein Best-of-Album herausgebracht, auf dem zwei neue Lieder zu hören sind. Der Chef unserer Plattenfirma möchte, dass wir ein weiteres Album herausbringen. Das wäre dann eine Platte mit komplett neuen Songs von uns.

Wollen Sie auch noch mit 70 Jahren auf der Bühne stehen wie die Rolling Stones?
Ich würde es lieben, wenn ich dann noch eine Karriere als Sänger hätte. Da die meisten meiner Fans jünger als ich sind, wären sie dann ja vielleicht immer noch an meiner Seite. Dann könnten wir zusammen eine Rentnerparty feiern (lacht).

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