Mama Heroico : Das Leben eines Barbiers

Barbier Onay Temel (M.) sollte eigentlich ins Familienrestaurant einsteigen, doch er hatte mehr Spaß am Haarestylen und Rasieren. Fotos: Christophe Gateau
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Barbier Onay Temel (M.) sollte eigentlich ins Familienrestaurant einsteigen, doch er hatte mehr Spaß am Haarestylen und Rasieren. Fotos: Christophe Gateau

Ein junger Berliner Barbier stutzt Bärte, verwöhnt ältere Männer und gedenkt dabei einer Frau, die immer an ihn glaubte

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28. März 2018, 12:00 Uhr

Zuerst fällt Onay auf, dass sein Cousin fremdgegangen ist. Er sieht es ihm am Vollbart an. Der glänzt nämlich. Mit Öl eingerieben, gekämmt. Sieht schick aus. Der Cousin war beim Barbier. Aber nicht bei Onay, dem Barbier in der Familie. Der Cousin hat sich den Bart fremd ölen lassen. Sie stehen sich in einem Restaurant in Berlin gegenüber. Onay sagt, der Cousin solle doch vorbeischauen. Damit sie sich sehen. Familie. Onay schaut zur Fensterscheibe nach draußen. Die Scheibe ziert das Gesicht einer Frau. Auch sie Familie, seine Mutter.

Onay Temel seift einen Kunden ein. In seinem Barber Shop in Berlin-Schöneberg verteilt der 25-Jährige den Rasierschaum über Wangen, Kinn und Hals, wie er es in der Türkei gelernt hat. „Die schäumen den Bart erstmal einen Monat.“ Nach der Friseur-Lehre in Deutschland ging Onay ins Ausland: nach Izmir und Istanbul. Wenn er vor dem Auge der Meister dort etwas falsch machte, gab es mit der Griffseite des Rasiermessers auf die Finger. In Deutschland geht das nicht, lacht Onay. Sein Schnurr- und Kinnbart lachen mit, die Backen flaumig.

In orientalischen Ländern gehören Barbier-Läden oft traditionell zum Straßenbild. In Deutschland sind sie seit einiger Zeit hip. Man nennt sie nun neudeutsch Barber Shops. Die Kunden sitzen bevorzugt auf Sesseln im Retro-Look, Klingen und Werkzeug der Barbiere liegen auf verchromten Flächen. Vieles ist auf alt gemacht, so läuft das Geschäft, sei es in Frankfurt, München, Berlin oder Hamburg. Nach Beobachtungen des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks werden diese Läden vor allem im „urbanen Raum“ eröffnet, wo es junge Kundschaft gibt.

Der Weg bis zum eigenen Barber Shop war für Onay hart. In einem anderen Job hätte der Berliner vieles einfacher haben können. Mit einem goldenen Löffel sei er auf die Welt gekommen, sagt er. 1993, ein Jahr nach seiner Geburt, eröffnete seine Familie ein Köfte-Lokal nahe dem Kottbusser Tor. Das Geschäft in Berlin-Kreuzberg läuft gut, seit zweieinhalb Dekaden.

„Ich hätte auf dem Thron sitzen können“, ist sich Onay sicher. Er redet dabei weniger wie ein stolzer Laden-Boss, sondern mehr wie ein Prinz, der seinen Titel abgelegt hat. Aus freier Entscheidung. Es wäre der Köfte-Thron gewesen. Einer aus Hackfleisch, Zwiebeln, Knoblauch und orientalischen Gewürzen.

In seiner Kindheit und Jugend stand Onay dauernd am Grill, und an der Seite seiner Mutter. „Mama war der Stamm unserer Familie. Sie hat am meisten Fleiß und Arbeit geleistet.“ Mama sagte ihrem Sohn, dass er „Köfte-Mann“ werden könne. Sie ergänzte aber auch, er könne anderes machen, sich verwirklichen. Onay sagte im Lokal: „Mama, ich stinke immer.“ Er entschied sich für eine Friseur-Lehre. Ein Onkel hatte mit dem Haareschneiden Erfolg gehabt. Onay stylte sich gerne. Das schien zu passen. Die Mutter unterstützte ihn, sie verstand. Der Papa erst nicht, er fand, das sei nichts für Männer.

Hätte der Papa die Männer im Barber Shop doch schon damals sehen können. Sie haben Totenköpfe in den Nacken tätowiert und Schlagringe an den Händen. Sie sind muskulös. Wie Onay auf alten Bildern. Er fotografierte sich im Spiegel, mit aufgepumpten Muskeln im Tank Top, intensiver Blick, vielleicht sogar böse. Mittlerweile ist er etwas dünner, trägt im Salon Hut, Lederschuhe, weißes Hemd mit Hosenträgern. In seine Wimpern schmiert Onay sich einen Mix aus Mandel- und Schlangenöl: „Die sind lebendiger und länger geworden“, ist er überzeugt. Eindringlich kann er immer noch schauen – er schenkt seinem Gegenüber auf diese Art Aufmerksamkeit.

Der 83-jährige Walter kommt in den Laden. Seitlich um den Kopf kurze weiße Haare, die Platte licht, Schnurrbart. Es ist das vierte Mal im Barber Shop für den Pensionär. Er setzt sich in einen Stuhl aus schwarzem Leder und Chrom. „Schön verwöhnen“, sagt Onay zu Kubilay, der die Haare des Schönebergers schneiden soll, Hals, Kinn und Wangen nass rasieren. Als sein Gesicht glänzt, steht Walter auf. Onay streichelt ihm über den Rücken. Kubilay hilft dem Pensionär in seine Jacke. Ein weiterer älterer Herr kommt. Aber der will nur ein wenig reden.

Ein Junge im Laden schneidet weder Haare, noch stutzt er Bärte. Er assistiert, putzt und ordnet Sachen. Onay braucht das eigentlich nicht. Aber der Jugendliche kam zu ihm und habe nach einem Job gefragt, um seine Familie zu unterstützen. Er sagte: „Ich möchte Mama unterstützen.“ Onay verstand.

Die Mitmenschen will Onay behandeln, wie es Mama gewollt hätte. Sie habe vielen Menschen geholfen, selbst Fremden. „Sie hat dem fliegenden Vogel sogar geholfen, sage ich mal so“, erzählt Onay. Und sie habe sich gewünscht, dass er so werde wie sie.

Mama ist vor drei Jahren gestorben, nach Krankheit, Operationen und Koma. Den Köfte-Laden führen nun Onays Brüder, der Papa kontrolliert sie dabei. Trotzdem schaut auch die Mama den jungen Männern über die Schulter, wie sie auch Onay weiter in seinen Entscheidungen beeinflusst. Das letzte Foto von ihr, aufgenommen kurz vor dem Tod, ziert groß die Frontscheibe des Lokals. Mama lächelt.

Das Foto soll immer dort bleiben. Die Gesichtskonturen der Frau, geheftet an die Scheibe. In Schwarz. Wie das Che-Guevara-Bild, das weltweit Millionen T-Shirts ziert. Dieses nennt man „Guerrillero Heroico“. Diese „Mama Heroico“ gibt es nur einmal, nahe dem Kottbusser Tor. „Sie hat es nicht geschafft. Welchen Grund, weiß ich nicht“, sagt Onay. „Was der liebe Gott geschrieben hat, das kommt. Das kann man sich nicht vorstellen.“

Zwei letzte Wünsche habe Mama gehabt: dass Onay selbstständig werde und seinen Meister mache. Für sie, die Frau mit dem Namen Gülderen, geboren etwas südlich von Izmir, mit drei Jahren nach Deutschland gekommen, vier Kinder in Kreuzberg aufgezogen, ein Restaurant zu lokalem Ruhm gebracht, legt sich Onay ins Zeug. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht.

Onay zieht mit seinem Shop Kunden an. Auch auf ungewöhnliche Weise. Im Sommer hatte er Stühle vor dem Salon. Damit sich die Männer mit Bärten auch mal raussetzen können. Als er einmal raus schaute, fehlten die Sitze. Ein paar Männer – keine Kunden – hatten sie weggeschleppt und es sich darauf bequem gemacht. Mit messerscharfem Auge sah sie Onay in der Ferne. Er ging hinüber und fragte, ob er sich dazusetzen dürfe. Sie sagten: „Ja, klar.“ Er fragte, woher die Stühle kämen. Sie sagten: „Von da drüben.“ Er fragte, ob sie gefragt hätten. Sie sagten: „Nein.“ Dann sagte Onay: „Die Stühle gehören mir.“ „Hätte ich sie böse angemacht, hätten die gleich auf Angriff gemacht“, schätzt Onay. „Plus gegen Plus, das funktioniert nicht.“ Also ist er ruhig hingegangen. „Das habe ich von Mama gelernt.“ Die Männer, die sich die Stühle geborgt hatten, gaben sie nicht nur zurück. Sie sind nun Onays Kunden.

Im Wandel der Zeit

„Barba“ heißt auf Lateinisch Bart und gibt dem Beruf des Barbiers den Namen. Wobei das alte Wort Barbier oft auch für Herrenfriseur allgemein steht, nicht nur für Bartscherer.

Seit jeher gelten Barbier-Lokale auch als beliebte Treffpunkte für Männer. Ab dem 12. Jahrhundert führten Barbiere laut Encyclopaedia Britannica über sechs Jahrhunderte hinweg auch Aderlässe durch und verarzteten Wunden. Denn damalige Mediziner empfanden solche Aufgaben als unter ihrer Würde.

Die Barbiere von heute können sich voll auf Frisuren und Bart-Trends konzentrieren. Und sie freuen sich über den in Hipster-Kreisen verbreiteten Trend zum Vollbart.

Besonders in städtischen Regionen haben in den vergangenen Jahren viele Barber Shops aufgemacht, wie der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks beobachtet hat.

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