Interview Andreas Hoppe : Das Leben danach

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21 Jahre war Andreas Hoppe im Tatort – jetzt sind für ihn neue Zeiten angebrochen.

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06. Januar 2018, 16:00 Uhr

Eigentlich war er aus dem Tatort nicht wegzudenken – 21 Jahre lang spielte Andreas Hoppe den Mario Kopper im Sonntagskrimi aus Ludwigshafen. Doch dann setzte ihm der Sender den Stuhl vor die Tür – Hoppe suchte und fand das Leben danach: Er drehte Dokumentarfilme und schrieb ein sizilianisches Kochbuch. Davon erzählt er in einem Berliner Café:

Herr Hoppe, der Tatort ist für Sie längst Geschichte, auch wenn Sie am Sonntag noch mal als Kopper zu sehen sind.
Stimmt, die Dreharbeiten waren schon vor einem Jahr. Und das erste Jahr ohne Tatort war ziemlich gut.

Sie sind also nicht in ein Loch gefallen?
Nee (klopft auf den Tisch). Ob das so bleibt, weiß ich natürlich nicht. Aber 2017 war ein cooles Jahr. Ich habe mein sizilianisches Kochbuch rausgebracht und mehrere Filme gedreht.

Gegen Ende der letzten Folge zerlegt Kopper seinen eigenen Fiat, den langjährigen Begleiter auf vier Rädern. Eine Szene mit hohem Symbolcharakter.
Ja, sie haben es mir gestattet. Denn wenn überhaupt einer an das Ding ran darf, dann ja wohl ich. Das war hart genug, und mir hat auch das Herz geblutet. So eine Karre hat ja Charakter, muss ein bisschen anders angefasst werden als andere und ich habe immer gut auf sie aufgepasst.

Mittlerweile drehen Sie ja auch Dokumentarfilme.
Ja, als derjenige, der durch den Film führt. Mit Titeln wie „Schüsse in der Wolfsheide“, „Tatort Luchswald“ oder „Wo bleiben die alten Sorten?“ über aussterbende Haustierrassen. Die müssen ja immer mehr diesen Hochleistungsviechern weichen, wodurch sich auch unser ökologischer Fußabdruck verändert. Für mich ist es ein großes Glück, dass ich durch den Tatort einen Namen habe und mich bei solchen Themen heute ein bisschen einmischen und mitreden kann. Ich lebe schon seit Jahren überwiegend in Vorpommern auf dem Land und bin quasi im Schrebergarten meines Großvaters in Berlin-Schöneberg groß geworden. Dadurch bin ich neugierig auf solche Themen.

In Opas Schrebergarten hat also alles angefangen?
Ja. Andere Kinder mussten den Rasen mähen oder irgendwas rumzupfen – und für mich war es einfach nur toll. Mein Opa hat mich von zu Hause abgeholt, dann sind wir zu ihm in den Garten gefahren, oft durfte ich auch meine Freunde mitbringen. Wir haben dann angebaut und geerntet, das fand ich großartig. Später, als ich in Hannover studierte und keine Wohnung mehr in Berlin hatte, habe ich sogar im Sommer bei ihm im Schrebergarten gewohnt.

Heute engagieren Sie sich auch für Bären und Wölfe.
Ja, zum Beispiel für den Bärenpark an der Müritz. Die holen Tiere aus zu kleinen Käfigen oder solche, die ihr Leben als Tanzbären an der Kette verbracht und niemals eine natürliche Umgebung kennengelernt haben, um ihnen wenigstens einen guten Lebensabend in diesem Schutzgebiet zu verschaffen. Ich hatte mein Schlüsselerlebnis in der kanadischen Wildnis: In dieser Einsamkeit und der tollen Natur zu sein, diesen Kontakt zu spüren und darum zu wissen, das hat mein ganzes Wesen verändert. Dort hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt nirgendwo anders sein möchte. Eigentlich müssten wir alle so einen Aufenthalt zugeteilt kriegen, da kann man echte Glücksgefühle erleben.

Was machen Sie mit Wölfen?
Zum einen habe ich den Dokumentarfilm „Schüsse in der Wolfsheide“ gedreht, zum anderen bin ich Wolfsbotschafter des NABU. Wobei das Thema gerade politisch richtig schwierig ist, weil es mittlerweile auch ganz klare Gegenpositionen gibt. Natürlich müssen wir die Sorgen der Leute ernst nehmen, brauchen Konzepte, die gewissenhaft umgesetzt werden, und wir brauchen auch die Wolfsmanager, die es ja gibt. Auf der anderen Seite haben wir die historische Chance, dass Tiere wiederkommen, die man gezielt ausgerottet hat, weil der Mensch meinte, dass er alles, was er nicht braucht oder ihm im Weg steht, umbringen kann. Ich finde, dass wir mit der Natur leben sollten und nicht alles beseitigen dürfen, was wir nicht brauchen. Die Wunder sind es wert, darum zu kämpfen.

Jetzt haben Sie ein sizilianisches Kochbuch geschrieben und es im Vorwort Ihrem „Freund“ Kopper gewidmet.
Das lag nahe, gerade zum letzten Kopper-Tatort. Es war ja immer klar, dass er sizilianische Wurzeln hat, auch wenn sie nie so richtig zum Tragen kamen. Zum Abschied für mein alter ego wollte ich mich unbedingt mal Sizilien nähern – das haben wir im Film und mit dem Kochbuch gemacht.

Ist es richtig, dass Sie für die Recherche zum Kochbuch zum ersten Mal überhaupt auf Sizilien waren?
Ja, und mir ist da so viel widerfahren, dass es mir ganz leicht fiel, dieses Buch zu machen. Ich könnte schon das nächste schreiben, weil ich jede Menge Anlaufstellen und Plätze gefunden habe, wo ich hinfahren kann. Es ist ja nicht nur ein Koch-, sondern auch ein Reisebuch – sonst hätte ich das gleich den Sterneköchen überlassen können. Für mich war es wichtig, mit den Rezepten auch die Kultur einzusammeln und die Leute vorzustellen, die ich getroffen habe und denen ich über die Schulter gucken konnte.

Wie sind die Rezepte denn ins Buch gekommen?
Ich war beim Kochen dabei, habe die Sachen gegessen und gefragt, ob ich beim Kochen zugucken kann. Zum Beispiel bei einem Wirt, der in den 70er Jahren ein Restaurant auf der Lietzenburger Straße hier in Berlin hatte. Ich habe ihn dann gefragt, ob ich wiederkommen kann, um Fotos zu machen und ein paar Rezepte mitzunehmen. Und das hat geklappt – ein halbes Jahr später hatte man mich nicht vergessen, sondern ich wurde schon erwartet.

Wie gut ist Ihr Italienisch?
Ich kann mir im Restaurant was bestellen und mich auch sonst einigermaßen verständigen, ohne dass ich es fließend sprechen würde. Wenn die Sizilianer mich fragten, was ich in Deutschland so mache, habe ich versucht, es ihnen zu erklären und sie sagten dann immer: Ah, wie Commissario Montalbano. Den kennt in Italien jeder.

Womit wir beim Tatort wären. Können Sie sich eigentlich noch an die allererste Szene erinnern, die Sie gedreht haben?
Klar. Das war ziemlich früh am Morgen, wir drehten ein Ermittlungsgespräch mit Lena Odenthal im Auto und ich musste dabei ein Fischbrötchen essen. Sie sagte am Ende der Szene zu mir: Wenn Du noch mal mit totem Fisch in mein Auto kommst, dann bitte nicht atmen.

Wie war das für Sie damals, einen Tatort zu drehen?
Sehr aufregend und sehr besonders. Ich hab das wirklich zu schätzen gewusst, weil ich ja mit dem Tatort groß geworden bin. Dass ich dann Kommissar beziehungsweise erst mal Assistent wurde, fand ich toll.

Wer ist damals, 1996, eigentlich auf die Idee gekommen, dass Sie den Kopper spielen sollen? Ulrike Folkerts kannten Sie ja schon von der Schauspielschule in Hannover.
Sie hat mir auch zumindest ein bisschen die Möglichkeit aufgemacht. Wie das so ist an der Schauspielschule: Nachdem man vier Jahre aufeinander gehangen hat, rennen dann alle in verschiedene Richtungen los und verlieren sich erst mal aus den Augen. Ulrike und ich haben uns dann durch Zufall bei den Münchner Filmfestspielen 1995 wiedergetroffen, und da sagte sie: Willst Du nicht zum Casting kommen? Die suchen einen Assistenten für mich. Das Problem ist nur: Der ist beschrieben als klein, teigig und schwitzend, ich weiß nicht, ob Du da drauf liegst.

Hätte ich jetzt auch gedacht.
Ich auch. Aber sie meinte, ich solle doch trotzdem kommen. Wir haben dann auch toll miteinander gespielt, aber mir wurde trotzdem gesagt: Du liegst da einfach nicht drauf und die Bücher sind schon geschrieben, das wird nix. Aber vielleicht können wir Dich ja mal als Bösewicht besetzen. Dann wurde noch zwei Folgen ohne mich gedreht, aber am Ende kam die Redaktion wieder auf mich zu und hatte die Idee mit dem Halb-Italiener. Die ist also nicht auf meinem Mist gewachsen.

Zu Italien hatten Sie also keine Verbindung?
Filmisch nicht, aber sonst ganz viel. Damals hatte ich Freunde in der Toskana, die ein Restaurant in den Bergen besaßen, da war ich drei- oder viermal im Jahr, hab’ im Service mitgeholfen und kochen gelernt. Das war in Radda in Chianti, wo ich auch viele Weinbauern kennengelernt habe. Davon war ich echt fasziniert.

Also doch ein halber Italiener.
Meinen Eltern zufolge bin ich in Italien an der Adria gezeugt worden. Ich war auch als Kind früh in Italien, weil mein Großvater mütterlicherseits ein großer Italien-Liebhaber war – die Sonne, die Menschen, das Draußensein – er liebte es da. Der ist schon in den Fünfzigern mit einem 34 PS-Käfer und drei Kindern auf der Rückbank nach Italien gefahren. Ich war dann auch mit einem Jahr zum ersten Mal in Italien. Die deutsche Sehnsucht nach Italien war in unserer Familie sehr ausgeprägt.

Ihr erster Tatort war „Der kalte Tod“ – und ist bis heute eine Ihrer Lieblingsfolgen.
Auf jeden Fall. Sascha Arango hatte ein wunderbares Buch dafür geschrieben – mit tollen Ideen, schönen Einstellungen und guten Spielszenen. Von fünf Wochen Drehzeit haben wir bestimmt vier in Friedhofsvorräumen und in der Pathologie verbracht – in einem sehr modernen Gebäude in Bielefeld und in einem ganz alten in Straßburg.

Sie haben den Ludwigshafener Tatort in Bielefeld und Straßburg gedreht?
Wir brauchten bestimmte Plätze, und die gab’s in Ludwigshafen eben nicht.

Es gab über all die Jahre viele gute Tatort-Folgen aus Ludwigshafen, aber in den letzten Jahren so etwas wie einen schleichenden Niedergang. Selbst der beste Schauspieler kann nicht gegen ein schlechtes Drehbuch anspielen.
Das haben wir auch immer gesagt. Bei den Büchern, die wir teilweise hatten, konnte man nur staunen, was da überhaupt noch rausgekommen ist. Das war wirklich unser Verdienst. Teilweise war es echt quälend. Wir haben viel diskutiert und waren richtig unglücklich mit manchen Büchern.

Was haben Sie getan?
Ulrike und ich haben hart darum gekämpft, immer wieder Vorschläge gemacht, Ideen eingebracht, aber es hat sich einfach nichts verändert. Stattdessen haben wir in teilweise erstaunte und leere Gesichter geguckt und mussten in den Filmen ein ums andere Mal fragen: Wo war denn der und der dann und dann? Das ist der Unterschied zu vielen skandinavischen Krimis, die ich wirklich toll finde: Man muss nicht immer alles erklären, als ob der Zuschauer blöd wäre. Aber man kann den Zuschauer natürlich blöd machen, wenn man ständig alles erklärt und zerredet. Gute Filme funktionieren nicht nur über die Texte, sondern ganz viel über die Atmosphäre, wie die Leute das spielen und mich berühren.

Wann haben Sie gemerkt, dass es mit Kopper zu Ende geht? Als mit Johanna Stern eine dritte Ermittlerin dazu kam?
Da war zumindest meine Aufmerksamkeit geweckt. Da dachte ich: Was bedeutet das denn jetzt? Erst mal hieß es: Wir führen jetzt in der nächsten Folge Johanna Stern ein, da hast Du ein bisschen weniger zu tun. Aber dann geht’s so weiter wie bisher, nur dass Ihr jetzt drei statt zwei Ermittler seid. Das erweitert die Spielmöglichkeiten. So war’s dann aber nicht.

Da haben Sie die Nachtigall trapsen gehört?
Ja klar. Ich hab ziemlich gute Antennen und natürlich gespürt, dass da was am Köcheln ist.

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