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Leute

17. Dezember 2017 | 18:57 Uhr

INTERVIEW : Das Kohlenkind

vom
Aus der Onlineredaktion

Veronica Ferres übers Putzen, Schlager und eine ziemlich aufgeblasene „Homestory“.

svz.de von
erstellt am 30.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Veronica Ferres goes Schlager. In ihrem neuen Kinofilm „Unter deutschen Betten“ spielt sie ein abgehalftertes Schlagersternchen, das erst durchs Putzen zur Persönlichkeit findet. In einem Berliner Café unterhalten wir uns über Helene Fischer, Putzfimmel, ihre Kindheit als „Kohlenkind“ in Solingen und eine vermeintliche Homestory, an der so ziemlich nichts wahr war:

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der größte Star im ganzen Land – Helene Fischer oder Veronica Ferres?

Helene Fischer natürlich. Die füllt Stadien mit Zigtausenden von Menschen.

In Ihrem neuen Film werden Sie in einer Ausnüchterungszelle mit Helene Fischer verwechselt. Würden Sie gern mit ihr tauschen?
Nein, ich bin glücklich da, wo ich bin. Obwohl Helene Fischer eine großartige Künstlerin und eine wunderschöne Frau ist. Ich mag auch Florian Silbereisen und Andrea Berg. Aber im Zweifelsfall würde ich mich für Helene Fischer entscheiden.

Heißt das, dass bei Ihnen zu Hause regelmäßig „Atemlos durch die Nacht“ die Räume erfüllt?
(lacht) Eher nicht. Die Kinder sind da ein bisschen anders orientiert, mit 16 hört man eben andere Sachen. Aber ich schau mir Helene Fischer gerne an und höre sie auch gerne.

Haben Sie früher auch Hecks „Hitparade“ im ZDF geguckt?
Natürlich habe ich das gesehen. Und Ilja Richters „Disco“ hab ich mir auch angeguckt. Licht aus, Spot an.

Was hören Sie sonst so, wenn’s mal gerade nicht Helene Fischer ist?
Ich mache mir jeden Monat eine neue Playlist, da ist alles Mögliche drauf. Auf jeden Fall bin ich ein Fan von Udo Lindenberg, von dem habe ich ganz viel. Aber Beyoncé mag ich auch, es gibt wunderschöne Musik von der Band Bonobo und einer meiner Lieblingssongs ist zurzeit „Picture you“ von The Amazing.

Wann hat zum letzten Mal jemand für Sie „Veronika, der Lenz ist da“ gesungen?
Die Kinder zum Geburtstag, gar nicht so lange her.

In Ihrem neuen Film singen Sie selbst.
Ja, obwohl ich nicht singen kann. Deshalb war es ein hartes Stück Arbeit mit einer Gesangslehrerin, mit der ich mich schon mal für einen Film vorbereitet hatte. In „Die kleine Lady“ mit Christiane Hörbiger habe ich vor ein paar Jahren eine Opernsängerin gespielt und musste richtig singen. Das haben wir jetzt drei Monate vor Drehbeginn wieder aufgenommen.

Im Film spielen Sie ein One-Hit-Wonder, das nur zum Playback singen kann.
Genau, Vorlage Dieter Bohlen oder Thomas Anders, die haben ja auch immer nur zum Playback die Lippen bewegt. Linda Lehmann will bei ihrem Comeback allen beweisen, dass sie auch live singen kann, und muss dann zusehen, wie es ihr Mann hinter der Bühne mit ihrer schlimmsten Konkurrentin treibt. Vor lauter Schreck vergisst sie, den Mund aufzumachen, und das ganze Publikum merkt: Es ist wieder nur ein Fake.

Beim Film gibt’s ja auch solche One-Hit-Wonder wie Schlagersternchen Linda Lehmann. Durch „Schtonk“ wurden Sie mit knapp über 20 schlagartig bekannt – hatten Sie auch mal die Befürchtung, ein One-Hit-Wonder zu werden?
Die habe ich heute noch (lacht). Ich denke immer, es geht um alles oder nichts. Vor den ersten Drehtagen bin ich extrem aufgeregt und denke: O Gott, welcher Regisseur, welches Team, kannst Du Dich da einfügen? Ich habe gerade mit dem schwedischen Regisseur Daniel Alfredson einen internationalen Kinofilm mit Benno Fürmann und Ben Kingsley gedreht, da war meine Aufregung ganz besonders groß. Ich denke immer noch, dass man mich im nächsten Moment austauschen könnte. Das lässt nicht nach.

Zuletzt haben Sie Schlagzeilen gemacht durch Ihre Villa in Malibu. Ist das jetzt Ihr Hauptwohnsitz?
Oje, diese Villa verfolgt mich jetzt. Ich habe für die Promotion des Films „Salt and Fire“ von Werner Herzog in einem angemieteten Haus ein Fotoshooting für die „Los Angeles Times“ gemacht. Daraus hat dann ein deutsches Yello-Magazin eine Homestory gemacht, für die auch Bilder von einer Immobilienagentur verwendet wurden, die mit dem Haus gar nichts zu tun haben. Das war einfach nur gefaked.

Wie haben Sie reagiert?
Nach Beratung mit meinem Agenten habe ich mich dazu entschieden, nicht den juristischen Weg zu gehen, sondern dem Chefredakteur einen sehr deutlichen Brief geschickt. Daraufhin kam eine große Entschuldigung zurück, die ich angenommen habe. Dieses Verklagen, das bin ich nicht mehr. Ich habe das früher mal gemacht, aber es bringt ja nichts.

Sie haben das Haus also nie bewohnt?
Es war zu Promotionzwecken für kurze Zeit angemietet. Der Eindruck, ich hätte da eine Homestory gemacht und meine privaten Gemächer zur Schau gestellt, ist total falsch.

Wenn Sie die Wahrheit interessiert: Mein Mann und ich leben zusammen in München-Schwabing, da ist unser Hauptwohnsitz, da geht unsere Tochter zur Schule. Daneben haben wir ein Sommerhaus in Südfrankreich. Mein Sohn studiert seit vier Jahren in Los Angeles, deswegen bin ich gelegentlich dort. Eigentlich ist er schuld daran, dass ich ab und zu auch mal internationale Filme drehe. Durch die Oscar-Nominierung von „Schtonk“ bin ich in Hollywood heute noch einigen Leuten ein Begriff. Ich habe einen Manager in Los Angeles und der bringt mich gelegentlich mal zu einem Casting. Dem setze mich aus, auch wenn ich die Nummer 17 bin und in einem kleinen Raum auf einem Klappstuhl darauf warten muss, meinen Zauber zu zeigen. Manchmal klappt’s und manchmal nicht.

Angefangen hat alles in Solingen im Bergischen Land. Wann waren Sie zuletzt da?
Ich habe vor sechs Wochen meine Stiefmutter besucht. Die kommt jetzt auch zu uns nach München und bleibt bis zur Premiere von „Unter deutschen Betten“. Meine Mutter ist ja schon seit siebzehn Jahren tot, mein Vater seit zweieinhalb, aber meine Stiefmutter und mein Bruder wohnen in Solingen.

Wie war es denn als Kind in Solingen – mussten Sie auch beim Putzen helfen?
Ja, natürlich. Ich bin in der klassischen Rollenverteilung aufgewachsen. Als einzige Tochter mit zwei älteren Brüdern war es ganz klar, dass die Jungs auf dem Hof helfen und ich fürs Kochen und Putzen zuständig bin. Freitags war immer Hausputz, da musste ich im Kohlen- und Kartoffelhandel den Hof, das Büro, Küche und Wohnzimmer saubermachen.

Und Ihre Mutter?
Die ist auf den Wochenmarkt gefahren und hat Kartoffeln verkauft, während mein Vater von zu Hause aus Kohle und Heizöl verkaufte und außerdem noch einen Kartoffelschälbetrieb hatte.

Was ist das denn?
Wie der Name schon sagt: Da wurden Kartoffeln geschält. Ein paar Tonnen jeden Tag, mit denen dann Hotelketten, Altersheime, Großküchen und Restaurants beliefert wurden. Das Schälen wurde von Maschinen erledigt, aber es arbeiteten auch noch 20 Frauen bei uns, die die geschälten Kartoffeln dann kontrollierten.

Und für Sie blieb der Haushalt?
Meine Mutter hat immer ein bisschen für den nächsten Tag vorgekocht, und sobald ich aus der Schule kam, musste ich dann die Kartoffeln schälen und kochen, den Tisch decken, Salate oder auch mal Soßen machen. Meine Mutter kam um halb zwei vom Markt, dann musste das Essen fertig sein. Das ging so, seit ich über den Herd gucken konnte.

Haben Sie das gern gemacht oder war’s eher eine lästige Pflicht?
Überhaupt nicht, seitdem liebe ich das Arbeiten. Für mich ist Arbeiten keine Schande – im Gegenteil: ich kann keinen Tag ohne. Deshalb fällt es mir auch schwer, Urlaub zu machen.

Aber Sie müssen doch heute nicht mehr zu Hause putzen und kochen, oder?
Ich habe zwar eine Haushälterin, aber gerade erst am letzten Samstag und Sonntag habe ich selbst die Kinder- und das Gästezimmer entstaubt, alle Schränke ausgeräumt und heiß ausgewischt, die Fenster und den Balkon geputzt. Eigentlich war’s ein verspäteter Frühjahrsputz. Das hat mir richtig Spaß gemacht.

Putzen macht Ihnen Spaß?
Tierisch sogar. Das Erfolgserlebnis ist doch so groß – man sieht ja sofort, wie schön und anders es danach aussieht.

Bei mir ist immer der Frust groß, wenn’s zwei Wochen später wieder genauso aussieht wie vorher.
Ich hab ja Spaß daran, diesen Status quo zu erhalten. Wenn ich abends koche, räume ich ja auch selbstverständlich die Küche auf. Meine Mutter hat immer gesagt: Die Handschrift einer Hausfrau erkennst Du daran, wie ihre Spüle aussieht. Bei mir finden Sie keine Essensreste in der Spüle. Natürlich habe ich eine großartige Haushälterin, die mir den Rücken freihält, aber ich kann auf das alles auch verzichten. Wenn mir morgen der Hersteller meinen gesponserten Wagen wegnimmt, fahre ich eben mit dem Fahrrad. Ist das ein Problem?

Es gibt ja Putzvorlieben – der eine saugt gerne, die andere putzt lieber Fenster.
Ich mag am liebsten Staubwischen und die Böden, aber ich habe auch von Justyna Polanska, der Autorin von „Unter deutschen Betten“, sehr viele nützliche Tipps bekommen.

Zum Beispiel?
Dass man Blut immer mit kaltem und nicht mit heißem Wasser auswaschen muss. Oder dass man beim Fensterputzen die Schlieren am besten mit einer alten Zeitung wegbekommt.

Ihr Film könnte auch den Untertitel „Vom Botox zum WC-Reiniger“ haben, wenn man sich die Entwicklung der Linda Lehmann ansieht. Wie halten Sie es mit diesen beiden Flüssigkeiten?
Was jede Frau mit sich selbst macht, bleibt ihr Geheimnis. Wenn alle Schauspielerinnen erzählen, Sie würden nur Wasser trinken und zum Frühstück eine Gurkenscheibe essen, glaubt das doch kein Mensch. Jede hat das Recht, das zu tun, was sie für richtig hält. Der Film sollte mit vielen Klischees und Vorurteieln aufräumen – deswegen habe ich mir auch Textzeilen wie „Du bist fünf Kilo zu fett und zwanzig Jahre zu alt, für Dich gibt es einfach keinen Markt mehr“ auf den Leib geschrieben.

Was wollen Sie mit dem Film?
Ich wollte mit „Unter deutschen Betten“ den Voyeurismus bedienen: Wie sieht es hinter den Fassaden der Reichen aus, was geht da ab?

Bedienen Sie den Voyeurismus oder nicht doch nur Klischees?
Beides. Ich habe das Buch von Justyna Polanska gelesen, mich mit ihr getroffen, sie kennengelernt, mich mit vielen Putzfrauen getroffen und auseinandergesetzt – und dann versucht, mich selbst auf die Schippe zu nehmen, indem ich diese Klischees bediene und gleichzeitig damit aufräume.Natürlich habe ich keine Modelmaße und bin fünf Kilo zu fett, aber ich liebe mich so wie ich bin. Und ich wollte den Frauen zeigen: Wenn Ihr einen Mann habt, der ein Arsch ist und Euch gegen eine auswechselt, die zwanzig Jahre jünger ist, dann seid Ihr trotzdem großartig, liebenswert und Ihr könnt Euren Weg gehen. Ihr müsst nur zu Euch finden und weg von der Oberflächlichkeit, der Fassade und dem Schein.

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