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Merkel vs. Schulz : Das Für und Wider rund ums TV-Duell

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Die Bundestagswahl rückt näher, das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz soll wankelmütigen Wählern Hilfe geben. Doch für Tiefe bietet der TV-Wettstreit kaum Gelegenheit, meinen Kritiker.

svz.de von
erstellt am 31.Aug.2017 | 14:13 Uhr

Es kann das größte Fernseh-Ereignis des Jahres werden: Das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) dürfte an diesem Sonntag gut und gerne 15 Millionen Menschen vor die TV-Bildschirme locken, vielleicht auch mehr.

Das Finale im Confederations Cup zwischen Deutschland und Chile sahen am 2. Juli 14,69 Millionen im ZDF und nimmt bisher noch Platz eins in der Jahres-Quotenwertung ein vor dem Münster-«Tatort: Fangschuss» im April mit 14,56 Millionen.

Doch während bei einem Fußballspiel oder einem Krimi Regelwerk und Dramaturgie feststehen, wurde beim TV-Duell der Kanzleraspiranten im Vorfeld lange um die Modalitäten gefeilscht. Wenn es nach den vier ausstrahlenden Sendern - ARD, ZDF, RTL und Sat.1 - gegangen wäre, dann hätte es (wie einmal 2002 mit Gerhard Schröder und Edmund Stoiber mit jeweils mehr als 15 Millionen Zuschauern) zwei Duelle gegeben. Doch das war mit der Amtsinhaberin nicht zu machen. Sie wollte nur ein einziges Aufeinandertreffen mit dem Rivalen.

Auch der Verlauf des nun einmaligen Aufeinandertreffens wurde wesentlich durch die Vorgaben aus dem Bundeskanzleramt bestimmt. Die Sender wollten ihre Moderatorenpaare - Peter Kloeppel (RTL) mit Maybrit Illner (ZDF) sowie Claus Strunz (Sat.1) mit Sandra Maischberger (ARD) - gerne nacheinander in zwei Blöcken antreten lassen, um die Themen zu vertiefen. Auch da kam das Veto aus Kanzlerkreisen. Die Paare sollen sich je nach Themenblock abwechseln. Die Programmveranstalter schluckten auch diese Kröte.

«Was uns in diesem Jahr geboten wird, ist kein Konzept, sondern ein Korsett», kritisierte der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler im Gespräch mit der Deutschen-Presse-Agentur. «In eine gepanzerte Form wird gepresst, was eigentlich nur dann funktionieren kann, wenn die Form dem Inhalt folgen würde - ein argumentativer Austausch zwischen sachkompetenten Menschen.» ARD-Chefredakteur Rainald Becker hatte schon vor der endgültigen Festlegung der Regeln gewarnt, dass eine «Konstellation mit vier journalistischen Fragestellern und zwei Spitzenpolitikern - wie vom Kanzleramt gewünscht - unglücklich» sei.

In ähnlicher Form bemängelt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen aus Tübingen den Schlagabtausch: «Das TV-Duell ist die Symptomveranstaltung eines politisch entleerten und inhaltlich entkernten Wahlkampfes», sagte Pörksen. «An Stelle von Sachfragen und Konzept-Unterschieden geht es um das Inszenierungsgerangel im Vorfeld und vor allem um die Meta-Ebene der Kommunikation: Wie teilen sich die Moderatoren die Zeit? Welche Spielregeln hat die Bundeskanzlerin vorab durchgesetzt? Wie düster ist die Stimmung aktuell in der SPD? Hier zeigt sich die Diskursermüdung, die diese Bundestagswahl charakterisiert, in selten deutlicher Weise.»

Wäre die Alternative dann nicht besser kein Duell? «Vermutlich könnte es sich Angela Merkel aktuell sogar leisten, das TV-Duell ganz zu verweigern», sagte Gäbler. «Taktisch günstiger allerdings wirkt es, dem Fernsehen die Gnade eines einmaligen Duells zu gewähren, dafür aber die Form strikt zu diktieren. Dass im Jahr 2017 wieder so ein erstickend formalisiertes Abgefrage stattfindet, liegt also vor allem an der aktuellen politischen Stärke Angela Merkels.» Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Frank Überall, wunderte sich, dass der Regierungssprecher den Duell-Verlauf vorschreiben könne. «Die Sender hätten im Zweifel lieber auf das Duell verzichten sollen, als sich den Wünschen der Kanzlerin zu beugen.»

Die Bundeskanzlerin wies am Dienstag all die Kritik zurück. Es sei «guter Stil, dass man über die Modalitäten spricht, wie die Dinge ablaufen können», sagte Merkel. Die Diskussion über das Format stehe aus ihrer Sicht nicht im Gegensatz zur Pressefreiheit. Die Freiheit, darüber zu entscheiden, ob man eine Einladung zu einer solchen Sendung annehme oder nicht, sei «ja immer genauso wichtig wie die Freiheit der Presse und die Unabhängigkeit».

Sabine Christiansen, früher für die ARD Interviewerin beim Duell, plädiert trotz allem auch für den TV-Nahkampf. «Ich glaube, ein völliger Verzicht auf das Duell macht keinen Sinn, da es die einzige direkte Konfrontation der beiden Kandidaten ist», sagte die 59-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Was müssen die Moderatoren tun, um einen Mehrwert zu erzeugen? «Richtige Schwerpunkte setzen, klare und relativ kurze Fragen stellen, das Duell ist ein Interview- und kein Talkformat - nachhaken und so weiter», sagte Christiansen. «Aber das wissen die Kollegen alles genauso gut.»

Wer einen realen Mehrwert erzielen möchte, könnte zeitgleich den fast 40 Jahre alten Actionklamauk mit Bud Spencer und Terence Hill gucken, der den Titel trägt, den alle politischen Beobachter am liebsten auch dem TV-Duell geben würden: «Zwei sind nicht zu bremsen.»

Das TV-Duell im Ersten

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