WOCHENEND-INTERVIEW : Caren Miosga: Die Geliebte

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„Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga ist Publikums- und Kritiker-Liebling.

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07. November 2015, 08:00 Uhr

Caren Miosga ist gelungen, was nur ganz wenige schaffen: Publikum und Kritiker lieben die Moderatorin der ARD-„Tagesthemen“ gleichermaßen. Wir unterhalten uns über ihre Größe, die Augenbrauen, eine Anfrage aus Hollywood und – natürlich – die „Tagesthemen“.

Frau Miosga, was meinen Sie, welchen Begriff Google als ersten vorschlägt, wenn man Ihren Namen eingibt?
Schwanger? Das stand zumindest oben, als ich mich zum letzten Mal gegoogelt habe.

Knapp daneben. Es ist „Caren Miosga Größe“.
Wieso das denn?

Kein Ahnung, vielleicht weil ganz viele Leute wissen wollen, wie groß Sie sind?
Das ist ja witzig. In meinem Pass steht 1,71 Meter. Vielleicht bin ich ja schon ein bisschen geschrumpft.

Wenn man liest, was die Kollegen so über Sie schreiben, ist man fast verliebt, bevor man Sie überhaupt kennengelernt hat.
Um Gottes Willen. So ein Quatsch (lacht).

„Mann, ey, ist die sympathisch“ hieß es in der „Zeit“, die „taz“ liebt Ihren Leberfleck und das „Hamburger Abendblatt“ vergleicht Sie mit Mona Lisa.
Wenn das mal nicht ein vergiftetes Kompliment war.

Viel diskutiert sind auch Ihre Augenbrauen. Moritz von Uslar bezeichnete die in der „Zeit“ als „berühmt“, Christine Westermann hat Sie bei „Zimmer frei“ mit den Worten anmoderiert „Die interessantesten Augenbrauen der Republik“. Was ist das Geheimnis Ihrer Augenbrauen?
Ich habe keine Ahnung. Die haben ein Eigenleben und entsprechen nicht der idealen Konformität einer Frau im Fernsehen, die ihre Augenbrauen in der Regel ganz dünn zupft. Das mochte ich nie tun. Früher war es ganz schlimm – da hatte ich solche Waigel-Augenbrauen, bis mich die Fernsehmenschen davon überzeugt haben, dass das so nicht geht (lacht). Was mit ihnen passiert, während ich spreche, habe ich allerdings nicht im Griff.

Sie beschreiben sich selbst als nahezu krankhaft perfektionistisch.
Ja, ganz schrecklich. Ich muss alles immer fünfmal kontrollieren. Allerdings habe ich keine Angst, auch mal etwas zugespitzt so zu formulieren, dass es mir auf die Füße fällt. Aber ich achte wirklich penibel darauf, dass die Fakten wirklich stimmen, da möchte ich mich nicht angreifbar machen. Am allerschlimmsten ist es beim Fußball, weil ich davon wenig Ahnung habe.

Sie können mir also nicht die Abseitsregel erklären?
Doch, das könnte ich zur Not. Aber ich kann Ihnen die Tabelle nicht im Einzelnen runterbeten. Deswegen bin ich beim Fußball ganz besonders penibel, damit die Zuschauer es nicht mitkriegen, dass ich es nicht weiß (lacht).

Ihr optisch spektakulärster Auftritt bei den „Tagesthemen“ war, als Sie im letzten Jahr die Nachricht vom Tode Robin Williams' auf dem Moderationstisch stehend verkündeten. War das Ihre Idee?
Morgens hatte ein Redakteur bei uns diese Idee, weil das schon ganz viele Leute in den sozialen Medien gemacht hatten. Anfangs war das noch eher ein Witz, aber als ich im Laufe des Tages die Moderation schrieb und wir überlegten, welche Fotos wir auf die Wand nehmen, war es mein Wunsch, dass es Bilder aus „Der Club der toten Dichter“ sein müssten. Das war der Williams-Film, der mir am stärksten in Erinnerung war und mich nachhaltig beeindruckt hatte.

Und es war quasi der Absprung auf den Tisch?
Ich telefonierte dann mit dem Kollegen Ingo Zamperoni in Washington, der das Stück dazu machte. Als ich merkte, dass er am Anfang seines Beitrags genau diese Szene zeigen und auf den Film eingehen wollte, gefiel mir das überhaupt nicht – weil ich das selbst so moderieren wollte. Wir haben uns dann ein bisschen lustig gezankt, es entstand eine kurze Pause, und dann habe ich gesagt: Ich mach das einfach.

So kam es also zur überraschendsten „Tagesthemen“-Moderation der letzten Jahre?
Ja, wir hatten das Glück, das wir an diesem Tag in der Redaktion keine Bedenkenträger hatten und der Feuerwehrmann, der sonst im Studio steht, gerade frei hatte (lacht). Anders wäre es nicht möglich gewesen. Wenn wir das von langer Hand vorbereitet hätten, wäre es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz sicher zu versicherungstechnischen Einwänden gekommen.

Also bleibt diese Einlage vermutlich die Ausnahme?
Ja, alles andere wäre ja albern. Ich wurde auch so schon zum Gespött mancher Medien, die sich ausmalten, was ich denn wohl im Studio veranstalten werde, wenn dieser oder jener stirbt. Das soll's nicht sein, deshalb bleibt das eine einmalige Sache zu Ehren eines – wie ich finde – verdienten Mannes.
Als Sie 2007 in den „Tagesthemen“ auftauchten, waren viele Zuschauer ziemlich überrascht. Wie überrascht waren Sie selbst?
Total. Ich hatte mich nicht beworben und ich hatte auch nicht gerade erwartet, dass man mich fragen würde.

Wie politisch waren Sie 2007, als Sie der Lockruf der „Tagesthemen“ ereilte?
Es ist ein Klischee, mit dem ich mich damals schon auseinandersetzen musste. Plötzlich fragten sich alle: Kann die auch Politik? Dabei hatte ich auch die Kulturberichterstattung nie als etwas begriffen, das die Politik ausschließt. Auch „ttt“ hat sich damals schon mit politischen Themen beschäftigt.

Gibt es heute Themen, die Sie manchmal bis in den Schlaf verfolgen?
Die Flüchtlinge. Durch das neue Studio arbeiten wir viel mehr als früher mit Fotos, und wir gucken uns am Tag unendlich viele Bilder an. Und da sieht man dann auch Bilder wie das des toten Jungen am Strand, die man nicht mehr aus dem Kopf kriegt.

Als Alltagsritual taugen die „Tagesthemen“ ja nur noch bedingt – wer um 22.15 Uhr auf ARD schaltet, ist längst nicht jeden Abend bei Ihnen. Mal gibt’s Brennpunkte, dann Themenabend, dann wieder Fußball und schon sind die „Tagesthemen“ weg vom eigentlichen Sendeplatz. Finden Sie das ärgerlich?
Stimmt, unsere Anfangszeiten wabern tatsächlich. Es ist ja gar nicht so lange her, dass wir das Versprechen bekamen und es auch einen entsprechenden Beschluss gab, dass die „Tagesthemen“ zumindest werktags zu verlässlichen Sendezeiten starten sollen. Dass wir längst wieder mehr zur Verschiebemasse geworden sind, haben wir natürlich registriert und auch beklagt. Aber sehen Sie sich mal das „heute-journal“ an – früher galt uns dessen verlässlicher Sendebeginn als leuchtendes Beispiel, mittlerweile ergeht es den Kollegen ganz ähnlich. Das Verschieben ist kein reines ARD-Phänomen mehr, sondern vielfach der Aktualität geschuldet, aber das macht es auch nicht besser.

Könnten Sie eigentlich Wladimir Putin auf Russisch interviewen?
Ja, das würde ich zumindest versuchen.

Welche Frage würden Sie ihm auf jeden Fall stellen?
Im Moment würde mich natürlich interessieren, welche Strategie er in Syrien verfolgt und ob er nur den Preis nach oben treibt, für den er am Ende auch Assad fallen lassen würde.

Haben Sie mal versucht, ihn zum Interview zu kriegen?
Wir haben da eine Daueranfrage laufen, aber ich glaube kaum, dass er es machen wird.

Wie vorsichtig müssen Sie sein, wenn Sie sich politisch äußern?
In meinem Job positioniere ich mich nicht politisch, das kann und darf ich auch gar nicht. Und trotzdem werde ich gerade bei dem Flüchtlingsthema genauso angefeindet wie die Kollegen, die sich beispielsweise in Kommentaren viel stärker positionieren. Auch ich darf Leute, die Asylbewerberheime abfackeln, als barbarisch oder unerträglich bezeichnen, ohne dadurch eine politische Meinung zu äußern.

Ist Ihr Kleiderschrank eigentlich streng getrennt nach „Tagesthemen“ und Privatleben?
Ja, das muss auch so sein. Die Kleidungsstücke, die ich im Fernsehen trage, werden ausschließlich dafür angeschafft. Bei der Auswahl helfen uns Kostümbildner, aber letzten Endes müssen die Sachen ja auch uns gefallen.

Was kommt für Sie nach den „Tagesthemen“?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Es prägt mein ganzes Berufsleben, dass ich nie einen Plan verfolgt habe, den ich abarbeiten müsste. Was ich wahnsinnig gern machen würde – und das ginge sicher auch neben den „Tagesthemen“ - wäre eine Eins-zu-Eins-Gesprächssendung. Wie früher Sandra Maischberger bei n-tv. Gespräche mit Tiefe könnte es im Fernsehen ruhig noch häufiger geben, davon haben wir definitiv zu wenig und so etwas würde mir gefallen.

Worin unterscheidet sich die Sendewochen-Miosga von der Freie-Wochen-Miosga?
Ich habe in freien Wochen ein anderes Tempo und eine andere Temperatur (lacht). Da wird alles ein bisschen langsamer. In meinem Leben gibt es keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern ein Nebeneinander. In der Arbeitswoche bin ich nur morgens zu Hause. Den Rest des Tages arbeite ich und kann mich voll darauf einlassen. Wenn ich frei habe, bin ich vor allem mit meiner Familie zusammen und kann das dann auch entsprechend genießen. Den Freiraum brauche ich aber auch unabhängig von der Familie. Wir takten so hoch in diesem Job, sind 14 Stunden damit beschäftigt, Nachrichten zu produzieren und sprechen über nichts anderes. Da ist es wichtig für den Kopf, auch mal wieder ein paar Tage zurückzutreten und von oben draufzuschauen.

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