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Michael Fischer-Art : Bunt gegen grauen DDR-Beton

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Das einstige DDR-Ferienheim Templin war ein grauer Klotz. Der Leipziger Künstler Michael Fischer-Art taucht den Plattenbau in Farbe

svz.de von
erstellt am 18.Apr.2016 | 21:00 Uhr

Wer sich dem Ahorn Seehotel in Templin nähert, sieht zweimal hin: Über zwölf Etagen erhebt sich am glasklaren Lübbesee ein gelb-orangefarbener Block. Wo die zwei Flügel des 1000-Betten-Hauses aufeinandertreffen, zieren unzählige bunte Köpfe die Fassade. Sie könnten aus einem Comic stammen – die Malweise ist seit 1993 das Markenzeichen von Michael Fischer-Art. Der Leipziger Künstler liebt es, Betrachter mit grellbunten Farben anzulocken.

Fischer-Art reizen besonders Häuserfassaden, wie Beispiele in Leipzig, Dresden, Hannover oder Freiberg zeigen. Kaum ein Künstler weltweit hat so viel Fläche bemalt wie der 47-Jährige, der dem tristen Beton den Kampf angesagt hat. „Ich betrachte ein Gebäude und sehe, was ihm fehlt.“ So gab es für ihn im Sommer vergangenen Jahres kein langes Zögern, als der Inhaber der Ahorn-Hotel-Kette Michael Bob ihn bat, sich den Zwölfgeschosser in Templin vorzunehmen. Gut für den Künstler: „Ich habe Übernachtung und Verpflegung quasi frei Haus.“ Dafür macht er Tag für Tag einen Knochenjob. Sein Antrieb: „Jeder Quadratmeter Sichtbeton, der verschwindet, ist ein Sieg.“

Hoteldirektorin Yvonne Schnell freut sich. „Mittlerweile ist unser Hotel zu einem beliebten Fotoobjekt geworden, nicht nur bei unseren Gästen.“ Schnell hatte einen von Fischer-Art gestalteten Büroblock in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) entdeckt und ihrem Chef davon erzählt.

Die Idee des Künstlers ist es, den Betrachter über die Motive – Sonnenstrahlen, Weltkugel, Paternoster und Blumenranken – einmal um den riesigen Gebäudekomplex herumzuführen. Wer das ausprobiert, erblickt unweigerlich, wie das 1984 erbaute ehemalige FDGB-Ferienheim ursprünglich aussah: grau, trist, fast abstoßend. „Kein Mensch will doch auf diesen Waschkies blicken, schon gar nicht im Urlaub“, sagt Fischer-Art. Er schätzt, dass er noch bis Jahresende an der bunten Verschönerung mit 12 400 Quadratmetern Fassadenfläche zu tun haben wird. Etwa 8,5 Tonnen Acryl-Farbe dürfte er bis dahin verbraucht haben. Gerade mal ein Drittel habe er bisher geschafft.

Der monumentale Komplex ist für den Künstler und die Hotelchefin inzwischen zu einem Gesamtkunstwerk geworden. „Auf der Welt gibt es immer mehr Terror, also bleiben die Menschen in Deutschland, um Urlaub in Ruhe und Frieden zu machen“, begründet der Leipziger sein Engagement. Nicht nur der Fassade wird künstlerisch Farbe verpasst, auch im Inneren finden sich Fischer-Arts Malereien wieder, am großen Brunnen im Foyer, als Wandfries in Restaurants und Bars, als Kunstdruck in jedem Hotelzimmer.

Schnell hat bereits Merchandising-Produkte mit Fischer-Art-Dekor in Auftrag gegeben. Tassen, Kalender, Postkarten, Handtücher und sogar Servietten. Eine Gästebefragung habe ergeben, dass 98 Prozent die bunte Hotelverzierung begrüßten.

Auch in der Stadt wird Fischer-Arts wachsender Farbenrausch beobachtet. „Ich finde es gut. Das belebt den Hotelblock, der zu einem neuen Touristenanziehungspunkt werden könnte“, sagt Christine Splinter, Inhaberin eines Modegeschäfts in der Templiner Innenstadt.

Schnell hat bereits Ideen für die Parkgestaltung des 33 Hektar großen Hotel-Außengeländes. „Dort sollen Fischer-Arts Skulpturen hin, punktuell möchte ich einige auch in der Stadt postieren“, sagt die Hoteldirektorin. Über das Honorar für das Gesamtkunstwerk nach Fischer-Art schweigt sie jedoch lieber.

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