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Interview Cartoonist Uli Stein : Beste Freunde

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Deutschlands erfolgreichster Cartoonist Uli Stein mag Hunde lieber als Menschen.

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Seine Mäuse, Hunde, Katzen und knollnasigen Menschen kennt wohl jeder: Uli Stein ist seit Jahrzehnten Deutschlands erfolgreichster Cartoonist, hat über 12 Millionen Bücher und mehr als 200 Millionen Postkarten verkauft. Seit einiger Zeit konzentriert sich der 70-Jährige verstärkt aufs Fotografieren, hat zuletzt den Bildband „Hunde“ auf den Markt und zeigt in der Ausstellung „Wow, wau“ im Historischen Museum Bielefeld noch bis zum 17. September Hundeportraits und Cartoons. In seiner Villa bei Hannover unterhalten wir uns über Hunde und seine Menschenscheu:

Herr Stein, Hunde ziehen sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben. Was fasziniert Sie so an Ihnen?
Sie sind klug, loyal, freundlich und man kann mit ihnen interagieren. Mit einem Meerschweinchen können Sie das nicht. Ich habe nichts gegen Meerschweinchen, aber Hunde sind für mich was Besonderes. Wir hatten hier auch schon mehrere sogenannte Kampfhunde – Bullterier und American Staffordshire – die waren alle freundlich.

Der letzte Hund, den Sie selbst besessen haben, ist schon über 30 Jahre tot. Warum haben Sie keinen eigenen Hund mehr?
Als „Dino“ tot war, wollte ich die nächsten 20 Jahre erst mal keinen Hund mehr haben. Und jetzt habe ich mich an das hundelose Leben gewöhnt. Ich lebe allein, habe viele Termine, und könnte da nicht immer einen Hund mitbringen. Und wer würde ihn ausführen, wenn ich mit einer Grippe im Bett liege? Aber ich hab ja Fräulein Bruni, die jeden Tag zur Arbeit kommt.

Fräulein Bruni?
Der Hund meiner WA.

WA?
Wunderbare Assistentin. Die kennt sich mit Hunden sehr gut aus und hat auch die meisten Hunde für das Fotobuch gecastet. Wenn sie zur Arbeit kommt, ist Fräulein Bruni immer dabei. Die beiden sind in der Hundeschule und im Trail-Kursus, darüber kennt sie Gott und die Welt und natürlich auch jede Menge Hunde.

Wie kommt es, dass Sie jetzt Hunde fotografieren, nachdem Sie sie jahrzehntelang gezeichnet haben?
Es fing vor drei Jahren mit einem kleinen Hund an, den ich im Ort gesehen habe, als ich beim Italiener auf der Terrasse saß. Ein toller Hund mit ganz eigenartigen Ohren. Ich dachte: Wenn jetzt der Besitzer rauskommt, dann frage ich ihn mal, ob ich seinen Hund fotografieren darf. In dem Moment kommt aber der Ober, ich gebe meine Bestellung auf, dreh mich um – und der Hund ist weg. Zum Glück hatte ich vorher noch mit dem Handy ein Foto von ihm gemacht. Damit bin ich wochenlang durch alle möglichen Läden und habe gefragt, ob jemand den Hund kennt – vergeblich. Aber dann hatte meine WA die gute Idee, doch mal bei den Tierärzten zu fragen. Und gleich die erste Tierärztin sagte dann: Ja, den Hund kenn ich, das ist unsere Donna. Sie hat dann den Kontakt zu den Besitzern gemacht, und jetzt ist Donna das Titelbild auf dem Buch.

Im Vorwort Ihres Buches schreiben Sie, dass Sie eher einen Hund als sein Herrchen aus einem brennenden Haus retten würden.
Ja, da kann man nichts verkehrt machen.

Sind Ihnen Hunde die besseren Menschen?
Ja, die sind von Natur aus eine gute Seele. Bei Menschen würde ich das vehement bestreiten. Wenn ein Hund Sie beißt, tut er das nicht, weil er ein böser Hund ist, sondern weil ihm das beigebracht wurde. Den sogenannten Kampfhunden, die ich hier hatte, wurde das nicht beigebracht, entsprechend freundlich waren sie auch.

Fremdeln Sie mit den Menschen?
Es geht. Ich mag keine Menschenansammlungen. Alles was über fünf hinausgeht, ist mir suspekt. Im Stadion schon mal gar nicht.

Sie sind doch Fan von Hannover 96.
Seit 1964, damals sind sie in die Bundesliga aufgestiegen. 1963 wurde die Bundesliga gegründet, und da durften wir nicht mitmachen, weil uns Braunschweig vorgezogen wurde. 1964 sind wir dann aufgestiegen. Damals bin ich sogar noch zu Auswärtsspielen gefahren.

Und seit wann gehen Sie nicht mehr ins Stadion?
Mitte der Siebziger. Meine Fahne von damals habe ich aber immer noch.

Und den Schal habe ich auch schon im Flur hängen sehen.
Den trage ich, wenn’s kalt ist. Und die Fahne hole ich ab und zu mal runter. Wir nennen sie die Gesegnete, bei wichtigen Spielen wird sie hier unten ausgelegt. Fußball gucke ich schon mit ein paar Freunden zusammen, aber eben nicht im Stadion.

Ins Fernsehen gehen Sie ja schon lange nicht mehr und Interviews geben Sie auch nur höchst selten. Warum sind Sie so zurückhaltend? Sie könnten doch auch dreimal im Jahr in einer Talkshow sitzen.
Das fehlte mir noch. Ich habe meiner Agentin seit 20 Jahren striktes Fernsehverbot erteilt und ich will auch gar nicht wissen, wer da anfragt. Das klappt sehr gut. Und ich muss auch nicht dauernd in der Zeitung sein. Es muss doch furchtbar sein, wenn man so bekannt ist wie meinetwegen Boris Becker und nicht einmal eine Bratwurst essen kann, ohne dass die Leute ihre Handys ziehen und einen fotografieren. Nein, das brauche ich wirklich nicht.

Es gibt noch einen Uli Stein, den ehemaligen Nationaltorwart. Haben Sie den mal kennengelernt?
Wir haben vor langer Zeit mal eine Partie Tipp-Kick gespielt. Er hatte ein Buch geschrieben und stellte es auf der Buchmesse vor, wo ich auch war. Der Verlag hatte dann die Idee, dass wir Tipp-Kick spielen.

Wer hat gewonnen?
Uli Stein. Aber der andere. Ich kannte das Spiel ja gar nicht.
Sie sind Cartoonist geworden, nachdem Ihnen ein Berufsberater vom Journalismus abgeraten hatte. Warum hat er das getan?
Brotlose Kunst – das waren seine Worte. Anfang der Sechzigerjahre war das. Um Gottes Willen, die sitzen alle auf der Straße, meinte er. Werden Sie doch Lehrer. Da haben Sie nachmittags frei und können schreiben, so viel Sie wollen. Und dann noch die Ferien, das reicht für ganze Romane. Da lag er wohl nicht ganz richtig – zumindest heute haben’s die Lehrer richtig schwer.

Immerhin haben Sie dann in Berlin ein Lehramtsstudium aufgenommen.
Ja, aber ich irgendwann gemerkt, dass mir das Dasein als Lehrer keinen Spaß machen würde, obwohl ich in Hannover sogar noch mein Praktikum in der Schule gemacht habe. Kurz vor dem Examen habe ich mich selbst dann sehr ernsthaft hinterfragt: Wenn Du das jetzt machst, würdest Du wirklich an die Schule gehen? Und ich war mir hundertprozentig sicher: Nicht einen Tag. Also brauchte ich auch nicht weitermachen. Dazu kam: Ich schrieb damals Texte für den Rundfunk und verdiente schon mehr, als ich als Lehrer bekommen hätte.

Wie und warum sind Sie vom Schreiben aufs Zeichnen umgestiegen?
Das war etwa zwei Jahre später. Ich war das Schreiben mit diesen langen Dialogen ein bisschen leid geworden und habe festgestellt, dass man komische Szenen im Cartoon eines Moments explodieren lassen kann und gar nicht die ganze lange Geschichte schreiben muss. Wobei ich heute noch immer auch über die Sprache komme. Cartoons ohne Worte habe ich fast nie gemacht.

Sie haben mit Auto-Cartoons angefangen?
Ja. Das war relativ einfach, denn ich konnte anfangs ja keine Proportionen zeichnen. Aber jemanden in ein Auto setzen, dessen Kopf dann rausguckt, das ging schon. Und einen Polizisten neben dem Auto erscheinen zu lassen, ging auch.

Zu den ersten Blättern, die Ihre Cartoons abgedruckt haben, gehörten die „St. Pauli Nachrichten“, das war damals so eine Schmuddel-Postille.
Ja ja. Damals durften ja noch keine nackten Menschen in den Zeitungen gezeigt werden, aber die haben sich da irgendwie immer drüber hinweggesetzt, da gab’s Titten ohne Ende. Das war ein lustiges Team und eine lustige Zeit.

Mittlerweile haben Sie über 12 Millionen Bücher und mehr als 200 Millionen Postkarten verkauft. Wie erklären Sie sich selbst diesen Wahnsinnserfolg?
Es hat den Leuten anscheinend gefallen, mehr wüsste ich jetzt auch nicht dazu zu sagen. Und wenn ich’s wüsste, würde ich es natürlich auch für mich behalten. Es hat sicher viel damit zu tun, dass ich immer ein fleißiger Mensch war.

Stimmt es auch, dass Sie farbenblind sind?
Ich habe eine Rot-Grün-Sehschwäche, die klassische Männerfarbenblindheit. Aber das macht ja nichts, auf meinen Stiften steht ja „rot“ und „grün“ drauf. Ich arbeite nach wie vor mit Bleistift und Radiergummi auf Papier, dann wird es eingescannt und meine Assistentin koloriert es.

Gibt es Situationen, in denen Ihnen die besten Ideen kommen?
Im Liegen. Wahrscheinlich durchblutet das Gehirn im Liegen besser. Auf jeden Fall liege ich gerne, wenn ich nachdenke. Manchmal lese ich auch noch zwei, drei Stunden in meinem iPad, wenn ich im Bett liege.

Politische Karikaturen haben Sie nie gezeichnet?
Ein einziges Mal habe ich mich mal eingemischt. Damals hatte die SPD beteuert, dass sie die Mehrwertsteuer nicht erhöhen würde, und als sie drankamen, gab’s die größte Mehrwertsteuererhöhung aller Zeiten. Damals habe ich im Landtagswahlkampf für Christian Wulff Partei ergriffen.

Gibt’s auch Figuren, an denen Sie sich immer schon die Zähne ausgebissen haben?
Eigentlich nicht. Aber Pferde sind schwer, ich kann keine Pferde.

Sie haben mal gesagt „Ein Künstler geht nicht in Ruhestand, er stirbt“. Heißt das, dass wir noch einiges von Ihnen erwarten können?
Ich denke schon. Ich habe ja mein ganzes Leben lang immer drei Sachen gleichzeitig gemacht: Geschrieben, gezeichnet und fotografiert.

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