WOCHENEND-INTERVIEW: Michael Stich : Beruf: Menschenfreund

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Für sein zweites Lebensthema erhielt Ex-Tennisstar Michael Stich den Courage-Preis.

svz.de von
26. September 2015, 08:00 Uhr

Er hat seine Sportkarriere früh beendet – und das nie bereut. Schon früh hatte Wimbledon-Sieger Michael Stich sein zweites Lebensthema gefunden, die Unterstützung HIV- und Aids-betroffener Kinder.

Sie haben eine schöne Berufsbezeichnung. Sie nennen sich „Philanthrop“.
Ja, das ist doch ein schönes Wort. Die machen alles und können nichts.

... und sie sind Menschenfreunde.
Das bin ich auch. Nicht immer, aber meistens.

Sie haben im Tennis-Leben viele besondere Glücksmomente erlebt. Gibt es heute etwas, das die Intensität eines Wimbledon-Sieges hat?
Ich bin nicht aktiv auf der Suche nach Glücksmomenten, weil ich glaube, dass sie sich einfach ergeben. Und oft erkennt man sie erst hinterher. Wenn ein Event meiner Stiftung fantastisch läuft oder ich Feedback von Kindern kriege, denen wir helfen, ist das schön. Auf diese Erfolge plant man hin, deshalb ist der Überraschungsmoment nicht so groß.

Viele erfolgreiche Tennisspieler gestalten ihr Leben nach dem letzten Turnier nicht besonders glücklich. Ist das ein spezielles Sportler-Phänomen?

Ich glaube, dass es eher etwas ist, das erfolgreiche Menschen trifft. Da können Sie auch jemanden aus der Wirtschaft nehmen, Zumwinkel oder Middelhoff.

Die sind nicht so jung wie Tennisspieler am Ende ihrer Karriere.
Das stimmt. Wir haben unsere Karriere von 20 bis Mitte 30. In dieser Zeit ist man sehr erfolgsverwöhnt und nistet sich darin auch ein bisschen ein. Wenn der Sport vorbei ist, wird alles auf Null gestellt. Also muss man etwas anderes finden. Sport ist überschaubar: Ich gehe auf den Platz, spiele zwei Stunden, habe ein Ergebnis. Im Geschäftsleben starte ich ein Projekt, das Jahre dauern kann. Sich daran zu gewöhnen ist schwer.

Sie haben nach ihrem ersten Lebensthema Tennis auch ihr zweites früh gefunden, für das Sie den Bad Iburger Courage-Preis erhalten haben. Was war mit Mitte 20 der Anlass, sich speziell um HIV-betroffene und HIV- oder aidskranke Kinder zu kümmern?
Anlass war eine Pressekonferenz in München beim Compaq-Grand-Slam-Cup, einem mit zwei Millionen Dollar dotierten Turnier, das ich 1992 gewinnen konnte. Ein Journalist fragte mich, was ich denn jetzt an Charity machen würde. Ich war damals 24 und hatte noch nicht wirklich darüber nachgedacht. Danach schon. Daraus ist der Gedanke der eigenen Stiftung entstanden. Nicht wissend, was dies für das Leben bedeutet. Das Thema Kinder war klar, weil Kinder die Zukunft der Welt sind. Dann kam die Suche nach einem Thema. Da gab es Krebs, seltene Autoimmunkrankheiten, und irgendwann kam es zum Thema Aids. Ich habe mir immer Themen gesucht, die nicht sehr gesellschaftskonform oder bequem sind. Aids gehört dazu. Und ich wusste nichts über diese Krankheit, also kam mein eigenes Interesse, etwas zu lernen, dazu. 1994 wurde die Stiftung dann gegründet.

HIV scheint nicht mehr so dramatisch, es gibt Medikamente. Wie groß ist die Problematik noch?
Die Lebenserwartung hat sich zwar verbessert. Wenn man aber mit Betroffenen spricht, die an der Krankheit leiden, Medikamente nehmen und damit leben müssen, ist das natürlich nicht so. Die Medikamente wirken nicht bei allen, und die Nebenwirkungen sind immens und schränken das Leben ein. Nichtsdestotrotz geben sie vielen die Chance, eigene Familien zu gründen und nicht-infizierte Kinder zu haben. Als ich vor 20 Jahren anfing, wurden die Kinder nie älter als 18 Jahre. Heute können sie eine Berufsausbildung machen und eine Familie gründen. Das ist toll. Aber wir sind auch ein Industriestaat. Wenn wir über Entwicklungsländer reden, ist HIV/Aids die schlimmste Seuche, die es je gab.

Was leistet Ihre Stiftung?
Die Grundidee ist es, Kindern ein Lachen zu schenken, Soforthilfe zu betreiben. Da geht es wirklich um das Kinderbett, die Winterjacke, den Schulranzen, den Urlaub auf dem Bauernhof, den Besuch bei der Oma. Es sind Alltagswünsche, die die Kinder ein bisschen aus ihrer schwierigen Lebenssituation herausholen. Es ist aufgrund der veränderten medizinischen Bedingungen auch so, dass wir mal einen Führerschein für einen Jugendlichen finanzieren, damit er zu seiner Lehre kommt. Mein Traum ist es, dass eines der Kinder Medizin studiert, sich für das Thema engagiert und weitergibt, was es selbst erlebt hat. Dass sich der Kreis schließt. Der zweite Baustein ist seit acht Jahren die Prävention. Wir haben in Hamburg ein großes Projekt, bei dem wir mit Medizinern in Schulen gehen und Kinder und Jugendliche über HIV und Aids aufklären. Das Ganze ist mit einem Theaterstück gekoppelt, das beschreibt, wie es ist, wenn man sich mit Anfang 20 bei ungeschütztem Sex infiziert. Da begreift man, die Krankheit verschwindet nicht einfach. Und wir erleben, dass die Jugendlichen extrem schlecht aufgeklärt sind. Mehr denn je, weil HIV ja scheinbar kein Problem mehr ist.

Auf Ihrer Homepage fand ich die Geschichte von Sofia, einem HIV-infizierten Kind, das nicht mehr am Ballettunterricht teilnehmen durfte und aus dem Musikunterricht ausgeschlossen wurde. Hat sich in den letzten 20 Jahren so wenig getan?
Denken wir mal an die Angst vor Flüchtlingen. Angst kommt daher, dass sich die Menschen nicht damit beschäftigen wollen. Sie verharren bei Vorurteilen: Jeder, der herkommt, ist erstmal ein Dieb, ein Verbrecher, anstatt zu sagen: „Okay, lasst mich doch die Menschen mal kennenlernen. Am Ende sind das Menschen wie du und ich.“ Wenn sie sich dann falsch verhalten, kann man sie dafür zur Verantwortung ziehen. Natürlich hoffe ich, dass es irgendwann einen Impfstoff oder ein Heilmittel gegen HIV gibt – ich werde es wohl nicht mehr erleben. Aber wir sollten doch in der Lage sein, wenn am Tisch sechs Leute sitzen und einer wäre dabei mit HIV, dass wir sagen können: „Mensch, ist ja doof. Wie geht’s dir? Was kannst du machen?“ Man nimmt dieselbe Wasserflasche, dasselbe Wasserglas, und das spielt keine Rolle, denn es spielt wirklich keine Rolle. Aber von einem normalen Umgang sind wir weit entfernt.

Sie finanzieren Milch für Babys, damit sie sich nicht bei ihren HIV-infizierten Müttern infizieren. Das sind Probleme, auf die man nicht kommt.
Einer der Infektionswege ist das Stillen. In westlichen Staaten ist das Risiko klein, wenn jemand medikamentös gut eingestellt ist, ist die Virenlast sehr gering. Aber es bleibt ein Risiko. Das Naheliegendste ist deshalb, nicht zu stillen. Aber ein HIV-Test in der Schwangerschaft ist leider nicht verpflichtend, sondern freiwillig, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Schwangere Frauen werden auf alles mögliche getestet, nur auf HIV nicht, weil die Ethikkommission sagt, das ist eine freiwillige Entscheidung der Mutter, ob sie wissen möchte, ob sie infiziert ist oder nicht. Aber es geht rein um die Gesundheit des Kindes. Jedes Kind hat das Recht, gesund auf die Welt zu kommen. Wenn man weiß, dass eine Mutter infiziert ist und entsprechende Maßnahmen ergreift, liegt die Wahrscheinlichkeit bei fast 99 Prozent, dass das Kind gesund zur Welt kommt. Daran sieht man, wie weit entfernt wir davon sind, die Krankheit sozial und gesellschaftlich zu akzeptieren. Das ist schon sehr schräg.

Wie viel Kontakt haben Sie zu den betroffenen Familien?
Am Anfang wesentlich mehr. Wenn ich aber mit einem Kind einen schönen Tag beim Tennis verbracht und drei Monate später den Umschlag mit dem schwarzen Rand bekommen habe, dann ging es mir sehr nahe, und ich habe gemerkt, dass ich das auf Dauer nicht kann. Deswegen habe ich versucht, mich ein bisschen zu distanzieren. Nicht so, dass ich mit den Menschen nichts zu tun habe, sondern so, dass ich nicht jedes einzelne Schicksal an mich heranlasse. Ich arbeite eng mit Institutionen zusammen, zum Beispiel der Berliner Charité. Dort betreuen wir seit 16 Jahren eine Gruppe von Kindern, die jetzt Abitur machen oder eine Ausbildung zum Koch, einer will Fußballprofi werden.

Sie sammeln Kunst. Welche Künstler finden Sie interessant?
Klassiker wie Polke, Richter oder Irmi Knoebel, jetzt auch eine Jorinde Voigt. Da gibt es auch die Berliner Künstler Tanja Rochelmeyer, Christian Awe. Das geht schon querbeet. Es ist sehr schwer, junge Künstler zu entdecken, nicht ob man sie mag oder nicht, das ist ja sehr subjektiv, aber zu sehen, ist das Qualität oder nicht. Und wer entscheidet, was Qualität ist oder nicht? Mir macht das großen Spaß.

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