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Interview Jürgen Werner : Beim Schreiben wie auf Droge

vom
Aus der Onlineredaktion

Von „Tatort“ bis „Traumschiff“ – Jürgen Werner liefert die Drehbücher.

Er ist der Quotenkönig unter Deutschlands Drehbuchautoren. Ganz gleich ob „Traumschiff“, „Um Himmels Willen“ oder „Tatort“ – Jürgen Werner bedient die zuschauerträchtigsten TV-Formate. Für das Krimi-Flaggschiff der ARD hat er das Dortmunder Team um den sperrigen Kommissar Faber erfunden, am Sonntag läuft die Kölner Folge „Wacht am Rhein“ aus seiner Feder. Dabei ist ihm der Erfolg alles andere als in den Schoß gefallen.

Herr Werner, „Tatort“ und „Traumschiff“ – mit Ihren Drehbüchern bedienen Sie die erfolgreichsten fiktionalen Formate im deutschen Fernsehen. Dabei hat Ihr beruflicher Werdegang nicht unbedingt auf direktem Weg dahin geführt.
Nicht wirklich. Ich habe erst die Mittlere Reife gemacht, dann eine Lehre als Fernmeldeelektroniker und schließlich das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Anschließend habe ich einige Semester Luft- und Raumfahrttechnik studiert und währenddessen in einer Buchhandlung gejobbt. Dadurch bin ich mit Büchern in Berührung gekommen, habe an ein paar Märchenbüchern mitgeschrieben und als freier Mitarbeiter für die Waiblinger Kreiszeitung geschrieben.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie wussten, dass Sie als Autor Ihren Lebensunterhalt verdienen wollen?
Meine damalige Freundin verließ mich. An dem Abend hatte ich dann die Wahl mich zu betrinken oder ein Märchen zu schreiben. Der Buchhändler, für den ich gejobbt habe, hatte kurz zuvor ein Märchenbuch heraus gebracht. Märchen für Erwachsene waren damals in. Das Märchen war am nächsten Morgen fertig, ich immer noch nüchtern, es wurde gedruckt und ich war von da an süchtig danach zu schreiben. Wenn ich etwas im Fernsehen gesehen hatte, habe ich ein Drehbuch geschrieben, es dem Sender geschickt – und wieder zurückbekommen. Eine Serie, die hieß „Hallo Onkel Doc“, allein da waren es drei Drehbücher. Alle wurden abgelehnt. Dann habe ich gesagt: Okay, versuch ich es eben woanders. Mit demselben Ergebnis.

Ganz schön dicke Bretter haben Sie da gebohrt.
Schreiben war wirklich wie ein Rausch für mich. Ich bin irgendwann mal in die Bretagne gefahren und kam nach 14 Tagen mit einem 300-Seiten-Roman zurück. Der war grauenvoll, unendlich schlecht, aber ich habe ihn bis heute aufgehoben (lacht).

Hat es Sie denn nicht frustriert, dass Sie Ihre Drehbücher immer wieder zurückbekamen?
Ich hab da gar nicht darüber groß nachgedacht oder mir die Dinge manchmal einfach schön geredet. Von einem Berliner Produzenten bekam ich es sogar schriftlich, dass ich mir einen anständigen Beruf suchen soll, weil ich fürs Drehbuchschreiben absolut nicht talentiert sei. Irgendwann hatte dann jemand Erbarmen und schlug mich für die Autorenförderung beim ZDF vor. Das habe ich ein Jahr gemacht und dann versucht, für Serien zu schreiben – hat auch nicht geklappt. Ich habe daraufhin bei der Bavaria als Assistent des Script-Editors angefangen, darunter kommt nur noch derjenige, der die Sprudelkisten schleppt. Den Kistenschlepper kenne ich immer noch, der ist heute Produzent (lacht). Von da an ging’s dann langsam los.

Was war dann der erste Film nach einem Drehbuch von Ihnen, den man im Fernsehen sehen konnte?
„Für alle Fälle Stephanie“, danach kam „Freunde fürs Leben“, „Alphateam“ und schließlich der größte Glücksfall meines Lebens: „Forsthaus Falkenau“. Das wurden dann 100 Folgen am Stück. Jede einzelne Folge selbst geschrieben. Mein Lebenswerk! (lacht)

2008 kam dann der „Tatort“, da haben Sie ja nicht nur für Köln und Dortmund, sondern auch einmal für die Münsteraner und dreimal für Lena Odenthal geschrieben. Warum nicht mehr?
Münster können Jan Hinter und Stefan Cantz einfach besser und mit Lena Odenthal hat es nie so richtig funktioniert. Ich weiß nicht warum, aber den Schuh muss ich mir anziehen. So richtig gut wurde keiner.

Mittlerweile schreiben Sie Drehbücher nicht nur für den „Tatort“, sondern auch fürs „Traumschiff“, die ja in der Regel gegeneinander antreten.
Dazu ist es leider noch nicht gekommen. Ich hab’s zwar schon geschafft, dass zwei Filme nach meinen Büchern in ARD und ZDF gleichzeitig gezeigt wurden, aber noch nicht „Tatort“ und „Traumschiff“.

Im fiktionalen Fernsehen sind diese beiden Formate so ziemlich die größtmöglichen Gegensätze. Wie kriegen Sie das hin, beide Formate zu bedienen?
Drehbuchschreiben ist ja keine Raketenwissenschaft, sondern Handwerk. Ich habe mit Soaps angefangen, mich dann durch die Instanzen hochgedient, viele verschiedene Vorabendserien, ZDF-Sonntagsfilme und ARD-Fernsehspiele gemacht. Wenn man sein Handwerk richtig lernt, kann man dann auch die einzelnen Genre. Sie bringen ja auch nicht Ihr Auto in die Werkstatt und müssen sich dann vom Mechaniker sagen lassen, er kann nur die Bremse vorne rechts reparieren und den Ölwechsel machen, für den Rest müssten Sie sich jemand anderen suchen. Den würden Sie sich auch fragen, hat der Mann wirklich seinen Beruf gelernt?

Können Sie parallel arbeiten, also vormittags ein paar Seiten „Tatort“ und nachmittags ein paar Seiten „Traumschiff“ schreiben?
Man schreibt ja in der Regel nicht an einem Drehbuch. Oft ist eines kurz vor dem Dreh, im anderen steckt man mittendrin und dazu entwickelt man das nächste Exposé. Aber morgens Tatort, nachmittags Traumschiff, das geht nicht. Jedenfalls kann ich das nicht, andere vielleicht schon. Auf jeden Fall fällt es leichter vom Tatort zum Traumschiff zu wechseln, als umgekehrt. Beim „Traumschiff“ kommt man eher in eine blumige Sprache, da hört man ständig die Geigen. Dann tut ein wenig Realismus ganz gut, Der „Tatort“ ist dagegen die E-Gitarre. Da muss man aufpassen, dass es dann nicht zu blumig wird.

Welche Unterschiede gibt’s noch?
Beim „Tatort“ lässt man dem Zuschauer und den Schauspielern mehr Raum, selbst Lücken zu füllen oder den Gefühlen nachzuspüren. Beim „Traumschiff“ würde ich dem Schauspieler den Satz „Du, ich fühle mich heute schlecht“ ins Drehbuch schreiben, im „Tatort“ schreibe ich eine Regieanweisung: Schauspieler A schaut Schauspieler B an, der spürt, dass der andere sich schlecht fühlt. Und der Zuschauer sieht das dann auch, kann mitfühlen. Jörg Hartmann, der im Dortmunder „Tatort“ den Faber spielt, kann mit einem Blick eine halbe Drehbuchseite Dialog erzählen. Das ist schon ganz große Kunst.

Am Neujahrstag sollte es mit „Sturm“ eigentlich einen Dortmunder „Tatort“ geben. Der wurde wegen eines Terroranschlags am Ende des Films von der ARD verschoben. Aus Rücksicht auf die Opfer und Hinterbliebenen des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentats. Hat Sie das überrascht?
Das ist die Entscheidung des Senders. Die Verantwortlichen werden sich das sicher genau überlegt haben. Die wissen schon was sie tun und warum sie es tun. Ich war am anderen Ende der Welt, als es passiert ist. Aber ich war beeindruckt, wie die Berliner das verarbeitet haben, dass der Weihnachtsmarkt zwei Tage nach dem Anschlag wieder geöffnet wurde. Das war ein wichtiges Signal, dass man sich von diesen Leuten nicht terrorisieren lässt. Jedes Signal, in dieser Richtung, ist wichtig.

Wird man durch solche Sachen auch als Drehbuchautor vorsichtig? Hat man irgendwann eine Schere im Kopf?
Man darf beim Schreiben über so etwas nicht nachdenken. Es interessiert mich nicht, ob ich politisch korrekt bin oder sympathisch rüberkomme. Ich versuche so zu schreiben, dass es auch mal wehtut.

Für den Dortmunder „Tatort“ haben Sie die ersten fünf Folgen geschrieben, mittlerweile ist es jede zweite. Würden Sie ihn als ihr Baby bezeichnen?
Ich betrachte ihn als mein Baby, das ich dann aber als junges Kind in andere Hände gegeben habe. Es war eine tolle Erfahrung und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das machen konnte. Der Sender hat mir ja nicht nur die Chance gegeben, einen neuen „Tatort“ zu entwickeln, sondern auch noch die ersten fünf Folgen zu schreiben. Jetzt hat der Dortmunder Tatort viele Väter und Mütter.

Haben Sie in diesem Jahr schon am Schreibtisch gemordet?
Ich morde gerade (lacht). Morgen ist Drehbuchbesprechung für den nächsten Dortmunder „Tatort“, der sehr schräg wird. Und auf der Zugfahrt nach Berlin habe ich an der Reihe „Kripo Bozen“ gearbeitet, da habe ich unterwegs einen umgebracht (lacht).

Ihr erster „Tatort“...
...war ein Kölner. Der hieß „Verdammt“. Damals hat man mir das Thema vorgegeben: Pädophile. Da muss man nicht lange über gut und böse verhandeln, aber gerade weil die Fronten zwischen richtig und falsch so klar sind, war es eine schöne Herausforderung, diese klaren Fronten dann doch irgendwie verschwimmen zu lassen, politisch unkorrekt zu sein. Der Zuschauer muss den Drehbuchautor ja nicht mögen, er möchte gut unterhalten werden. Und ich finde, dazu gehört auch, sich mal so richtig über die Haltungen der Figuren zu ärgern. Was für einen Mist der Autor da schreibt!

Wird Ihnen das Thema des „Tatorts“ immer vorgegeben?
Nein, überhaupt nicht. Ich sammle Themen und stelle die meiner Produzentin und der Redaktion vor. Die sagen dann, das interessiert uns und das nicht, das ist für Köln geeignet, das für Dortmund. Oder es entwickelt sich aus dem Gespräch heraus eine völlig neue Idee.

Wenn Themen die Schlagzeilen beherrschen, dauert es meist nicht lange, bis sie im „Tatort“ auftauchen.
Und im Moment sind es eben Flüchtlinge und Terrorismus. Das beherrscht derzeit alles, jede zweite Schlagzeile, da fällt es einem schwer, Themen fernab von allem zu finden.

In „Wacht am Rhein“ geht es um kriminelle Nordafrikaner in Köln. Das war doch seit der Silvesternacht vor einem Jahr absehbar.
Das Drehbuch wurde schon vor anderthalb Jahren entwickelt. Ich hatte damals über Bürgerwehren gelesen. Und ich habe Youtube-Videos über das Maghreb-Viertel in Düsseldorf gesehen. Da wurden marokkanische Drogendealer festgenommen und die marokkanischen Einzelhändler sagten: „Richtig so. Ich war mal stolz und wurde hier respektiert. Und dann kommen die und machen alles kaputt.“ Das fand ich als Thema sehr interessant. Es ist eben nicht so einfach – hier die guten Deutschen und da die bösen Ausländer. Irgendwann ist das Buch dann von der Wirklichkeit eingeholt worden.

Es gibt übrigens einen Fehler in „Wacht am Rhein“: Der Film spielt im Sommer 2016, aber irgendwann spricht jemand im Radio über den Wahlsieg von Donald Trump. Der ist aber erst im November 2016 gewählt worden.
Da wurde im Nachhinein noch ein Text eingearbeitet. Wenn ich den Satz vor über einem Jahr bereits ins Drehbuch geschrieben hätte, wäre ich ab jetzt Hellseher von Beruf (lacht).


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