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Sänger Clueso im Interview : Aus dem Bauch heraus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sänger Clueso über seinen Weg an die Chartspitze

In diesem Jahr hat sich bei Sänger Clueso – bürgerlich Thomas Hübner – einiges verändert. Der 36-Jährige hat sich von seiner Band getrennt und wagt musikalisch wie auch privat einen Neuanfang. Mit dem gleichnamigen Album ging er direkt auf Platz eins der Charts. Wie seine Umgebung auf diesen Drang nach Veränderung reagiert hat und was sein Opa für seine Karriere bedeutet, verrät er im Interview.

Clueso, was würden Sie einem 18-Jährigen raten, der Ihnen erzählt, dass er seine Banklehre abbrechen will?
(Lacht) Dann sage ich juhu, willkommen in meiner Welt! Es klingt vielleicht blöd, aber es gibt manche Menschen, bei denen ich denke, dass es gut ist, wenn sie ein paar Referenzen auf dem Papier haben. Es gibt aber auch Leute, bei denen ich denke: „Du brauchst gar nichts, außer dass du auf deine Lebensenergie hören musst.“ Mach und probiere aus. Ich würde individuelle Tipps geben und gucken, was für ein Mensch da vor mir ist.

Was haben Ihre Eltern damals zu dem Entschluss gesagt, die Friseurlehre abzubrechen und stattdessen mit Ihrem besten Freund, der ebenfalls seine Lehre abgebrochen hatte, in eine WG zu ziehen? Für gewöhnlich sind Eltern da ja nicht so begeistert.
Nein, aber das hätten sie ahnen können, weil ich die Jahre davor nichts anderes gemacht habe. Wenn man es dann wirklich ausspricht, sind sie doch geschockt, weil sie denken: „Der macht das ja wirklich.“ Und natürlich haben Eltern dann Angst. Eine bessere Idee für mich hatten sie auch nicht. Aber das bitte auf keinen Fall. Bitte jetzt nicht Rapper werden (lacht). Aber ich musste Musik machen, das hat mich einfach gerufen.

Hatten Sie nie Existenzängste?
Doch, ich hatte starke Existenzängste am Anfang. Ich habe mich nie verstanden gefühlt (lacht). Ich habe geglaubt, dass die Welt mich irgendwann verstehen muss. Ich bin damals nach Köln gezogen und habe mir vorgenommen, dass ich irgendwann mal im 672 spielen will. Das war der kleinste Laden in Köln. Da müssen doch irgendwann mal Leute kommen. Und dieser Gedanke wächst jedes halbe Jahr.

Sind Sie mit der Erwartungshaltung einer Nummer eins an das neue Album „Neuanfang“ gegangen?
Wenn das Album rauskommt, will ich schon, dass es in den oberen Rängen mitspielt. Als ich angefangen habe, gab es gerade bei diesem Album gar keine Ziele, nur dass ich mich austoben kann. Gegen Ende des Albums merkt man dann: „Oh ich habe jetzt acht, neun geile Songs, was brauche ich denn noch?“

Im letzten Jahr gab es einige Neuanfänge für Sie, was hat sich alles verändert?
Ich bin den Druck los, dass ich von vielen Musikern die Zukunft bilden muss. Als ich vor einem Jahr anfing zu überlegen, ob ich verreise oder ob ich ein „kleines Album“ mache, habe ich gemerkt, dass mich das unter Druck setzt. Ich arbeite jetzt mit einigen alten und mit neuen Leuten zusammen. Die haben dann aber noch was Eigenes und sind nicht komplett abhängig von mir.

Wie kam es zu diesem Wunsch nach einem kompletten Neuanfang?
Ich habe es nicht an einem Tag gemerkt. Ich musste einfach in mich hineinhorchen, ob ich meinen Musikern ein neues Versprechen geben kann. Das wollte ich irgendwie nicht. Diese Situation hat die Leute natürlich unsicher gemacht, weil die ihr Leben planen mussten. Ich habe gemerkt, dass ich an vielen Stellen in meinem Leben etwas verändern muss. Ich bin aus meiner WG ausgezogen – die gibt es natürlich noch, und ich fahre da auch noch hin, weil mein Studio dort ist. Deswegen ist das Feeling, wenn ich Musik mache, eigentlich noch wie vorher. Aber ich schlafe nicht mehr nebenan.

Warum ging der Auszug aus Ihrer WG mit diesem Neuanfang einher?
Vielleicht war diese Trennung ein weiterer Schritt zum Erwachsenwerden. Es war jetzt an der Zeit, allein zu wohnen, auf die Arbeit zu fahren und nicht den Wahnsinn neben dem Bett stehen zu haben. Meinen Computer, meine Gitarren, mein Piano.

Wie wohnen Sie jetzt?
In einer eigenen Wohnung, aber immer noch in Erfurt. Ich freue mich dann heimzukommen, die Tür zuzumachen und für mich zu sein. Auf die Arbeit fahre ich mit dem Klapprad.

Und den Haushalt müssen Sie jetzt allein machen, vorher konnte man das ja auf sieben Köpfe verteilen.
Das ist das Schöne: Niemand hat Schuld außer mir. Und wenn ich jetzt nach Hause stürme, nur eine Nacht da bin, einkaufen gehe und den Kühlschrank vollmache, weil ich Lust habe zu kochen, dann merke ich, dass ein voller Kühlschrank für einen Tag nichts bringt – das merke ich dann nach anderthalb Wochen (lacht laut).

Wie oft schaffen Sie es, Ihre Freunde und Familie zu sehen?
Im Moment schaffe ich es nicht sehr oft, im eigenen Bett zu schlafen. Aber wenn ich da bin, versuche ich meine Familie zu sehen. Ich war jetzt einen Tag da, da war ich mit meinem Bruder essen. Nächstes Mal ist Opi dann wieder dran.

Was bedeutet Ihr Opa für Ihre Karriere?
Mein Opa ist ein starkes Vorbild für mich. Um meinen Opa waren immer Leute, er war früher ein Publikumsmagnet, das fand ich immer toll. Aber auf eine ganz andere Art. Ich bin der melancholische Typ, der am Lagerfeuer singt, während mein Opa eher lustig ist. Ich hatte Gitarrenunterricht bei einer alten Lehrerin, das war furchtbar. Ich habe irgendwann gesagt, dass ich Bauchschmerzen habe, und bin zwei Häuser weiter, weil das in der Nähe von meinem Opa war. Der hat mir dann endlich ordentliche Gitarrengriffe beigebracht, ohne zu wissen, wie sie heißen, weil er die damals abgemalt hatte. Das autodidaktische Lernen ist eine Gemeinsamkeit.

Was hat sich auf „Neuanfang“ im Vergleich zu den Vorgängern verändert, und was ist noch vom alten Clueso-Sound geblieben? Es hört sich ja schon etwas anders an.
Das war das Ziel. Wie bei einem guten Mehrteiler im Kino. Dass man den Helden nicht total verändert, ihm aber was Neues mitgibt. Eine Essenz zwischen altem und neuem Sound.

Das letzte Album „Stadtrandlichter“ sollte deutlich machen, wie angenehm es ist, bei der Rückkehr an gewohnte Orte alles wiederzuerkennen. Wie passt dazu jetzt ein Neuanfang?
Beide Alben widersprechen sich extrem. Hätte mich jemand vor einem Jahr gefragt, was ich die nächsten fünf Jahre mache, hätte ich eine andere Antwort gegeben, als die Situation jetzt ist. Bauchmenschen gehen einen Weg nicht, weil sie mutig sind, sondern weil sie einer Lust folgen. Auch wenn sie nicht wissen, was da kommt. Das habe ich immer mal wieder. Und deswegen widersprechen sich auch die Alben.

Wie hat Ihre Umwelt auf diesen Drang nach Veränderung reagiert?
Wie im richtigen Leben. Das ist vergleichbar mit Beziehungen. Die Gespräche, die im Vorfeld stattfinden, sind schwierig. Das Gespräch, in dem eine Entscheidung kommt, ist traurig, aber dann ist es immer besser, dass man weiß, woran man ist. Und so ging es auch dem Umfeld. Es war für sie besser zu wissen, dass sie ihr Leben umstrukturieren müssen. Natürlich haben mich einige Leute gefragt, was hast du vor, was ist dein Plan, woher kommt das? Das konnte ich aber zu dem Zeitpunkt nicht beantworten, weil ich das selbst nicht verstanden habe. Erst jetzt weiß ich, dass der Druck nicht gut für mich und mein Leben ist – zum Erwachsenwerden und für die Musik.

In Ihrem Song Achterbahn singen Sie von verschiedenen Erwartungen an Sie – unter anderem Haus bauen, Kinder bekommen – alles, was wahrscheinlich Freunde in Ihrem Alter momentan angehen. Fühlen Sie sich von Ihrer Umgebung und der Gesellschaft unter Druck gesetzt, diese Dinge in naher Zukunft tun zu müssen?
Ja und nein. Ich mache in Achterbahn ziemlich deutlich, dass ich eine Entscheidung für mich treffe, und zwar erst dann, wenn sie kommt. Und wenn ich was mache, dann für mich und nicht für andere. Ich dachte eigentlich, dass ich einen Plan hätte, aber dann hatte ich ja doch keinen. Und es zeigt sich, dass das Leben auch so ist. Viele Menschen geben Ratschläge, die sie sich eigentlich eher selbst geben würden, weil sie denken, dass die auch für andere Leute gut sind. Das funktioniert nicht. Ich glaube, dass es vielen jungen Menschen auch so geht, dass Lebensmodelle vorgelebt werden. Vielleicht ist die Idee bei ihnen aber eine ganz andere.

Wie nennen Sie Familie und Freunde? Clueso, Thomas oder ganz anders?
Das ist total unterschiedlich. In den letzten Jahren sagen immer mehr Leute Thomas. Die meisten sagen aber immer noch Clüsn oder Clueso.

Sind das zwei verschiedene Personen, Clueso und Thomas?
Ja und nein (lacht). Der Thomas ist manchmal einen Schritt weiter. Manchmal ist auch der Clueso einen Schritt weiter und gibt Thomas was mit. Die zwei sind siamesische Zwillinge.

Sie engagieren sich in vielen Bereichen, unter anderem gingen Sie für das Goethe-Institut in verschiedene Länder, um die deutsche Sprache ins Ausland zu tragen. In einem anderen Projekt setzen Sie sich für das Lesen und Schreiben lernen ein. Warum machen Sie das?
Bono von U2 hat mal in einem Interview gesagt: „Berühmtheit ist eine Art Währung, die man einsetzen kann. Man muss nur gucken, dass diese Währung stark bleibt, dass man nicht alles macht.“ Deswegen versuche ich mich für Sachen einzusetzen, die ich langfristig machen kann. Ich glaube, dass man Gedanken schnell zur Materie machen kann, indem man sie aufschreibt. Wenn Leute das nicht können, finde ich das schade, weil im Kopf manchmal tolle Sachen abgehen.

Waren Sie ein Musterschüler, oder hatten Sie Probleme?
Ich hatte keine Probleme mit dem Schreiben, eher mit Rechtschreibung. Ich habe sehr viel geschrieben. Es gibt viele Aufsätze, die meine Mutter gesammelt hat. Aber in der Schule selber hatte ich arge Probleme. Nicht als Rüpel, sondern als frecher Wanst, der viel Energie hatte. Ich habe nicht verstanden, warum man Dinge machen muss, die keinen Spaß machen. Und das hat sich auch bis heute nicht geändert. Aber ich bin sehr, sehr gerne hingegangen und fand nicht, dass das ein Ort des Grauens war.

Mittlerweile machen Sie vieles selbst – Songtexteschreiben, die Musik, das Produzieren. Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus?
Die Vorteile des Selbstmachens sind die Entscheidungshoheit und die Erfahrung, die man dabei sammelt. Das Anstrengende sind das Führen und die vielen Aufgabenfelder. Ich habe das bei diesem Album extra abgegeben, weil ich gemerkt habe, wenn man sich dem kompletten Wahnsinn hingibt, ist man überparfümiert. Dann hat man keine Meinung mehr. Das Abgeben musste ich lernen.

Wo sehen Sie sich in 15 Jahren?
Das kann ich jetzt nicht mehr beantworten, da ich vor einem Jahr nicht wusste, wo ich landen werde. Insofern halte ich mich jetzt erst mal mit Prognosen zurück (lacht). Ich genieße momentan diese Freiheit und die spontanen Momente. Ich schaffe in meinen Kalender Termine, um spontan zu sein.

 


 

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erstellt am 19.Nov.2016 | 16:00 Uhr

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