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Leute : Aufstehen und kämpfen

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Aus der Onlineredaktion

Clemens Schick über Demokratie, Barcelona-Krimis und acht Monate im Kloster

svz.de von
erstellt am 04.Nov.2017 | 16:00 Uhr

Vor zwölf Jahren machte er James Bond in „Casino Royale“ das Leben schwer, nun ist Clemens Schick als Kommissar Xavi Bonet in den ARD-Barcelona-Krimis auf der guten Seite angekommen. Doch den Schauspieler beschäftigt viel mehr als nur der Film. In einem Berliner Café erzählt er von der Dokureihe „Guardians of Heritage“ (ab 26. November auf History), für die er nach Kambodscha reiste, den Beweggründen für seinen Eintritt in die SPD und acht Monate, die er im Kloster verbrachte:

Herr Schick, Sie haben kürzlich einen schönen Satz gesagt: „Ich träume nicht von Dingen, ich träume von Reisen.“ Von welcher Reise träumen Sie aktuell?

Durch Dreharbeiten komme ich in anderen Ländern an Orte, zu denen ich als Tourist niemals kommen würde. Ob jetzt in Barcelona, in Brasilien, Frankreich oder Israel – wenn man dort dreht, lernt man durch die Arbeit Leute kennen, die aus dem Land kommen.

Gibt es Traumreisen für Sie?
Ich bin ein großer Fan von sogenannten Roadtrips. Mein letzter war von Houston/Texas nach Los Angeles. Ich fahre gerne Auto und für mich ist das eine sehr entspannte Form des Reisens.

Für die History-Dokumentation „Guardians of Heritage“ waren Sie in der kambodschanischen Tempelanlage Angkor Wat. Was haben Sie da gemacht?
Emanuel Rotstein, der Produzent, hat verschiedene Kulturschaffende versammelt, die ein Interesse an Kultur und deren Erhaltung haben. Im Fall von Kambodscha war die Frage: Was ist in dem Land passiert, in dem ein Genozid stattfand und die Kultur ausradiert werden sollte? Und wo knüpft man an, wenn man diese Kultur wieder zum Leben erwecken will? Wir haben uns in Phnom Penh mit Überlebenden dieses Genozids getroffen, uns die verschiedenen Gedenkstätten angeschaut, sind nach Angkor Wat gereist und haben dort Restauratoren getroffen.

Seit Jahren engagieren Sie sich politisch – letztes Jahr sind Sie in die SPD eingetreten. Fügen Sie Ihren Tattoos jetzt noch eins von Willy Brandt hinzu?
(lacht) Einer Volkspartei wie der SPD beizutreten, hat immer auch etwas mit Kompromiss zu tun. Und zwar im guten Sinne. Was unsere Gesellschaft auch braucht, ist Kompromissfähigkeit. Kompromisse im Bezug auf ein Tattoo sind aber Unsinn.

Was hat Sie denn dazu bewogen, der SPD zu einer Zeit beizutreten, in der es ihr nicht gerade gut ging?
Das Bewusstsein, dass mein Leben, wie ich es lebe, nur in einer Demokratie möglich ist. Unsere Demokratie basiert immer noch auf einem Parteiensystem. Und ich wüsste keine Alternative, wie unsere Demokratie sonst funktionieren soll. Deshalb versuche ich auszuprobieren, was die Angebote und Möglichkeiten sind, sich in einer Partei zu engagieren.

Was hat das Pendel zur SPD ausschlagen lassen?
Ich habe verschiedene Persönlichkeit wie Frank-Walter Steinmeier, Andrea Nahles, Martin Schulz und Michael Müller hier in Berlin kennengelernt, die mir gefallen haben. Zum gesellschaftlichen Frieden gehört für mich auch eine gerechte Verteilung des Wohlstands, das ist mich sogar die Basis für Frieden in der Gesellschaft. Und wenn es eine Partei gibt, die das noch im Blick hat, ist das für mich die SPD. Ein Aspekt, der mir aber auch wichtig war, ist die Tatsache, dass die SPD als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis aufgestanden ist und versucht hat, Widerstand zu leisten.

Als SPD-Mitglied muss man leidensfähig sein. Wie bitter waren für Sie die 20,5 Prozent bei der Bundestagswahl?
Man muss nicht als SPD-Mitglied leidensfähig sein, sondern als Demokrat. Wir müssen als Demokraten wach werden, aufstehen und unser Leben so wie es ist erhalten. Europa ist ein Rechte-, Werte- und Freiheitsraum und nicht nur ein Wirtschaftsraum. Einer der großen Fehler, die ich der Politik vorwerfe, ist, dass sie Europa zu einem reinen Wirtschaftsraum verkommen lässt. Und deshalb müssen wir als Demokraten wieder lernen zu kämpfen und zu verteidigen, was uns wichtig ist. Das ist mein Antrieb, aufzustehen und mich zu engagieren.

International unterwegs sind Sie ja auch beruflich. 2005 haben Sie die Rolle des Krack im Bond-Film „Casino Royale“ gespielt. Ein Wendepunkt in Ihrem Leben?

Ich hatte damals im Theater in Hannover gekündigt, weil ich nach vielen schönen Jahren das Gefühl hatte, schneller zu wachsen, als ich es dort kann. Und ich hab mich dafür entschieden, noch mal Film auszuprobieren, bevor ich zu alt bin, um noch etwas jüngere Rollen zu spielen. Ich hatte im Oktober gekündigt, um im August nächsten Jahres auszusteigen. Im November kam aber schon das Casting für „Casino Royale“ mit der Bedingung, ab Februar sechs Monate lang keinen einzigen anderen Termin zu haben. Ich habe das meinem Intendanten Wilfried Schulze gesagt, aber nicht damit gerechnet, dass es klappt.

Und dann hat’s doch geklappt?
Eigentlich wäre es unmöglich gewesen – aber er hat zu mir gesagt: Du hast viel für dieses Ensemble getan, deshalb will ich Dir jetzt keine Steine in den Weg legen. Und deshalb war ich ab Februar raus aus dem Theaterprozess. Daher war es ein Einschnitt.

Auch schauspielerisch?
Die Rolle war so klein, dass sie nicht wirklich was bewirkt hat. Aber ich hatte den großen Luxus, sechs Monate bei dieser Produktion dabei sein zu können und den besten Kollegen in jedem Fach – Schauspiel, Kostüm, Produktionsdesign, Regie und und und – zuzugucken. Das war ein unglaubliches Geschenk.

Wer oder was war prägend an dieser Erfahrung?
Die Begegnungen. Die Kostümbildnerin Lindy Hemming, die Casterin Debbie McWilliams, die seit 15 Jahren diesen Film macht, die Kollegen Mads Mikkelsen, Eva Green, Daniel Craig. So eine Integrität, so eine Hingabe und so ein Berufsethos zu erleben war einfach toll. Ganz viele Dinge, die ich von diesem Beruf an Haltung und Bescheidenheit erwartet habe, sind mir ausgerechnet in so einer großen Produktion bestätigt worden.

Sie haben damals gesagt „Das Böse, das Dunkle finde ich sexy“. Gilt das immer noch?
Heute würde ich einen Zusatz machen: In Bezug auf Schauspiel.

Als Kommissar in den Barcelona-Krimis sind Sie eindeutig auf der guten Seite gelandet. Ist das weniger sexy?
Nein, aber auch deshalb nicht, weil ich auch in so einer Figur das Dunkle suche. Es gibt für mich weder im Leben noch in der schauspielerischen Arbeit die Kategorisierung in nur gut und nur böse. Mich interessiert die Bandbreite.

Wie haben Sie Barcelona als Drehort wahrgenommen?
Für mich ist diese Vielzahl an ausländischen Drehorten auch Zeichen einer Europa-Sehnsucht und eines globalen Denkens. Barcelona hat sich während unserer Drehzeit massiv verändert. Es ist eine wunderschöne Stadt mit einer unglaublichen Geschichte. Andererseits hat Barcelona ein großes ökologisches Problem, wird komplett überrannt, wodurch wiederum die Mieten explodieren, weil ein Großteil der Wohnungen an Touristen vermietet wird.

Im Film sind Sie der Sohn des Bürgermeisters. Was hat Ihnen an der Figur gefallen?

Dass dieser Xavi Bonet eine Art einsamer Wolf ist, er ist bisexuell, freiheitsliebend, auch wenn er nach außen hin erst mal konservativ erscheint. Er ist sehr distanziert zu anderen Menschen, sehr beobachtend und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und er ist in der Stadt komplett vernetzt, auch in den dunkelsten Gegenden.

Xavi Benot hält seine Bisexualität geheim – bei Ihnen ist es seit einigen Jahren bekannt, dass Sie homosexuell sind. Was war für Sie der Anlass, das öffentlich zu machen?
Ich finde das Thema für mich so irrelevant, dass ich eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen möchte. Mir war es damals wichtig und ich bin heute froh, dass ich es gemacht habe.

Als Hauptdarsteller sind Sie fast in jeder Szene. Bleibt da überhaupt Zeit für die Stadt?
Es ist eben eine spezielle Art zu reisen. Ich habe viele Aspekte von Barcelona kennengelernt, die man als Tourist so nicht sieht. Wenn man nachts in den dunkelsten Ecken der Stadt dreht oder am Strand irgendwelche Elektrizitätswerke aufsucht, sind das keine Touristenziele, aber Aspekte, die die Stadt zusätzlich spannend machen. Dazu kommt, dass ich sehr viel Sport mache und jeden Morgen eine Stunde renne, wenn’s geht. Das ist für mich auch immer eine Form, die Stadt zu entdecken.

Im Film sieht man häufiger Ihre Tattoos. Sind die alle echt?
Ja. Wir haben jetzt nicht für die Filme noch welche hinzugefügt, wie das bei anderen Filmen schon der Fall war.

Auf dem linken Oberarm haben Sie ziemlich groß Maria und Jesus.
Alle meine Tattoos haben für mich eine große Bedeutung, sie sind Teil meiner Biographie. Dieses war eine Ikone, vor der ich im Kloster immer sehr viel gebetet habe.

Mit Anfang 20 hatten Sie den ernsthaften Wunsch, auf Dauer ins Kloster zu gehen. Wie ist es dazu gekommen?
Ich hatte in Ulm Schauspiel studiert, war davon sehr gelangweilt und hatte das Gefühl, dass es das nicht sein kann. Ich war in einer Krise, habe mit einem Freund gesprochen und der sagte mir: Ich kenne ein Kloster, da kann man ins Schweigen gehen.

Was war so langweilig?

Diese Beschäftigung mit sich selbst. Im Nachhinein habe ich natürlich verstanden, dass man sich am Anfang einer Schauspielausbildung mit sich selbst beschäftigt und sich kennenlernt. Vielleicht war auch die Schule einfach schlecht. Ich habe die Ausbildung abgebrochen, daran hat sich eine sehr religiöse Phase in meinem Leben angeschlossen. Ich fand den Gedanken interessant, aus dem kapitalistischen Gesellschaftssystem auszusteigen und sich in einer Gemeinschaft für eine höhere Idee hinzugeben. Und ich habe in diesem sehr offenen modernen Kloster in Frankreich, dessen Mönche nach den franziskanischen Regeln leben, eine ganz tolle Zeit gehabt.

Nach acht Monaten war Schluss im Kloster – warum?
Die Mönche hatten immer gesagt, dass sie nicht daran glauben, dass dies mein Weg ist. Sie hielten mich nicht für berufen, dieses Leben zu leben. Aber ich hatte eine Form von Hingabe und Konzentration gelernt.

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