Wochenend-Interview : „Auf jeden Pott einen Deckel“

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Matthias Opdenhövel ist das ARD-Gesicht der Fußball-Europameisterschaft und ein Meister der Schlagfertigkeit.

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11. Juni 2016, 16:00 Uhr

Auch wenn er es selbst nicht gern hört: Er ist einer der Quotengaranten der ARD. Immer wenn er am Moderationspult bei Länderspielen steht, schauen mehr als zehn Millionen Menschen zu. Über seine Laufbahn und die anstehende Fußball-Europameisterschaft hat Matthias Opdenhövel in seinem Kölner Büro mit unserer Redaktion gesprochen.

Herr Opdenhövel, wie bereiten Sie sich auf die EM vor?
Lesen bildet, Sehen natürlich auch. Aber ich bin auch fitnessmäßig unterwegs, habe gerade wie jeden Morgen fünf Kilometer abgespult. So allmählich stimmt man sich auf den EM-Modus ein.

Der wird ja diesmal etwas anders als in Rio sein.
Stimmt. In Brasilien hatten wir für fünf Wochen unseren angestammten Platz hoch oben auf einer Dachterrasse mit dem Blick auf die Copacabana. Aber diesmal wird es anders sein. Mehmet Scholl und ich stehen bei den jeweiligen Top-Spielen im Stadion. Dass wir den Rasen riechen können, freut uns sehr.

Hat es Sie eigentlich in früher Jugend schon gereizt, in den Sportjournalismus oder die Sportmoderation zu gehen?
Grundsätzlich ja. Ich war ja nicht nur sportbegeistert, sondern auch leidenschaftlich aktiv. Bis zur B-Jugend spielte ich für Post-SV Detmold und schaffte es sogar in einige Auswahlmannschaften.

Auf welcher Position?
Ich war im linken Mittelfeld und als Linksaußen unterwegs. Sicherlich nicht Weltklasse, aber es konnte sich sehen lassen.

Hat sich das Talent auf Ihre Söhne übertragen?
Das will ich nicht ausschließen. Jedenfalls haben beide großen Spaß am Fußball und sind regelmäßig unterwegs. Der Achtjährige hat einen guten linken Fuß, der 14-Jährige ist eher ein Rechtsfüßer.

Demnach wissen Sie also auch, wie es an der Basis zugeht.
Unbedingt. Und das ist verdammt wichtig, um den Gesamtkomplex Fußball zu verstehen. Und der ist ja nicht gerade verschwindend klein.

Sie sind als freier Mitarbeiter einer Zeitung in den Journalismus gekommen. Wie hat es sich zugetragen?
Nach meiner Bundeswehrzeit wollte ich natürlich studieren. Mein Vater empfahl mir eine solide Banklehre, doch ich wollte aus Detmold raus und entschied mich für Würzburg. Tolle Stadt übrigens. Zumindest im Sommer. Als ich da war, und das war im Wintersemester, gab es fast nur Nebel. Und mein Interesse für das Studienfach Betriebswirtschaftslehre hielt sich auch in Grenzen. Zu mehr als zwei Vorlesungen hat es nicht gereicht. Ich blieb zwar noch bis Weihnachten, aber dann war Schluss.

Wie hat die Familie reagiert?
Da will ich nur meine Mutter zitieren. Sie sagte den weisen Satz: „Lieber jetzt als nach zwölf Semestern.“

Sie haben anschließend für die Redaktion der „Lippischen Rundschau“ gearbeitet. Im Sportbereich?
Das wollte ich gern. Doch im Rahmen meiner Hospitanz waren andere Themen dran. Der komplette Reporterbauchladen halt: ein Porträt über eine junge Goldschmiedin genauso wie Polizeipressekonferenzen zusammenfassen. Zum Sport bin ich in dieser Zeit gar nicht so viel gekommen.

Und in der Folge?
Da kam das Volontariat bei Radio Lippe, da habe ich unter anderem die Sportsendung moderiert. Mit großem Schwerpunkt TBV Lemgo, unser Vorzeigehandball Verein in Lippe. Dort habe ich sehr viel gelernt und viel moderiert. Frühstücksradio genauso wie eine tägliche Jugendsendung, mit der ich mich dann später bei Viva beworben habe.

Das war von 1994 bis 1997. Was war in dieser Phase prägend?
Das journalistische Allroundgeschäft. Moderation, Interviews und Reportagen. Wir hatten in dieser Zeit viele Freiheiten und spannende Einsätze, die mich sogar im Zusammenhang mit den umstrittenen Atomtests zum Mururoa-Atoll im Pazifischen Ozean führten.

Sie haben in der Folge viel Unterhaltung gemacht, was war in dieser Beziehung das Highlight?
Viele werden es nicht mehr wissen, aber ich habe von 1998 bis 2003 mit Barbara Schöneberger die Sonntagmorgen-Show „Weck up“ gemacht. Diese Sendung war großartig für uns. „Hast Du Töne?“ auf Vox hat auch viel Spaß gemacht. Aber prägend war sicherlich „Schlag den Raab“.

Mit dem emeritierten TV-Tausendsassa Raab verbinden Sie einige Dinge.
Wir kennen uns seit Viva-Tagen. Es ist nicht so, dass wir jeden Tag grillen gehen, aber wir verstehen uns gut. Als er mir 2006 das Konzept von „Schlag den Raab“ vorstellte und mich als Moderator haben wollte, konnte ich nicht Nein sagen.

Sie waren in der Nacht zum Sonntag teilweise sechs Stunden auf Sendung. Unsere Einschätzung damals: Wer das kann, müsste auch drei Stunden „Wetten, dass . . ?“ stemmen können.
Interessant, dass Sie das erwähnen. Es wurde tatsächlich thematisiert, sogar in der „Süddeutschen Zeitung“ spekulierte man darüber.

Aber?
Ich habe das seinerzeit sehr realistisch gesehen. „Wetten, dass..?“ war nun einmal die Sendung von Thomas Gottschalk. Da sind die Fußstapfen sehr groß. Und bei allem Respekt vor Markus Lanz: „Wetten, dass . . ?“ steht für Gottschalk.

Sie machen keinen Hehl aus Ihrer Zuneigung für Borussia Mönchengladbach und waren da selbst von 2003 bis 2006 sogar Stadionsprecher. Was brachte diese Zeit?
Abgesehen von der emotionalen Zuwendung die Erkenntnis, dass ich in der Lage bin, auch vor 50.000 Leuten zu moderieren.

Ihr Markenzeichen ist die Schlagfertigkeit, beim DFB-Pokalfinale freuten wir uns nach der Ribéry-Attacke gegen Castro über den Spruch: „Da hat auch der Schiri ein Auge zugedrückt.“ Welche Gene haben Sie?
Vererbung? Talent? Keine Ahnung. Mein Vater sagte immer: „Du hast auf jeden Pott einen Deckel.“ Das scheint es wohl zu treffen. Aber um ehrlich zu sein: Wer schon so lange in diesem Geschäft unterwegs ist, bringt es auf einen gewissen Erfahrungsschatz.

Sie sind nicht nur als Moderator im Fußball unterwegs, sondern in den Wintermonaten auch auf den Skisprungschanzen dieser Welt mit Ihrem Experten Dieter Thoma präsent. Macht es eigentlich Spaß, in Veranstaltungen hineinzumoderieren, von denen man gar nicht weiß, ob sie überhaupt stattfinden?
Sie meinen die Wind-Lotterien? Okay, da ist man höherer Gewalt ausgesetzt. Egal ob in Kuusamo, Zakopane oder Oberstdorf. Grundsätzlich freuen wir uns darüber, wenn wir störungsfreie Wettbewerbe übertragen können. Aber wir sind auch dick vermummt zur Stelle, wenn der Wind sich dreht.

Ein besonderes Völkchen, die Skispringer …
Da gebe ich Ihnen recht. Wir sind ja häufig in denselben Hotels untergebracht. Da kommt es dann schon mal vor, dass man beim Frühstück zusammensitzt. Bundestrainer Werner Schuster, Severin Freund, das ganze Team ist eine sehr nette Gruppe. Von denen ist keiner abgehoben, wenn man dieses Sprachbild mal gebrauchen darf. Bodenständige Leute mit einer unglaublichen Athletik.

Mit Mehmet Scholl gehen Sie in ein neues großes Turnier. Von Abnutzungserscheinungen ist noch nicht viel zu spüren.
Schön, wenn Sie das so sehen. Aber es stimmt, die Zusammenarbeit macht sehr viel Spaß. Mehmet ist immer gut vorbereitet. In unserer Art von Humor korrespondieren wir meines Erachtens gut. Wenn er kritisiert, dann hat das Hand und Fuß. Und es richtet sich nicht grundsätzlich gegen die Spieler, wie man insbesondere in den Fällen Gomez oder Götze hätte meinen können. Denn ich weiß: Von denen, die er kritisiert, hält er sehr viel. Und will mit vereinzelter Kritik nur Denkanstöße geben.

Es geht nach Frankreich zur EM, die Sicherheitsdiskussion wird uns in Atem halten. Sie waren am 13. November in Paris vor Ort ...
Es war eines der prägendsten Erlebnisse meines Berufslebens, ohne Frage. Ich kann mich noch sehr gut an die Explosionen erinnern und ahnte schnell, dass das nichts mit Böllern zu tun hat, die man gemeinhin kennt. Denn es gab keine Reaktionen im Stadion, keine Fangruppe, die hämisch reagierte oder klatschte. Es herrschte Ratlosigkeit.

Und wie geht man als Berichterstatter/Moderator damit um?
Es war eine schizophrene Situation. Wir haben anschließend nur noch andere Spiele gezeigt. Wir mussten Zeit gewinnen, weil wir noch keine anderen verlässlichen Informationen hatten.

In welcher Grundhaltung fahren Sie nach Frankreich?
Die Vorfreude schlägt die Angst.

Also ist Angst da?
Nicht direkt, aber es bleibt – und das ist wohl der beste Ausdruck dafür – dieses mulmige Gefühl. Ich bin davon überzeugt, dass das Sicherheitskonzept der Franzosen greifen wird. Und ein gewisses Grundvertrauen, eine Urfreude darf man sich einfach nicht zerstören lassen.
 

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