Tierfilmer Andreas Kieling im Interview : Als die Löwen ausrissen

Andreas Kieling bei Dreharbeiten in Afrika
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Andreas Kieling bei Dreharbeiten in Afrika

Tierfilmer Andreas Kieling hat für „Terra X“ einen neuen Film gedreht: „ Kielings wildes Afrika“

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03. Juni 2016, 21:00 Uhr

Andreas Kieling liebt die Extreme. Der 56-jährige Thüringer scheint keine Gefahr zu scheuen. Seit mittlerweile 25 Jahren ist er als Tier- und Naturfilmer in den wildesten Ecken der Welt unterwegs. Auch in seiner neuesten Doku „Terra X: Kielings wildes Afrika“ (Sonntag, 19. Juni, ZDF) kam er seinen tierischen Helden extrem nah. Zwischen dem äthiopischen Hochland und dem Kap der Guten Hoffnung filmte er unglaubliche Szenen mit Elefanten, Löwen und Schimpansen. Mit Andreas Kieling sprach Olaf Neumann.

Herr Kieling, sind Sie für Ihren neuen Film einmal quer durch Afrika gereist?
Kieling: Nein, es war keine durchgehende Reise, das wäre viel zu strapaziös gewesen. Nach vier Wochen Bergregenwalddreh bei den Schimpansen war ich körperlich am Ende. Die ganze Zeit läuft man da bei 28 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit in einer sehr bergigen Gegend unseren Cousins hinterher in der Hoffnung auf gute Bilder. Das Stativ und die Kamera immer auf dem Buckel. Das ist übrigens ein Grund, warum es nicht viel sehr gutes Schimpansen-Material auf der Welt gibt. Sie sind nicht so einfach zu filmen wie Orang-Utans oder Berggorillas.

Wie konnten Sie den Schimpansen so nahe kommen, ohne sie zu erschrecken?
Top-Primaten sind sehr nah mit uns Menschen verwandt. Wenn sie wissen, dass sie von uns Menschen weder gejagt noch vertrieben werden, entwickeln sie eine relativ große Vertrautheit. Das Tier spürt in uns Menschen immer noch eine Seelenverwandtschaft. Das soll jetzt nicht esoterisch oder romantisch klingen, aber Tiere sehen die Natur generell ganz anders, als wir sie sehen. Sie reichen einem auch immer wieder die Hand und sagen: „Hier bin ich. Nimm mich so, wie ich bin. Aber ich kann nicht so sein wie du mich gerne hättest“. Das gilt sowohl für die Primaten als auch für die niedersächsischen Wölfe. Wenn wir ein Tier stark bejagen, es immer in die Enge treiben und stressen, wird es sich unserer Präsenz entziehen. Aber wenn wir ihm freundlich gegenübertreten, entwickelt es schnell eine große Vertrautheit.

Und als was sieht der Löwe den Menschen?
Eigentlich als Neutrum. In ihrer Wahrnehmung sind wir ein anderer großer Beutegreifer. Also eine Hyäne, ein Wolf oder ein Leopard. Wir bewegen uns aggressiv und riechen aggressiv, aber wir sind für den Löwen keine Beute. Das heißt nicht, dass es nicht mal zu einem Konflikt kommen könnte zwischen Mensch und Löwe, in der Regel ist das der Konflikt ums Vieh, wo ein Massai die Tiere vergiftet oder einen Speer nach ihnen wirft. Der Löwe jagt zwar in erster Linie Antilopen, aber vergreift sich auch mal an einem Haustier.

Wann ist für Sie die Grenze der Gefahr erreicht?
Wenn ich Freitagnachmittags mit einem Motorrad auf einer bundesdeutschen Autobahn unterwegs bin.

Und als Tierfilmer?
Es gibt einen magischen Zirkel, wo man sagt: Jetzt ist das Maß voll! Meistens geht das vom Tier aus. Letztendlich lasse ich immer das Tier entscheiden, wie weit es sich mir nähern will. Nicht jedes ist mir gewogen.

Wie versetzen Sie sich in die Seele eines Tieres hinein?
Das hat viel mit Erfahrung zu tun und ist mit Sicherheit auch ein Talent. Ich beurteile ein Tier nicht so wie die meisten Menschen, die sagen: „Oh, der ist aber süß“. Sondern ich versuche immer zu erkennen, was das Tier eigentlich in mir sieht. In den allerseltensten Fällen bin ich für ein Tier Beute. Es ist ein Unterschied, ob ich als Neutrum in Afrika in einem Geländewagen sitze und gar nicht so richtig wahrgenommen werde oder ob ich den Wagen verlasse. Dann flüchten sofort alle Tiere vor mir. Es gab eine Situation in der Serengeti, als mein Fahrer nur kurz ausgestiegen ist und sofort ein Löwenrudel in der Nähe die Flucht ergriff. Weil das ein Verhalten war, das sie nicht kannten.

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