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Interview Helene Hegemann : Alle überfordert

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Autorin und Regisseurin Helene Hegemann bringt ihren Roman „Axolotl“ ins Kino.

Als sie mit 18 Jahren den Roman „Axolotl Roadkill“ veröffentlichte, wurde Helene Hegemann erst als Wunderkind gefeiert – dann als Plagiatorin kritisiert. Sieben Jahre später bringt sie ihren Debüt-Roman unter dem Titel „Axolotl Overkill“ ins Kino. Im Interview erinnert die 25-jährige Autorin und Regisseurin sich an ihr Jahr im Auge des Sturms und erklärt, wie scheußlich es ist, mit falschen Argumenten verteidigt zu werden.

Sie haben den „Axolotl“-Stoff für die Verfilmung umgetitelt: Statt „Roadkill“ heißt es jetzt „Overkill“. Klingt wie ein Stoßseufzer.
Den alten Titel beizubehalten würde an Verrat grenzen, weil der Film so stark abweicht. Die Idee zu „Axolotl Overkill“ hatte Tommi Eckart von der Band Zweiraumwohnung auf einer Party spontan in die Runde geworfen; alle haben sofort applaudiert. In der Debatte um das Buch hatten auch schon einige Zeitungen so getitelt, wahrscheinlich um eine gewisse Genervtheit auszudrücken. Vielleicht klingt es jetzt ein bisschen selbstironisch, aber so ist es nicht gemeint. Der Film ist ja wirklich ein Overkill. Die Hauptfigur ist überfordert und der Zuschauer auch.

Waren Sie selbst damals auch genervt? Die Diskussion hatte gewaltige Dimensionen …
… und war in erster Linie nervig. Das stimmt.

Die „Bild“ spricht heute noch vom größten Literaturskandal der letzten Jahre. Ist das überdimensioniert?
Das kann ich nicht beurteilen; aber zumindest einen besseren kann man sich ja wirklich nicht vorstellen. Meine Geschichte war extrem medienkompatibel.

In der „Harald Schmidt Show“ haben Sie damals beklagt, Ihren Glauben an die Presse verloren zu haben. Haben Sie sich mit dem Feuilleton wieder versöhnt?
Es geht da weniger um mich selber. Dass ich involviert war, hat meine Zweifel damals nur bestätigt. Weil ich erlebt habe, wie ich auf eine sehr unfundierte Weise abgeurteilt wurde. Vieles, was als Literaturkritik verkauft wird, halte ich eher für eine Form von Fiktion und nicht für eine seriöse Auseinandersetzung mit einer Sache, die man vielleicht nicht versteht. Das zieht wahrscheinlich mehr. Leser lesen lieber strikte, konkrete Meinungen. Auch wenn sie intuitiv sind.

Die Debatte war zumindest sehr ausgewogen; Sie hatten auch viele und namhafte Fürsprecher.
Aber gerade da wird es ja erst richtig unangenehm: Wenn sich jemand damit brüstet, mich in Schutz zu nehmen, aber dann einen ganz falschen Aufhänger nimmt.

Zum Beispiel?
Die „Zeit“ hatte mich in den Kontext so einer Sexismus-Debatte gestellt, was wirklich das Blödeste war, was man mit dem Thema anstellen konnte. Woran die sich abgearbeitet hatten, war weder die Literatur noch ich als Person. Da ging es darum, dass alte Männer junge Mädchen fertigmachen. So hatte ich das gar nicht empfunden. Zwanzigjährige Frauen hatten mich genauso fertiggemacht wie 60-jährige Männer, und denen habe ich es noch mehr verübelt. Weil sie doch viel näher an meiner Perspektive hätten sein können.

Ich habe das Gefühl, dass Sie nach der Wucht dieser Debatte erst mal behutsamer in die Öffentlichkeit gegangen sind. Umso mehr hat mich dann ein Homophobie-Artikel Ihrer Freundin in der „Welt“ gewundert, der mit einem erotisch inszenierten Doppelporträt von Ihnen beiden bebildert war.
Das war ein redaktioneller Einfall, mit dem wir nichts zu tun hatten, ich schon gar nicht. Das ist auch ganz interessant gelaufen. Gedacht war der Artikel als Essay über ein gesellschaftliches Thema, in dem Andrea Hanna Hünniger sich zu einem Fallbeispiel unter vielen macht. Verkauft hat die Redaktion es als Coming-out. Was natürlich deren gutes Recht ist. Wer eine Geschichte einkauft, kann damit machen, was er will. Ich fand es fragwürdig, aber es hat auch nicht wehgetan. Es ist ja ein nettes Foto.

Ihre Bücher und Filme schildern eine Kultur-Schickeria, die sich alle Freiheiten nimmt und dabei Drogenabstürze und psychische Krisen mit einpreist. Wären Sie lieber in einem anderen Milieu aufgewachsen als in dem, in dem sie jetzt arbeiten?
Bis ich 14 Jahre alt war, habe ich ja in einem komplett entgegengesetzten Milieu gelebt. Meine Mutter hatte vor meiner Geburt was mit dem Theater zu tun, seit ich auf der Welt war, aber gar nicht mehr. Ich war in Bochum, mitten im Ruhrpott, und hatte insofern ein geregeltes Leben, als es keine Möglichkeit zum Ausbruch gab. Man ging zur Schule, wer Geld hatte – wir hatten keins –, ging irgendeinem Hobby nach, und man war hauptsächlich damit beschäftigt, nicht aufzufallen. Ins Theater bin ich nicht gegangen, ins Kino fast nie. Dafür habe ich den ganzen Tag ferngesehen. Andere befreien sich mit 18 oder 19 aus ihrem Kontext; bei mir war es viel früher. Und ich habe mich nicht selbst befreit, mir ist das zugestoßen. Als meine Mutter gestorben ist, bin ich auf einmal in eine ganz andere Welt gestürzt.

Das war die Berliner Volksbühne, an der Ihr Vater Dramaturg war.
Genau, und die Volksbühne war der erste Ort in meinem Leben, an dem ich mich bedingungslos wohlgefühlt habe. Was nicht daran lag, dass die Kantine so gemütlich ist. Ganz im Gegenteil. Das lag an den Stücken, die ich damals gar nicht verstanden habe. Aber ich habe da Menschen erlebt, denen es um etwas geht, ohne dass sie sich dabei zu ernst nehmen. Diese ganze Haltung – von den Regisseuren natürlich, aber vor allem von den Schauspielern, die da wie Rockstars durchziehen – hat mir bewusst gemacht, was mir selbst wichtig ist. Das war ein Glück für mich. Ich hätte auch in meinem blöden Bochumer Gymnasium feststecken können, um mich jeden Tag zu fragen, was ich auf der Welt eigentlich soll.

Haben Sie sich ein Volksbühnen-Tattoo stechen lassen?
Ja, stimmt. Bert Neumann, der Chef-Bühnenbildner der Volksbühne, hat das Logo entwickelt. Nach seinem Tod habe ich es mir stechen lassen.

Ist der Intendanten-Wechsel ein Heimatverlust für Sie?
Ja. Heimatverlust ist das richtige Wort.

Beim Film sind Sie nicht mehr die einzige Autorin. Ist es notwendiges Übel oder Gewinn, dass Kameraleute und Cutter das Werk mitprägen?
Ein großer, großer Gewinn. Sobald mehrere Leute involviert sind, bekommt ein Werk ein Eigenleben. Es kommen unerwartete Sachen dazu, und das stellt sich nicht her, wenn man allein am Schreibtisch sitzt. Manche Leute haben da sicher Angst vor Kontrollverlust; aber den brauche ich gerade.

Eine Stärke Ihres Films sind Sequenzen, die aus der Erzähllogik ausbrechen. Einmal begegnet die Hauptfigur Mifti beispielsweise einem schön lapidar inszenierten Einhorn. Warum sind Einhörner gerade so populär?
Das weiß ich nicht, aber der Trend hält sich. Darüber sollte mal jemand eine Doktorarbeit schreiben: Was war der Auslöser der Einhorn-Welle?

Die zweite surreale Szene ist ein Weltuntergangsszenario, bei dem Mifti durch Straßen voller bewusstloser Menschen zur Schule geht. Ist das Ihr Lebensgefühl, wenn Sie morgens mal früh rausmüssen?
Eigentlich sind diese Momente gar nicht surreal gemeint. Das Einhorn könnte ein ausgebüchstes Filmtier sein. Und die Bewusstlosen auf der Straße könnten eine Kunstperformance oder Polit-Aktion machen. Ursprünglich sollten sie deshalb auch Plakate haben, aber die hatten meine eigentlich ganz tollen Requisiteure dann einfach vergessen. Jetzt sieht es aus wie eine Traumsequenz.

Meine Lieblingsszene ist der Body-Popping-Dance, bei dem ein Mädchen, das wir nie wiedersehen, plötzlich auf fast dämonische Weise durch eine Wohnung tanzt. Wie sind Sie auf die Tänzerin gekommen?
Ich habe selber eine Tanzvergangenheit. Als ich elf war, habe ich wirklich obsessiv getanzt – wenn auch nicht so genial wie im Film. Mir ist das Mädchen aufgefallen, als sie mit neun Jahren bei „Got to Dance“ aufgetreten war. Beim Dreh war sie dann elf Jahre alt. Unfassbar. Sie hat irgendwas in sich, das sie zu einer sehr, sehr präsenten Tänzerin macht.

In sexuellen Dingen ist ihr Roman sehr explizit und schockierend; Mifti wünscht sich sogar mal im Spaß eine Vergewaltigung. Auf der Bildebene sind Sie jetzt viel diskreter als im Verbalen. Warum?
Es soll ja nicht so sehr um Sex gehen. Aber abgesehen davon, dass es vom Grundkonflikt zu sehr abgelenkt hätte: Ich möchte mir nicht anmaßen, Sexszenen mit Leuten zu inszenieren, die sehr viel älter sind als ich.

Die Macht, schöne Schauspieler auszuziehen, kann für eine Regisseurin ja auch ganz interessant sein.
Nicht dass ich nicht darüber nachgedacht hätte – aus reinem Eigeninteresse. Aber das hätte am Set wahrscheinlich auch nicht so viel in mir ausgelöst, wenn 20 Meter weiter schon das Catering die Käsebrötchen auftischt. Und wir haben schon so viele Kinder und Tiere als Schauwert, da braucht man nicht auch noch befangene Schauspieler in durchsichtiger Unterwäsche.

Der Film hat einen tollen Soundtrack mit Songs von Julie Driscoll bis Soap&Skin, die sogar selbst auftritt. Ist das nicht sehr teuer? Und welche Songs waren so teuer, dass Sie sie nicht verwenden konnten?
Ich hätte gern „Sinnerman“ von Nina Simone verwendet. Und „God’s Whisper“ von Raury – das habe ich beim Schnitt bis zum Erbrechen gehört; den Song kann man aus Andrea Arnolds letztem Film kennen, „American Honey“ endet damit. Der dritte Song, den wir nicht bekommen haben, war „Speed my Speed“ von Alain Kan, und zwar nicht wegen des Geldes, sondern weil niemand weiß, wo die Rechte liegen. Die Songs, die wir verwenden, waren oft Glücksgriffe. Julie Driscoll war in den 70ern ein Superstar, aber ihr Song „When I Was a Young Girl“ ist ein schottisches Volkslied. Das ist also Allgemeingut, da zahlt man nur für ihre Performance. Dann gibt es in portugiesisches Lied von Bazar Pamplona [richtig?], das hatte ich im Urlaub an einer Hotelbar gehört. Es stammt von einer Band aus dem Freundeskreis der Kellnerin; die haben sich gefreut, im Film vorzukommen.

„Axolotl Overkill“ lief auf Robert Redfords Sundance Festival. Haben Sie den Chef kennengelernt?
Es gibt da normalerweise einen Director’s Brunch, zu dem die Regisseure auf sein Anwesen in den Bergen gefahren werden. Das musste wegen eines Schneesturms abgesagt werden. Ich habe nur eine allgemein formulierte Entschuldigung von ihm gemailt bekommen. Aber, na ja, dass Robert Redford sich schon mal bei einem entschuldigt hat, ist ja auch nicht die schlechteste Anekdote.

 

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