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18. Dezember 2017 | 00:15 Uhr

TV-Tipp : Aidas Geheimnisse

vom

Izak Szewelewicz ist als Kleinkind nach Israel gekommen. Erst im Rentenalter erfährt er von seinem Bruder in Kanada. Dort lebt auch seine Mutter, die ihm noch so einiges verschwiegen hat. Es herauszufinden, ist vieler Hinsicht schwierig. Und oft schmerzhaft.

svz.de von
erstellt am 16.Aug.2017 | 00:01 Uhr

Es ist eine Geschichte, die wie ausgedacht klingt. Oder mehr noch: wie schlecht ausgedacht, völlig unrealistisch, geradezu verrückt. Wie manchmal das Leben selbst, vor allem das unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Dokumentarfilm «Aidas Geheimnisse» erzählt sie auf eindrucksvolle Weise, ohne Pathos, auch wenn oft Tränen fließen und von großen Themen die Rede ist: von Familie und Verlust, Liebe und Schmerz, Trauma und Verdrängen, Wahrheit und Lüge. Das Erste zeigt die SWR-Produktion an diesem Mittwoch um 22.45 Uhr.

Im Mittelpunkt des Films steht Izak Szewelewicz, sein Bruder, von dem er nichts weiß, und seine Mutter, die ihm ein Leben lang vieles verschwiegen hat. Es geht um seine Suche nach sich selbst und nach den Antworten auf viele Fragen, die sich ihm plötzlich stellen.

Izak Szewelewicz ist in Israel aufgewachsen, aber er wurde in Deutschland geboren, 1945 im Lager Bergen-Belsen in Niedersachsen, das bei den Nazis ein KZ war und wo nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen lebten, die nicht wussten, wohin sie gehören. Displaced Persons hießen sie offiziell, Menschen ohne Heimat. Izaks Mutter Aida (der Name wird «Eida» gesprochen) gehörte dazu. Sie stammte aus Polen und wurde von den Nazis mit 14 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland gebracht.

Bald nach dem Krieg entschied sie sich, nach Kanada auszuwandern. Zuvor gab sie ihren Sohn als Kleinkind zur Adoption frei und wollte, dass er in Israel aufwächst. Izak Szewelewicz erzählt, wie er erst im Grundschulalter davon erfuhr, dass die Menschen, die er für Mutter und Vater hielt, nicht seine leiblichen Eltern waren. Und auch als er seine Mutter später in Kanada besucht hat, erzählte sie ihm nie von seinem kleinen Bruder - und fast nichts über seinen Vater.

Alon Schwarz ist Filmemacher und Regisseur in Israel. Er hat als Cutter angefangen, aber bald auch Dokumentationen gedreht. Zusammen mit seinem Bruder Shaul führt er Regie bei «Aidas Geheimnisse». Er ist in dem Film ebenfalls immer wieder zu sehen, es ist in gewisser Weise auch seine Geschichte, jedenfalls die seiner Familie.

Izak Szewelewicz ist sein Onkel. Und nicht nur das: Anders als Izak selbst hat Alon schon lange von dessen Bruder gewusst. «Ich war sechs oder sieben, als ich in das Geheimnis eingeweiht wurde, dass mein Onkel Izak einen blinden Burder hatte. Und auch ich durfte es ihm nie erzählen», berichtet er.

Izak erfährt von seinem Bruder Shep erst, als er selbst schon 67 ist. Und davon, dass er in Kanada lebt. «Wie soll er mich erkennen?», fragt er sich, als er beschlossen hat, ihn zu besuchen. «Wie soll er wissen, wer ich bin?» Das sind berührende Fragen - und es sind berührende Szenen, als die beiden Brüder sich schließlich nach vielen Jahrzehnten in den Armen liegen. «Shep, mein Bruder!», ruft Izak. «Ich habe dich gefunden!»

Und dann suchen sie nach gemeinsamen Erinnerungen. Und nach den Gründen dafür, warum Shep mit dem Vater nach Kanada ausgewandert ist und Izak nach Irael geschickt wurde - und beide nichts von einander wissen sollten. Der Vater ist 2008 gestorben. Shep lebt in Winnipeg, die gemeinsame Mutter in Montréal, in einem Altenheim. Dorthin machen sich die beiden Brüder auf den Weg, die noch immer viel mehr Fragen als Antworten haben. Aida scheint sich an Shep kaum erinnern zu können. «Es ist sehr schön, dich zu sehen», sagt sie trotzdem.

Am Schluss finden Shep und Izak heraus, dass sie zwar eine gemeinsame Mutter, aber keinen gemeinsamen Vater haben. Und noch einen weiteren Bruder, der ebenfalls in Kanada lebt, die beiden aber nicht treffen will. Als Aida gestorben ist und ihre Urne beigesetzt wird, stehen ihre beiden Söhne am Grab. Nicht alle Fragen sind beantwortet, aber die beiden haben erstaunlich viel über sich herausgefunden.

Kein anderer hätte diesen Film so machen können wie Alon Schwarz, schon weil er bei vielen Gelegenheiten filmen kann, bei denen andere draußen bleiben müssten. Viele Szenen sind dadurch viel persönlicher, als sie sonst je sein könnten. Vor allem aber: Schwarz erzählt die Geschichte, ohne sie zu dramatisieren. Drama bietet sie ganz von selbst schon genug.

Aidas Geheimnisse

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