Selbstjustiz: Der Fall Marianne Bachmeier : Acht Schüsse, die das Recht erschütterten

Nach der Tat: Durch einen Pulk von Fotografen wird Marianne Bachmeier zu ihrem Platz im Gerichtssaal geführt.
Nach der Tat: Durch einen Pulk von Fotografen wird Marianne Bachmeier zu ihrem Platz im Gerichtssaal geführt.

Vor 35 Jahren erschoss Marianne Bachmeier im Gericht den Mörder ihrer siebenjährigen Tochter.

svz.de von
06. März 2016, 09:00 Uhr

Das Magazin war leer. Acht Schüsse waren gefallen. Schüsse, die Schlagzeilen machten. Schüsse, die für lange, erbitterte Diskussionen sorgten, weil sie die Öffentlichkeit spalteten. Die einen sagten: „Diese Frau verstehe ich, ich hätte auch so gehandelt“. Die anderen hielten vehement dagegen: „Nein, es darf keine Selbstjustiz geben!“ Diese Frau – das war Marianne Bachmeier. Vor 35 Jahren erschoss die damals 30-jährige Wirtin im Landgericht Lübeck den Mörder ihrer Tochter Anna.

6. März 1981 Der dritte Prozesstag gegen den Fleischer Klaus Grabowski (35), einen vorbestraften Sexualstraftäter, verurteilt wegen Missbrauchs zweier Mädchen. In der Haft ließ er sich kastrieren, um freizukommen. Nun war er angeklagt wegen des Mordes an Anna Bachmeier (7).

Laut Staatsanwalt war am 5. Mai 1980 folgendes geschehen: Der Angeklagte griff Anna auf, hielt sie stundenlang in seiner Wohnung fest, belästigte sie sexuell und erdrosselte sie mit einer Strumpfhose. Im Verhör gab er an, das Mädchen habe gedroht: „Ich erzähle meiner Mama, dass du mich gestreichelt hast.“ Die Kleine habe fünf Mark erpressen wollen. Da sei er in Panik geraten. Nun also dieser dritte Prozesstag, der 6. März 1981. Ein trüber Freitag. Um 10 Uhr sollte der Prozess fortgesetzt werden. „Es war lausig kalt und es nieselte“, erinnert sich Barbara Kotte (80), die damals als freie Gerichtsreporterin für mehrere Zeitungen arbeitete. Für den Grabowski-Prozess fand sie seinerzeit kaum Abnehmer. „Das galt bei vielen Medien vor 35 Jahren als schmuddelig, als Tabu-Thema.“ Um 9.55 Uhr öffnete ein Justizbeamter den Schwurgerichtssaal. „Das Publikum durfte noch nicht rein“, erzählt Barbara Kotte, „aber ich legte drinnen schon mal Mantel und meine Schreibsachen ab, als Grabowski durch einen Neben-Eingang zur Anklagebank geführt wurde und Frau Bachmeier, die den Prozess verfolgte, durch den normalen Saal-Eingang mit den Worten hereinkam: ‚Ach Gott, es ist ja noch ganz leer hier!’ Plötzlich sah ich im Augenwinkel, dass sie in ihre Manteltasche griff und etwas Dunkles herauszog. Und dann krachten schon die acht Schüsse.“ Zwei trafen die Bank, sechs trafen Grabowski – er war sofort tot.

Sie hat es wirklich getan „Frau Bachmeier wirkte total ruhig“, sagt Barbara Kotte. „Sie legte ihre Waffe auf den Boden, ließ sich ungerührt von den Wachtmeistern festhalten. Auf dem Flur stand Annas Vater, ein Ex von Marianne Bachmeier. Er stammelte immer wieder: ‚Sie hat es getan, sie hat es wirklich getan!’“

Wenige Meter neben ihm stand Grabowskis Verlobte, sie bekam einen Weinkrampf. Da ging eine Prozessbesucherin auf sie zu und meinte verächtlich: „Da heulst du noch über dieses Schwein? Das geschieht dem doch recht!“

Barbara Kotte lief in ein nahes Café, weil das einzige öffentliche Telefon im Gericht besetzt ist. Mit zitternder Hand schrieb sie rasch das Erlebte nieder – für die 10-Uhr-Nachrichten des NDR. „Die Wirtin sah, wie fertig ich war und brachte mir ein Glas Cognac!“ Um 10.01 Uhr schilderte die Reporterin vom Kneipentelefon aus den Radio-Hörern, was soeben im Gericht passiert war. Die Mutter eines ermordeten kleinen Mädchens hatte geurteilt. Und ihr Urteil gleich vollstreckt.

Mordvorwurf wurde fallengelassen

Im November 1982 wurde Marianne Bachmeier wegen Mordes angeklagt, später wurde der Vorwurf aber fallengelassen. Inzwischen lagen auf einem von Sympathisanten eingerichteten Spendenkonto, mit dem die Kosten ihrer Verteidigung getragen werden sollten, über 100  000 Mark. Am 2. März 1983, nach 28 Prozesstagen, lautete das Urteil: „Sechs Jahre Haft wegen Totschlags und unerlaubtem Waffenbesitz“. Weil sie suizidgefährdet war, kam sie 1986 frei.

Sie verliebte sich in einen Lehrer und wanderte mit ihm nach Nigeria aus. Aber die Beziehung scheiterte. Nach der Scheidung 1990 zog sie nach Palermo (Sizilien), wo sie in einem Hospiz arbeitete. Als sie bei einem Arztbesuch die Schock-Diagnose Bauchspeicheldrüsen-Krebs bekam, ging sie nach Lübeck zurück. Hier starb sie am 21. September 1996 mit nur 46 Jahren. Sie wurde neben ihrer Tochter Anna beigesetzt.

Späte Zweifel am Affekt

Barbara Kotte blättert in ihren 35 Jahre alten Notizen. „Bekannte berichten, dass Frau Bachmeier im schalldichten Keller ihrer Kneipe schon länger Schießübungen gemacht hat“, steht da. „Ihre anfängliche Darstellung, sie habe im Affekt gehandelt, war also vom Tisch. Sie hat sich vorbereitet, sie hat es geplant, es war klarer Vorsatz.“

Eine andere Notiz: „Anna war ein Straßenkind. Ihre Mutter, eine Wirtin, die bis mittags schlief, plante bereits, sie an Pflege-Eltern wegzugeben.“ Marianne Bachmeier hatte schon ihre ersten beiden Kinder zur Adoption freigegeben. Noch eine Notiz: „Die kleine Anna kannte Grabowski. Er hatte eine Katze. Mit der hatte Anna, die kaum zur Schule ging, oft gespielt.“

Und dann ist da noch dieser damals notierte Satz, den Frau Kotte heute kopfschüttelnd vorliest: „Ein Gutachter sagt aus. Grabrowski hat unter der Kastration gelitten, er bat einen Urologen um Hilfe. Der pumpte ihn deshalb mit Hormonspritzen voll. Ohne diese Behandlung könnte Anna vermutlich noch leben.“

Späte Abrechnung

1995, ein Jahr vor ihrem Tod, sagte Marianne Bachmeier, auf die Bluttat damals im Lübecker Gericht angesprochen, in einer TV-Talkshow: „Grabowski hatte schlecht über Anna gesprochen. Da klang sogar an, dass Anna eine Mitschuld trage an dem, was passiert sei. Das wollte ich nicht nochmal hören. Ich wollte nicht, dass er Anna öffentlich weiter beschmutzt.“

Und dann sagte sie mit fester Stimme: „ICH wollte Recht über ihn sprechen!“ Dabei betonte sie das erste Wort.

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