Zum Tod von Wolfgang Pieper : Das Schachspiel als Flucht und Leidenschaft

So kannte man ihn: Wolfgang Pieper (links) erklärt 2006 gemeinsam mit Jürgen Roß (rechts) den Jugendlichen Daniel Pohl, Marvin Ludwig und David Wichmann im Bissendorfer Kulturverein die Feinheiten des Schachspiels. Foto: Kerstin Balks
So kannte man ihn: Wolfgang Pieper (links) erklärt 2006 gemeinsam mit Jürgen Roß (rechts) den Jugendlichen Daniel Pohl, Marvin Ludwig und David Wichmann im Bissendorfer Kulturverein die Feinheiten des Schachspiels. Foto: Kerstin Balks

Er war Schachkenner und Original: Wolfgang Pieper ist überraschend gestorben. Nicht nur die Schachwelt trauert um ihn. Eine Hommage berührt besonders.

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22. Juni 2021, 06:00 Uhr

Osnabrück | Was liegt zwischen 1 und 2199? Für Wolfgang Pieper ein ganzes Leben. Und sein Leben hieß Schach. Seit dem November 1984 hatte er, unfassbare 37 Jahre lang, Woche für Woche die Schachaufgabe für die Neue Osnabrücker Zeitung geliefert, stoisch wie ein Philosoph, verlässlich wie ein Uhrwerk, von der ersten Aufgabe bis zur Nummer 2199. Jetzt ist Wolfgang Pieper am 16. Juni 2021 überraschend gestorben, viel zu früh, mit gerade einmal 56 Jahren. Einige Zeit ging es ihm nach Auskunft der Familie schon nicht gut. Dann stand das Herz mit einem Mal still, einfach so. Diese Nachricht klingt so unfassbar und irrational, dass sie einfach nicht passen will zu der präzisen Logik des königlichen Spiels, dem sich Pieper verschrieben hatte. „Er war einfach einmalig in seiner Art, er hat Schach gelebt“, sagt Piepers Hildesheimer Schachfreund Martin Sokor mit einer Stimme, in der die Fassungslosigkeit unüberhörbar mitschwingt. Hier weiterlesen: So stark mit 14 Jahren: Junger Papenburger verblüfft Schachwelt.

Wolfgang Pieper vor dem Wandbild 'Musikexpress' der Osnabrücker Künstlerin Angelika Walter. Foto: Egmont Seiler
EGMONT SEILER
Wolfgang Pieper vor dem Wandbild "Musikexpress" der Osnabrücker Künstlerin Angelika Walter. Foto: Egmont Seiler

Mit Umhängetasche und Stirnband

Das struppige Haar und der breite Denkerkopf, die Umhängetasche und das Stirnband, das er im Winter wie im Sommer trug – Wolfgang Pieper war sein eigenes Markenzeichen. War er ein Nerd? Nein, er war ein Original, mit seiner Passion eins geworden, vielen Menschen gleichwohl zugewandt. „Er war viel unterwegs und sehr gut vernetzt“, erinnert sich sein Bruder Olaf. Das trifft. Wer Wolfgang Pieper begegnete, durfte immer auf einen herzlichen Plausch rechnen. Aber dann trieb es ihn unübersehbar weiter. Dieser Mann hatte seine Mission, die ihn antrieb und umtrieb. Seine Augen leuchteten besonders hell unter den Haarsträhnen hervor, wenn er von der seltenen Spielsituation einer vertrackten Schachpartie erzählte, die er gerade entdeckt hatte.

Berufung statt Beruf

Einen Beruf hatte Wolfgang Pieper nicht, dafür aber eine Berufung. Sicher, er legte am Osnabrücker Gymnasium Carolinum die Abiturprüfung ab, wandte sich einer kaufmännischen Lehre, einem Studium der Betriebswirtschaft zu. Aber das alles hielt ihn nicht lange. Wer ihn kannte, hat sofort gewusst, dass er nicht für den Büroalltag gemacht war. Wolfgang Pieper hat Schach gelebt, nicht als Einsamkeit am Brett mit den schwarzen und weißen Spielfeldern, sondern mit Jugendlichen, denen er die Regeln des Spiels vermittelte, nicht als abstrakten Denksport, sondern als Gespräch und Austausch, den Wolfgang Pieper pflegte. Schach war seine Welt, mehr als mancher ahnte. „Er hat sich bisweilen auch in das Schachspiel geflüchtet“, berichtet sein Bruder Olaf.

Netflix-Serie über Schachspiel

„Ich fühle mich sicher in einer Welt aus 64 Quadraten“, sagt in der Netflix-Serie „Das Damengambit“ das von Anya Taylor-Joy gespielte Schachgenie Beth. Dieser Satz hätte auch zu Wolfgang Pieper gepasst. Ob die fiktive Figur der jungen Beth, die in der Netflix-Serie in die Welt der natürlich männlichen Schachmeister vordringt oder tatsächliche Schachgrößen wie der Amerikaner Bobby Fischer – immer umweht die Figur des Schachgenies ein Hauch von Einsamkeit und Gefährdung. In Stefan Zweigs berühmter Erzählung „Schachnovelle“ (1942) rettet ein unbekannter Schachkönner während einer Ozeanreise einigen vermögenden Amateuren im Simultankampf mit einem Großmeister ein unerwartetes Remis. Der tragische Hintergrund: Der unbekannte Meister hat sich in Gestapohaft mit Schachübungen vor dem Wahnsinn der Isolation gerettet. Jetzt ist ihm das Spiel eine gefährliche Sucht. Wolfgang Pieper war fern von solchen Randzonen gefährlicher Perfektion.

"Ein Kenner des Schach"

„Als Spieler war er selbst mittelmäßig. Dafür war er aber ein wirklicher Kenner des Schach“, berichtet der Wallenhorster Religionswissenschaftler Eberhard Güting, der mit Pieper über Jahrzehnte in der Schachabteilung des TSV Osnabrück verbunden war. Güting wie der Hildesheimer Martin Sokor schätzten Pieper als Historiker und Sammler des Schachspiels. Güting hebt Piepers unfassbar große Schachbibliothek hervor, Martin Sokor, Piepers Hildesheimer Schachfreund, verweist darauf, dass Pieper sogar in der internationalen Schachwelt einen guten Namen besessen habe, zuletzt in den Lockdowns aber auch darunter gelitten habe, seinen Aktivitäten gemeinsam mit anderen nicht mehr wie gewohnt nachgehen zu können.

Ratgeber der Großmeister

Der gleiche Mann, der Schülern am Osnabrücker Ratsgymnasium oder am Bramscher Greselius-Gymnasium erklärte, was man unter Bauernopfer oder Rochade zu verstehen hat, war als Sekundant bei großen Turnieren gefragt oder als Ratgeber, wenn es um verzwickte Schachprobleme ging. Wo gab es diese Eröffnung schon einmal, wo diese Konstellation im Endkampf? Selbst Großmeister sollen Wolfgang Pieper um Rat gefragt haben. Der fahndete in den Weiten der historischen Schachliteratur nach Lösungen für aktuelle Wettkampfprobleme. „Seine Leistung ist überhaupt noch nicht richtig gewürdigt worden“, sagt Martin Sokor, der zugleich anregt, die reich bestückte Schachbibliothek Piepers unbedingt zusammenzuhalten.

Seine letzte Aufgabe gelöst

Aber wer mag im Augenblick daran denken? Die Fassungslosigkeit über Wolfgang Piepers Tod ist groß. Jugendliche trauern um ihn, denen er am Brett geduldig die Züge der Schachfiguren nahebrachte, Vereinskameraden, mit denen er sein Clubleben teilte, Menschen, denen der Mann mit dem Stirnband, der immer ein wenig in seinen Gedanken versunken schien, auf der Straße auffiel. Und Leser der Neuen Osnabrücker Zeitung trauern um ihn. Zum Beispiel Christoph Scholz. Piepers Schachaufgaben haben ihn viele Jahre hindurch begleitet. Jetzt sendet er die Lösung der letzten, der Nummer 2199, ein. Sie lautet: 1. Lh4 Kh2 2. g5 Sd5+ 3. Kg4 Kg2 4. f4 Sf6. Wolfgang Pieper hätte diese Lösung sicher gefallen.

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