Dritter Anfall : "Spitzenpolitiker ist Höllen-Job": So kommentiert die Presse Merkels Zittern

Bereits zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit hatte die Kanzlerin Angela Merkel einen Zitter-Anfall.
Bereits zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit hatte die Kanzlerin Angela Merkel einen Zitter-Anfall.

Sollte die Kanzlerin mehr über ihren Gesundheitszustand preisgeben?

von
11. Juli 2019, 11:47 Uhr

Hamburg | In einer Woche wird Angela Merkel 65. Nachdem ihre Zitteranfälle in der Öffentlichkeit sich häufen, muss sich die Kanzlerin unangenehmen Fragen stellen. Auch in den Medien wird der Wunsch nach mehr Aufklärung laut:

Im "Kölner Stadt-Anzeiger" ist zu lesen: "Krankheiten sind Politikern gestattet, sie haben ein Recht auf Regeneration von ihren kräftezehrenden Aufgaben. Aber eine Krankheit wird zum Politikum, wenn nicht mehr gewährleistet ist, dass der Politiker oder die Politikerin die Aufgaben in voller Energie ausfüllen kann. Es ist sehr gut möglich, dass daran im Fall von Merkel gar kein Zweifel bestehen müsste. Möglicherweise ist es punktuell und auf Momente des Stillstehens beschränkt. Aber vielleicht auch nicht. Die Kanzlerin sollte sich selbst einen Gefallen tun und diese Fragen offensiv aufklären. Sonst wird sie diese Debatte nicht mehr los."

Die "Bild"-Zeitung meint: "Angela Merkel zittert. Sie muss sich an sich selber festhalten. Es ist das Bild einer starken Frau, die mit ihrer Schwäche kämpft. Über die Gründe schweigt sie, stoisch bis störrisch. Mit einer Mischung aus Mitgefühl und Ratlosigkeit dürften die meisten Deutschen zugeschaut haben, ebenso Medien rund um den Globus. Angela Merkel wollte einen selbstbestimmten Abgang aus der Politik, frei und nicht als Wrack. Je länger sie zögert, umso weniger wahrscheinlich ist, dass ihr das auch gelingt."

Die regierungsnahe Budapester Tageszeitung "Magyar Nemzet" ist der Meinung: "Wir wissen nicht, wie lange die Politikerin schon mit diesen Zitteranfällen lebt. Kann es sein, dass die Beweggründe für ihre bisherigen schlechten Entscheidungen in diesem Bereich zu suchen sind? Ist es möglich, dass ihr persönlicher Einsatz für die Nominierung des ultra-linken Sozialisten Frans Timmermans für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten und ihre Enthaltung bei der Abstimmung (im EU-Rat) zugunsten der Nominierung ihrer Parteigefährtin Ursula von der Leyen verräterische Zeichen waren? Deshalb sollten nüchterne, verantwortungsbewusste politische Führungspersönlichkeiten an Angela Merkel mit demselben Ratschlag herantreten, den jeder Mensch guten Willens einer überlasteten weiblichen Verwandten erteilen würde: nach den Jahrzehnten forcierter Arbeit wäre es angebracht zu ruhen."

"Berliner Zeitung": Es gibt keinen Grund, an Angela Merkels Versicherung zu zweifeln, dass es ihr gut gehe. Allein darauf kommt es an. Politiker sind keine Maschinen, sie haben Macken, Schwächen und Krankheiten wie alle Menschen. Das kann man nun an Angela Merkel ganz öffentlich verfolgen. Und sicher nicht zu ihrem Vergnügen spricht sie, die ihr Inneres sonst kaum thematisiert, öffentlich darüber.

In der in Rom erscheinenden "La Repubblica" ist zu lesen: "Wie geht es Angela Merkel wirklich? Der dritte Zitter-Anfall in drei Wochen hat erneut Unsicherheiten über den Gesundheitszustand der Kanzlerin ausgelöst, die dementiert, Probleme zu haben. Der Vorfall dauerte kurz und Merkel hat sofort die Kontrolle wiedererlangt. Aber wie unter solchen Umständen unvermeidbar, macht das Fehlen von Informationen den Vorfall noch alarmierender."

"Oberhessische Presse": Die Zurschaustellung eigener Schwäche gehört nicht zum Konzept dieser Regierungschefin, die man respektiert auf internationalem Parkett, die es immer wieder schafft, den vermeintlich Großen der Weltpolitik auch einmal gehörig den Marsch zu blasen oder sie einfach dumm in der Ecke stehen zu lassen. Weil das so ist, weiß Angela Merkel selbst genauestens, was für ihre Reputation auf dem Spiel steht, wenn sie jetzt eine Auszeit nehmen müsste. Fiele sie jetzt aus als ruhender Pol an der Spitze der großen Koalition in Berlin, als nimmermüde Vermittlerin auf europäischer Ebene oder als bärbeißige Dompteurin globaler politischer Widersacher - viel stünde wohl zur Disposition.

Und die "Allgemeine Zeitung": "Spitzenpolitiker zu sein, kann ein Höllen-Job sein – immer auf Hochtouren, immer in der Kritik, und das immer in aller Öffentlichkeit. Wie lange Angela Merkel ihrem Job noch gewachsen ist, kann am Ende nur sie selbst beantworten. Es ist ihr zu wünschen, dass sie am besten weiß, was sie sich noch zumuten kann und sollte."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen